25.05.2012 23:12 | Meine Presse Merkliste 0

Ungarn: Versuchszentrum für die Simplifizierung der Politik

WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Die Regierung Orbán hat das Land heruntergewirtschaftet, international isoliert und setzt nach wie vor auf einen kuriosen Nationalismus abseits realer Gegebenheiten.

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Die Wellen waren normal: Der Eiserne Vorhang fiel, löste eine Welle der Begeisterung für den Westen aus, dann kam die Welle des Rückzugs in die eigene Nation, schließlich die Einordnung des Landes in die realen Gegebenheiten einer veränderten internationalen Staatengemeinschaft. Alle mittel- und osteuropäischen Reformstaaten haben diese Gezeiten des Umbruchs mitgemacht, sind kurzfristig gestrauchelt, aber mittelfristig doch zu stabilen Demokratien geworden. Ungarn wankt seit Jahren, hat sich geöffnet, verschlossen und fällt derzeit wieder zurück in einen überholten Nationalismus. Eine Stabilisierung ist nicht abzusehen. Das von der EU-Kommission eingeleitete Vertragsverletzungsverfahren wegen politischer Unterwanderung von Justiz, Notenbank und Datenschutzbehörde ist nur ein Symptom dieser Fehlentwicklung.

Regierungschef Viktor Orbán ist als Wirtschaftsliberaler angetreten, hat sich zum Nationalisten gewandelt und hat mit dieser Metamorphose sein Land in eine problematische Isolation getrieben. Statt sich nach dem Desaster der sozialistischen Regierung unter Ferenc Gyurcsány den brennenden Wirtschaftsproblemen zu widmen, konzentrierte er sich auf den Ausbau der Macht in allen staatlichen Organisationen. Von einem augenscheinlichen Verfolgungswahn vor internen Kritikern getrieben, setzte er Vertrauensleute an alle wichtigen Positionen. Und dort, wo das nicht ging, nutzte er die Zweidrittelmehrheit seiner Fidesz im Parlament, um die Umfärbung per Gesetz durchzusetzen.

Ob Medienbehörde, Datenschutzbehörde oder Richterbestellung – Orbán konstruierte ein neues Ungarn, in dem Machtausgleich und demokratische Kontrollmechanismen nach und nach außer Kraft gesetzt werden. Mit nachhaltigem Schaden. Um all das zu rechtfertigen, setzte er auf eine einfache populistische Rhetorik. Er appelliert an den Nationalstolz, befriedigt Vorurteile gegen Andersdenkende und nutzt die zunehmende internationale Isolation, um die eigenen Reihen noch fester zu schließen. Wer sich daran nicht beteiligt, wird als Landesverräter abgestempelt. So wie der Pianist András Schiff, der es gewagt hat, die politischen Verhältnisse in seiner Heimat in einem Beitrag für die „Washington Post“ zu kritisieren, und daraufhin von Regierungsanhängern verunglimpft, sogar als „Saujude“ beschimpft wurde.

Da es wirtschaftlich bergab geht, setzt die Regierung auf einfache Parolen. Ungarn wird zum Versuchszentrum einer simplifizierten Politik, in der Realitäten der internationalen Wirtschaftsvernetzung ebenso ausgeblendet werden wie notwendige Grundregeln für die Selbstreinigung staatlicher Institutionen. Um für die Bevölkerung eine emotionale Perspektive anzubieten, das eigene Scheitern zu verbergen, wird die Schuld für ökonomische Verwerfungen ausländischen Konzernen und Banken zugeschoben. Per Gesetz sollten internationale Investoren geschröpft, Banken zur Konvertierung ihrer Kredite gezwungen werden. Ein simpler Akt der Realitätsumkehrung zur Bedienung der Neidgesellschaft. Denn ohne Investoren, ohne internationale Wirtschaftskooperation wird Ungarn auch in Zukunft keine Meter machen.

Dass Ungarn ökonomisch immer stärker abgleitet, wird gern auch der sozialistischen Vorgängerregierung in die Schuhe geschoben. Das mag seinen wahren Kern haben. Viktor Orbán war freilich zwischen 1998 und 2002 bereits einmal selbst Regierungschef einer Koalitionsregierung. Zu einer notwendigen Restrukturierung der ungarischen Wirtschaft, einer stärkeren Wettbewerbsfähigkeit hat auch diese Episode wenig beigetragen. Und das war lange vor der aktuellen Wirtschaftskrise.

Auf simplem Weg wird dieses Land nicht aus der Krise finden, ohne Hilfe europäischer Partner wohl auch nicht. Dessen muss sich auch Österreich bewusst sein. Es ist unser nahes „Griechenland“. Ungarn straft alle Lügen, die in der Renationalisierung die Antwort auf aktuelle ökonomische Herausforderungen sehen. Ungarn hat nicht den Euro, sondern eine eigene Währung, kann also abwerten, seine Wettbewerbsfähigkeit zumindest kurzfristig stimulieren. Doch wo nichts ist, kann auch nichts werden. Es fehlt an der Basis, an der Offenheit, an der Internationalität.

 

E-Mails an: wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2012)

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62 Kommentare
 
1 2
Gast: Lukas
24.01.2012 00:39
0 0

nicht Orban hat das Land herunter gewirtschaftet

es war die sozialistische Vorgängerregierung, die das Land an die Wand gefahren hat. Orbans Methoden sind vielleicht unkonventionell aus der Sicht linker Zeitgenossen. Er versucht aber Ungarn aus dem Schlamassel zu ziehen. Demokratiegefährdung ist eher in Österreich anzuprangern, wo SPÖVP die Legislaturperiode um 1 Jahr ohne Volksabstimmung verlängert hat. Da waren Österreichs Parade-Journalisten jedoch auf Tauchstation.

luda2010
22.01.2012 19:38
0 0

Fremdenfeindliche Anti-fremdenfeindliche :-)

zu FREMD!

warum stört "uns" Ungarn so sehr?
weil sie es wagen auszuscheren aus dem Sekte der guten, korrekten Europa-Liebehaber

uns stört ihre "Fremdheit"- so fremd darf niemand sein, sorry....
nein, U. ist zu FREMD

also wer ist hier fremden-feindlich? :-))))

luda2010
22.01.2012 19:36
0 0

Fremdenfeindliche Anti-fremdenfeindliche :-)

warum stört "uns" Ungarn so sehr?
weil sie es wagen auszuscheren aus dem Sekte der guten, korrekten Europa-Liebehaber

uns stört ihre "Fremdheit"- so fremd darf niemand sein, sorry....

also wer ist hier fremden-feindlich? :-))))

1 0

Und wer sitzt in Österreich in den Institutionen...?

Wer bestellt "befreundete" Richter, ORF-Leute, Beamte, Verfassungsrichter, etc?

Wer gibt in Österreich mehr als 100 Millionen jährlich aus, um sich genehme Medien zu halten?

Wer verfolgt gerichtlich freie Meinungsäusserungen und freie Rede (versteckt hinter Beleidigung, Islam-Verhetztung z.b)???

Ist Österreich sooooo viel anderes als Ungarn oder einfach (dank Sozis) besser "vernetzt"?

Antworten Gast: Krisztian
19.01.2012 12:45
0 0

Re: Und wer sitzt in Österreich in den Institutionen...?

Danke aus Ungarn.

Gast: radius
19.01.2012 08:27
2 0

Als Österreicher würde ich die gesamte Sache differenzierter sehen

und nicht nur den Schulzes, Swobodas, etc. nachplappern, Herr Böhm.

Die Politik hat im Proporz mit Hilfe der des Korruptionssystems Sozialpartnerschaft den österreichischen Staat unterwandert. Spitzen des Eisbergs kochen immer wieder hoch.
Dasselbe gilt für Frankreich, Italien, etc. und auch für die große EU.

Gast: astray
18.01.2012 23:17
1 1

böhm

erbarmlich undifferenzierter,linkslastiger pressekommentar dieses herrn böhm!

Gast: astray
18.01.2012 23:12
1 1

böhm

ein völlig einseitiger,linkslastiker artikel dieses presse-redakteurs.
kreaturen wie dieser schulz,cohn-bendit bis hin zu svoboda werden in diesem artikel indirekt unterstützt.figuren,die österreich damals sanktioniert haben.
das presse-niveau ist erbärmlich-derzeit.

Gast: Biedermannsdorf
18.01.2012 20:34
1 0

Viktor Orbán

Der Geist der Freiheit wird den Kontinent durchwehen

Gast: Eisenherz
18.01.2012 17:49
5 2

Der Geist der Freiheit wird den Kontinent durchwehen,

denn der Sozialismus, sein inquistorischer Anspruch auf das Moral- und Wahrheitsmonopol, seine unablässigen dumpfen Drohungen gegen Andersdenkende, seine Verleumdungsexzesse und seine Unfähigkeit, den mit Talenten und Fleiß ausgestatteten Tüchtigen Entfaltung zu gewähren, seine Gier nach dem Geld der Erfolgreichen und sein stetes Schüren von Hass und Argwohn gesellschaftlicher Gruppen gegeneinander nach Manier einer Bürgerkriegsgesellschaft, sie sind am Ende. Ungarn hat sich befreit von den unfähigen linken Dauerlügnern - nun soll sie der Zorn der europaweit im Abdanken befindlichen linken Gerontokraten treffen. Es lebe das tapfere Volk der Ungarn !

Gast: BKA
18.01.2012 14:45
9 2

Besonders herzig ist der Vorwurf

die ungarische Nationalbank würde durch Orban politisch besetzt: wir mit unseren Novotnys, Tumpel-Gugerells, Vranitzkys und Konsorten! Unglaublic! Und auch noch nach dem politisch motivierten EURO-Mißerfolg dieser 68er Wirtschaftsdilettanten an der Spitze der EU und im sogenannten EU Parlament der Kohn-Bendits! Vielleicht macht man sich doch einmal Gedanken was für Ungarn 45 Sowjetbesatzung und real existierender Sozialismus bedeutet haben!

Antworten Gast: zetto
18.01.2012 15:57
1 3

Re: Besonders herzig ist der Vorwurf

Entweder Sie verstehen es nicht, oder wollen es nicht verstehen.

Es geht nicht um die Postenbesetzung, sondern um die direkte per Gesetz beschlossene Anbindung an die Regierung.

Gast: Hansi Hüpfer
18.01.2012 12:15
10 2

Brownnosing the EU again?

Eine Riesenschande gegen Ungarn zu hetzen, nur um dem linken EU-mainstream im voreilendem Gehorsam in den A..zu kriechen.
Haben sie die ungerechtfertigten Sanktionen gegn Ö. schon vergessen? Jetzt für das uns freunlich gesinnte Ungarn plädieren, statt in die linken EU einzustimmen!

Órban ist Kommunist. Punkt.

Ein rechts verbrämter zwar, aber es gibt ja auch reichlich linke Nationalsozialisten. Órban hat klar während der sozialistischen Diktatur Politik gelernt.

Paul Katz
18.01.2012 09:02
3 14

Kommentare

Man sieht ja schon am Einsatz der zahlreichen FIDESZ-Berufsposter hier, wo Ungarn steht.

Antworten Gast: Bademeisterin
18.01.2012 18:59
2 0

Re: Kommentare

Na ja, die Kommunisten lassen diesmal auch total aus! Die sind auch nicht mehr das was sie einmal waren!

Gast: robinson
18.01.2012 08:52
10 4

Böhm als williger Erfüllungsgehilfe

der Hochfinanz. Was sind da Werte wie Demokratie, Selbstbestimmung und staatliche souveränität, wenn die Banken ihre Interessen verwirklicht sehen wollen?
Armselig ist die PRESSE geworden....

Antworten Fritz
18.01.2012 15:51
0 5

Re: Böhm als williger Erfüllungsgehilfe

Dann schreiben Sie doch in der Kronenzeitung Ihren Schmarrn!

Antworten Gast: Grummelbart2
18.01.2012 09:34
5 3

Re: Böhm als williger Erfüllungsgehilfe

Nix da mit "Hochfinanz".

Werfen sie einen Blick in Ihren Einkaufswagen. Früchte aus der Türkei und Israel, Elektrogeräte aus Indien und China, Brot teilweise aus Deutschland. Wir leben in einer internationalisierten Welt - auch ganz abseits der "Hochfinanz". Ein Rückzug ins eigene Land, ein vergraulen ausländischer Investoren hat auch ernstzunehmende Folgen für jeden Einzelnen - unabhängig von den Interessen der Banken.

Kein Staat kann sich zu 100% selbst versorgen, wie Kuba und Nordkorea eindrucksvoll vorführen. Kein Staat kann ohne Rücksicht auf das internationale System sein "eigenes Süppchen" kochen. Das sind ganz einfach die realen Grenzen der staatlichenS ouveränität - diese gab es jedoch immer schon und wird es auch in Hinkunft geben (so wie die Freiheit jedes einzelnen auch eingeschränkt ist - ich DARF mir zwar einen Porsche kaufen, nur wird es sich halt nicht ausgehen).

cerberus
18.01.2012 08:46
5 2

Der Versuch der EU die nationalstaatliche Souveränität auszuhebeln

Drohungen sollen gefügig machen. Gerade Österreich sollte sich noch gut an die gegen uns, die Demokratie verhöhnenden, Sanktionen erinnern. Die Demokratie wird hier zu Grabe getragen Herr Redakteur. aber das merken Sie offenbar nicht, oder dürfen es nicht schreiben, da es der Blattlinie widerspricht. Ein angepaßtes Blattl geworden, die einsrmals freie PRESSE.

Gast: Enttäuschter Leser
18.01.2012 08:23
12 2

Das Niveau der Presse sinkt

Geht langsam in Richtung "Der Standard".

Wahnsinn was im Zuge der großangelegten Hetzerei an Lügen ausgedacht werden.

Antworten Gast: Fid Esser
18.01.2012 15:59
0 2

Re: Das Niveau der Presse sinkt

Welche Lügen jetzt genau?

Das Orban Verträge gebrochen hat ist belegt.

Antworten Antworten Boris
18.01.2012 16:19
4 0

Das Orban Verträge gebrochen hat ist belegt.


da ist er mit den EU Granden in guter, sogar bester Gesellschaft - schon Helsinki und Lissabon vergessen?
Wer hat diese Verträge eingehalten?

Welches Land?

Gast: Frager
18.01.2012 08:17
12 2

Wie lange wird die Hetzerei gehen: bis auch in Ungarn Goldman Sachs Marianetten installiert hat?

Wie lautet der Auftrag den die Medien erfüllen müssen?

Antworten Fritz
18.01.2012 15:53
0 4

Re: Wie lange wird die Hetzerei gehen: bis auch in Ungarn Goldman Sachs Marianetten installiert hat?

NEIN, weil schon viel früher der Pleitegeier landet!

Gast: Bürger1
18.01.2012 07:46
7 1

Abwirtschaften

Also Viktor Orbán war nicht derjenige, der Ungarn abgewirtschaftet hat. Das haben schon die Sozialisten in ihrer Regierungszeit 2002-2010 geschafft. Übrigens sehr konsequent.

Gut kann ich mich noch an die Zeit vor gut zehn Jahren erinnern, damals war Ungarn wirtschaftlich auf sehr gutem Kurs. Und dann kam "Gerechtigkeit" à la Sozialisten.

Faszinierend ist nur, welche Maschinerie den Sozialisten offensichtlich nach wie vor zur Verfügung steht, um alles und jedes, das nicht ihrer Verschwendungspolitik konform geht zu verunglimpfen und zu vernadern.

 
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