Die Ratingagenturen und die Beschwichtiger

Es hilft nicht viel, den Überbringer der Nachricht zu prügeln. Frankreich hat nicht nur die höchste Bonitätsnote verloren, sondern auch Einfluss in der EU. Das Gewicht verschiebt sich Richtung Berlin.

Nach der Zeugnisverteilung waren die Beschwichtiger, Trostspender und empörten Realitätsverweigerer am Wort. Die schlechteren Noten seien ungerechtfertigt, verlautete in waldorfpädagogischem Einklang aus den Staatskanzleien zwischen Wien, Paris und Rom. In der harten Beurteilung seien weder die allenthalben eingeleiteten Reformen gebührend gewürdigt worden noch die jüngste Entspannung an den Anleihenmärkten.

Die Schuld suchten die Regierenden erwartungsgemäß nicht bei sich selbst und den von ihnen aufgetürmten Schulden, sondern bei den anderen, in erster Linie beim Überbringer der unerquicklichen Nachricht. Ewald Nowotny, der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, unterstellte der US-Ratingagentur Standard&Poor's kaum verhohlen politische Absichten. Er führte den Seitenhieb nicht aus. Doch es schwang die beliebte Vorstellung mit, dass da draußen jenseits des Atlantiks eine böse Macht sei, die sich gegen Europa verschworen habe.

„Es sind nicht die Ratingagenturen, die Frankreichs Politik diktieren“, gab der französische Finanzminister Baroin trotzig zu Protokoll. Das kann man sich ausgiebig einreden. Aber natürlich müssen Staaten politisch darauf reagieren, wenn sie für ihre Schulden höhere Zinsen zahlen. Und dazu waren Frankreich und auch Österreich gezwungen, bevor ihnen Standard&Poor's das dritte A nahm. De facto waren sie im Vergleich zu Deutschland schon vor dem Downgrading heruntergestuft. Diese Wirklichkeit hat nun einer der drei Ratingriesen in Großbuchstaben gegossen. Die anderen zwei, Moody's und Fitch, sehen noch nicht so schwarz und führen Österreich und Frankreich noch als Triple-A-Länder; auch das kann sich rasch ändern.

Welche finanziellen Folgen der – teilweise – Bonitätsverlust hat, wird sich bei den nächsten Auktionen von Staatsanleihen zeigen. Frankreich könnte sich dabei zum Totengräber der Eurozone entwickeln. Denn Paris ist nach Berlin wichtigster Bürge für den Euro-Rettungsschirm. Es wäre also nicht verwunderlich, wenn nach Frankreich ausgerechnet jener Fonds heruntergestuft würde, mit dem die EU den Euro vor dem Absaufen bewahren will. Zu verhindern wird das möglicherweise nur sein, wenn Deutschland, Europas letzter Triple-A-Gigant, Geld zuschießt.

Berlin wird dafür einen Preis verlangen. Schon jetzt schwingt die deutsche Kanzlerin Merkel in der Eurokrise den Dirigentenstab. Frankreichs Präsident Sarkozy durfte zuletzt nur noch ihre Noten umblättern und hin und wieder die große Pauke schlagen. Ihn könnte der Verlust des Top-Ratings bei der Präsidentenwahl im Frühling entscheidend schwächen. Wobei ein Sieg der ausgabefreudigen Sozialisten vermutlich schnell zu einem weiteren Downgrading führen würde.

In Europa verschiebt sich jedenfalls das Gewicht zugunsten Deutschlands, das wirtschaftlich vor Kraft strotzt. Doch das könnte letztlich irrelevant sein, weil Europa als Folge der Eurokrise im globalen Maßstab insgesamt an Bedeutung verliert. Ob dafür auch Ratingagenturen verantwortlich sind?

christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2012)

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