Gerüchte vom ökonomischen Ableben sind oft verfrüht

MICHAEL LACZYNSKI (Die Presse)

Noch vor wenigen Jahren galt Deutschland als Europas kranker Mann. Das sollte jenen zu denken geben, die heute Frankreich als hoffnungslosen Fall sehen wollen.

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Es war im Frühjahr 2005. In den USA kletterten die Immobilienpreise in immer lichtere Höhen, in China kam der Aufschwung so richtig in die Gänge, und in London bereitete sich die Regierung von Tony Blair auf die Übernahme des EU-Vorsitzes vor. Viel Lob für die Briten gab es im Vorfeld für das geschmackvolle Logo ihrer Präsidentschaft: ein Schwarm Wildenten auf dem Flug von West nach Ost. Wie der damalige britische Botschafter in Wien jovial erläuterte, war dieser Schwarm als Symbol für die Union gedacht – mit seinem Land als Leitente. Besonders viele Lacher erntete der Diplomat, als er nach Deutschlands Platz in dem Gefüge gefragt wurde. „Deutschland? Das ist der kleine Vogel hinten links.“

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Es fällt einem schwer zu glauben, dass Deutschland noch vor wenigen Jahren in der Position war, in der sich heute Frankreich befindet: abgestempelt als kranker Mann Europas. Im Jurassic Park des Rheinischen Kapitalismus gefangen, strukturell verkrustet, zu Reformen unfähig und auf die Herstellung von so vorgestrigen Dingen wie Industriewerkzeugen spezialisiert – so lauteten damals die Punkte der (nicht nur britischen) Anklage. In der glorreichen Zukunft, wie man sie sich Mitte der Nullerjahre ausgemalt hatte, galten nur die Spielregeln der finanzwirtschaftlichen Quantenphysik.

Doch spätestens mit dem Ausbruch der europäischen Schuldenkrise hat sich das hässliche Entlein von 2005 in einen muskulösen Schwan verwandelt. Das Festhalten an der altmodischen Ingenieurskunst hat sich ebenso bezahlt gemacht wie die unter dem spröden Begriff Hartz IV subsumierten Arbeitsmarktreformen des viel geschmähten Gerhard Schröder. Der mit Abstand wichtigste Grund für Deutschlands Comeback hat aber nur peripher mit der Politik zu tun: Anders als im restlichen Euroland sind die deutschen Lohnstückkosten im vergangenen Jahrzehnt konstant geblieben.

Die Genügsamkeit der Gewerkschaften hat wohl zu einem gewissen Teil mit der von oben angeordneten Redimensionierung der sozialen Hängematte zu tun. Insgesamt fällt aber auf, dass in Deutschland Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Politiker nach wie vor in der Lage sind, wie Erwachsene miteinander umzugehen und realistisch zu planen – anders als etwa hierzulande, wo ohne eine ordentliche Tracht Prügel nichts weiterzugehen scheint. Von der südlichen Peripherie der Union ganz zu schweigen.

Die wenig ruhmreiche Rolle, die Deutschland Mitte des vergangenen Jahrzehnts spielen musste, fällt nun Frankreich zu. Der Verlust der Spitzenbonität vergangene Woche wird von (teils schadenfrohen) Beobachtern zum Schicksalsmoment hochstilisiert, an dem Paris endgültig zum Beiwagerl des deutschen Boliden degradiert wurde. Dabei lehrt das deutsche Beispiel, dass beim Verfassen von volkswirtschaftlichen Nachrufen Schadenfreude und Hast selten angebracht sind.

Gewiss, das Land hat ein strukturelles Budgetdefizit, zu viele Beamte, die aberwitzige 35-Stunden-Woche und einen Hang zu großen Gesten und kleinen Taten. Nichtsdestoweniger sind die Meldungen vom Ableben Frankreichs stark übertrieben. Die unternehmensfeindliche verkürzte Arbeitswoche wurde zwar nicht abgeschafft, aber mit Ausnahmebestimmungen durchlöchert; die industrielle Basis ist nach wie vor robust, man denke etwa an Konzerne wie Total, Sanofi oder Renault; und die von Nicolas Sarkozy durchgesetzte Anhebung des Pensionsalters belegt, dass Frankreich sehr wohl reformierbar ist.

Wenn alles gut geht, dann schafft es Frankreich, sich schön langsam aus dem Sumpf zu ziehen. Bis es so weit ist, bleibt das europäische Gravitationszentrum allerdings fest in Berlin verankert. Das muss keine schlechte Sache sein. Abseits der tagesaktuellen Suche nach dem Ausweg aus der Schuldenkrise ist eine Rückbesinnung auf die erwachsenen Tugenden, wie sie in Deutschland kultiviert werden, dringend vonnöten.

Und noch einen positiven Nebenaspekt hat die Angelegenheit: In Zeiten wie diesen kann eine Dosis Understatement nicht schaden. Auch da ist Deutschland ein Vorreiter, wie sein Logo der EU-Präsidentschaft 2007 belegt – keine lustigen Tiere, sondern nur: die Internetadresse www.EU2007.de. Nüchterner geht's nimmer.

 

E-Mails an: michael.laczynski@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2012)

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34 Kommentare
 
12
Gast: Vom echten Wiener
18.01.2012 11:20
0

Verkaufts mei Gwaund

I foar in Himmi

Gast: Hammvieh
17.01.2012 12:46
2

Ja, aber

... in Deutschland leben Deutsche und in Frankreich Franzosen.

Antworten Gast: Grenzüberschreitende Vermischung
18.01.2012 11:18
0

In Frankreich leben und arbeiten auch viele Deutsch und Österreicher

Ich z.B.
Und in Deutschland leben und arbeiten viele Franzosen, in Österreich weniger

bei diesem kommentar wurde nur ein fakt 'übersehen'


nämlich: WANN die deutschen reformen stattgefunden haben. das war vor knapp 10 jahren, als die konjunktur auf volldampf dahinbrauste!

das hat d geholfen, die anlaufverluste (reduktion des eigenen wachstums, 1 mio zusätzliche arbeitslose, hohe verschuldung --> es gab bekanntermaßen sogar einen blauen brief aus brüssel) wegzustecken und sich aus der talsohle wieder nach oben ziehen zu lassen.

hätten das auch andere länder wie frankreich oder ö tun sollen? natürlich, doch es ist müßig, über verschüttete milch zu klagen.
und es ist sogar zweifelhaft, ob bei einer größeren beteiligung die konjunktur nicht massiv gelitten hätte und selbst die sanierung von d gescheitert wäre.

Antworten Gast: Halbwissen
17.01.2012 19:41
0

Re: bei diesem kommentar wurde nur ein fakt 'übersehen'

Vor 10-12 Jahren ist die Technologieblase geplatzt !

Die Zinsen waren für Deutschland zu hoch und für den Rest von Europa zu niedrig.

Und Sie haben recht, das ohne den darauf folgendem Boom rund um Deutschland die Sanierung nicht funktioniert hätte.

Gast: Gast 8
17.01.2012 12:12
1

Wie hätte es gutgehen können?

Alle haben was vom Euro, aber sicher nichts Gutes. Alle haben sich drauf verlassen, jetzt kommt die Rechnung.Schon vergessen daß Deutschland die Wiedervereinigung finanziert hat? Bin mir nicht so sicher daß der Euro sooo gut war. Möchte gerne hören warum. Exporte im Euroraum haben/hätten die anderen auch.

Gast: Markus Trullus
17.01.2012 06:59
6

der Schritt wär gar sooo groß nicht....

Jetzt mal ohne zu sudern und blöd zu tun: Wir Ösis könnten ganz, ganz locker an allen vorbei auf die Poleposition ziehen; "harte" Strukturreform beim Staat exekutieren, Abschaffung von allem, was hinderlich wirkt, Effizienz erhöhen ( zB "Maßnahmen" an Abristssuchenden des AMS, da werden hunderte Millionen verbraten, sinnlos!), ÖBB eine echte Reform durchziehen (ohne Subventionen geht niergends ein Massenverkehrsmittel!), usw. Das kostet a la long keine, das bringt zusätzliche Arbeitsplätze! Schweden hats gezeigt! Vom SP Gewerkschaftsstaat zum effizienten 20 Jhdt Gebilde! Und die Wirtschaft stark unterstützen, den eingeschlagenen Weg intensiv weiter zu gehen. Mehr müsst ma gar nicht tun! Keine Kopfstände. Aber die Schrebergärtner und Bremser der Nation sind ja nicht einmal dazu bereit. Nur Umverteilen, das woll sie.... Hirnkrank!

frankreich ist nicht deutschland

und ausser wein & kaese produzieren die schneckenfresser ziemlich wenig

hie und da ein paar fahrzeuge (weil autos kann man diese gurken ja nicht nennen)

wer schon mal in frankreich bei einer durchschnittsfamilie in der wohnung war und dann das gleiche in deutschland, dem wird schnell bewusst wo die "unterschiede" liegen, bezueglich gruendlichkeit, sauberkeit und ordnung - und ohne dem ist alles vergebens. die deutsche tugend ist das licht, dass (noch) in europa scheint

Antworten Gast: Geh auf die Toiletten Civil liberties
17.01.2012 10:42
0

Wieder so ein österreichischer Frankreichhasser,

der außer Nazi-Vorurteilen nichts über Frankreich weiß ....

Antworten Antworten Gast: Gast 8
17.01.2012 12:19
0

Re: Wieder so ein österreichischer Frankreichhasser,

Bin dort aufgewachsen, es stimmt. Die Großindustrie wird unterstützt, der Mittelstand hinkt und alle reden mehr als sie handeln. Es gibt wie überall andere, aber die Masse ist so. Die Männer verbringen den ganzen Tag in Besprechungen.Wer sehr viel arbeitet sind die Frauen.
Aber sie sind kreativ und ihre Tugenden sind in der globalen Weltwirtschaft ziemlich ungefragt im Moment. Diese klischees sind auch bei Griechenland wahr. Damit können wir aber die Krise nicht lösen.

Antworten Gast: Der Notar
17.01.2012 10:35
0

Sie sollten

sich nicht zuviel in der Rue Blondel aufhalten, sondern einmal im Marais probieren.

Re: ... in frankreich bei einer durchschnittsfamilie in der wohnung?

Also, sollten Sie nicht andere Umgangsebenen versuchen?


Antworten Gast: nestbeschmutzer
17.01.2012 07:01
0

Re: frankreich ist nicht deutschland

Nun ja, auch ein weig einseitige Sicht. Ariane, Airbus, Thales, alles High Tech usw. alles nix,oder????

Re: Re: frankreich ist nicht deutschland

Schon richtig: trotzdem, der Kommentar ignoriert geflissentlich die Unterschiedliche Struktur des BIP zwischen Frankreich und Deutschland.

Deutschland war schon immer extrem Exportorientiert, was in einer Zeit des ökonomischen Abschwungs natürlich hilfreich ist - exportiert man halt ins EU-Ausland.

Der Deutsche Erfolgsweg ist für Frankreich nicht gangbar. Die Strukturreformen sind notwendig, um das Werkl zu reparieren. Aber um es wieder in Gang zu bringen wird wohl eine kräftige Staatsausgabenspritze nicht zu vermeiden sein.

Gast: Ich lade Euch alle ein
17.01.2012 01:30
0

Kommt zu meinem Begräbnis

Und dann zu Leichenschmaus ....

Antworten Gast: Totengräber
17.01.2012 02:06
0

Daun sema uns am Zentreu

I schaufe schon die Gruam

Gast: HihiHaha
17.01.2012 01:09
0

Guillotine!

In F ist doch kaum was und da wird auch kaum was zu machen sein!

Antworten Gast: Kläffffffff
17.01.2012 01:21
0

Zu früh gefreut

auch mich werdet ihr nicht so schnell begraben und die Guillontine sparen wir für andere auf ....

gab es in deutschland

auch eine kapitalflucht nach frankreich?

zur zeit wandert nämlich so gut wie alles kapital aus frankreich nach deutschland.
die französische kapitalflucht ist mittlerweile größer als die italienische.

Antworten Gast: Deine Bank
17.01.2012 01:22
0

hast, pass auf, dass dein Kapital nicht flieht

- es hat sich schon auf die Socken gemacht, nach Albanien

Gast: "Presse": (absichtlich) tendenziös und irrlichternd
16.01.2012 19:46
1

Schwachsinn ! Frankreich ist keine kranker Mann, sondern produziert Hochtechnologie

- Renault: die ersten wirklich brauchbaren Elektroautos auf dem Welt- Markt (seit Beginn 2012 auch in Österreich erhältlich)

- Frankreichs Ariane-Rakete und überhaupt die beste Luftfahrtindustrie Europas

- es sei auch gesagt, obwohl nicht gerne gehört: die besten Atomkraftwerke weltweit

- die besten Züge Europas (TGV & Co, von den Chinesen nun imitiert)

- natürlich auch: eine der bedeutendsten Waffenproduzenten der Welt

und noch vieles mehr.

Großbritanien wird am Ende der kranke Mann sein, denn dort gibt es praktisch keine Industrie mehr, sondern nur den Finanzplatz City London.

Also liebe "Presse" und lieber Autor, nicht einfach auf Grund von Vorurteilen niederschreiben, sondern recherchieren und denken ..
(jetzt bin ich neugierig ob mein Beitrag wegzensiert wird)
Aber es ist richtig: Deutschland ist auch gut, Frankreich und Deutschland sind Europas führende Industrienationen

Re: Schwachsinn ! Frankreich ist keine kranker Mann, sondern produziert Hochtechnologie

Wir einigen uns in einer Formulierung:
Ausser Österreich ist der ganz Europa krank!

"Schwachsinn ! Frankreich ist keine kranker Mann"

Die spinnen, die Amis, einfach runterstufen. Wie die nur drauf kommen? Die Glorie der Grand Nation so zu beschmutzen!

Wusste gar nicht, dass die franz.Luftfahrtindustrie, also Airbus, ein französisches Unternehmen ist.
Ist eigentlich die Münchner Münchner Messerschmitt/Bölkow/Blohm, die Franz Josef Strauss europäisierte. Ohne ihn gäbe es keinen Airbus.

Die Ariane würde auch nicht- sowieso eher schlecht denn recht- ohne die Deutschen fliegen.

Und wie stehst mit der französischen Eu-finanzierten Landwirtschaft und Fischerei?

Antworten Gast: radius
16.01.2012 22:02
1

Hochtechnologie mit unlauteren Methoden und Staatssubventionen.

Die EU macht es möglich.

Antworten Gast: tristan-akkord
16.01.2012 20:39
0

Re: Schwachsinn ! Frankreich ist keine kranker Mann, sondern produziert Hochtechnologie

irgendwie was falsch mitbekommen, der autor schreibt doch eh, dass die FR Wirtschaftsleistung unterschätzt wird.

Was ich an dem Kommentar viel interessanter finde: bis jetzt wurde der cameron, GB und die Finanzwirtschaft doch so heftig verteidigt ...
... und jetzt sind wieder realwirtschaftliche Unternehmerwerte gefragt... die ökonomischen Kapriolen der letzten Jahre, liebe Presse, wurden auch von dir pflichtschuldigst mitgetragen...

was aber nicht deinen einsatz für bürokratieabbau, und weniger Staat schmälern soll....

Antworten Antworten Gast: Für Klare Tatsachen
17.01.2012 00:17
0

Also "Kranker Männer" in Europa sind wohl eher die Griechen, Italiener, Briten und Iren

aber doch nicht Frankreich. Da hat sich der "Presse"-Autor tatsächlich vergriffen.
Ja, auch die die Briten bzw. Engländer (Schottland will ja weg, auch die Walliser sind nicht glücklich und von Nordirland gar nicht zu sprechen) - obwohl ihnen S&P das Triple A zu sprechen. - Was sie nicht verdienen.

 
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