25.05.2012 23:12 | Meine Presse Merkliste 0

Erst löschen, dann über Wasserschäden diskutieren

JOSEF URSCHITZ (Die Presse)

Die kommende Rezession fällt milde aus – wenn nichts Großes mehr passiert. So, wie die Euro-Politik agiert, sollte man das nicht ganz ausschließen.

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Fragt man österreichische oder deutsche Unternehmer, wie stark die kommende Rezession denn ausfallen werde, dann lautet die Standardantwort: „Welche Rezession? Unsere Auftragsbücher sind voll!“

Fragt man dagegen Prognoseinstitute oder gar die Weltbank, dann bekommt man leicht weiche Knie: Das Szenario für die Weltwirtschaft sei „düster“, heißt es etwa in der gestern veröffentlichten jüngsten Prognose der Weltbank für die Konjunktur. Global werde das Wachstum auf 2,5 Prozent zurückgehen. Die Industrieländer – speziell die der Eurozone – müssten gar mit einer Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts rechnen. Und, setzen die Weltbank-Prognostiker hinzu: Wenn die Prognose nicht hält, dann kommt es schlimmer. Abweichungen werden eher nach unten als nach oben geschehen.

Bei Konjunkturprognosen ist eines sicher: die Revision nach drei Monaten. Und eine alte Ökonomenweisheit lautet, dass das Schlimmste dann überstanden ist, wenn wirklich alle die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und die Krise bejammern. Gut möglich, dass die österreichischen Unternehmer zu optimistisch und die Weltbank-Experten zu pessimistisch sind.

Ein gutes Barometer sind in solchen Situationen die Börsen: Wer viel Geld auf Basis von Zukunftsszenarien investiert, ist darauf angewiesen, dass seine Prognosen besonders sorgfältig erarbeitet sind. Wenn sie die Realität nicht treffen, dann gibt es in diesem Fall nämlich keine achselzuckende Revision, sondern einen schmerzhaften Verlust.

Die großen Börsenindizes zeigen sich seit Jahresbeginn bemerkenswert stabil. Das heißt, die Anleger gehen vom ersten Teil des Weltbankszenarios aus: von einem scharfen Wachstumsrückgang in den Emerging Markets und einer milden Rezession in der Eurozone, die freilich in einzelnen Peripherie-Eurostaaten durchaus schmerzhaft ausfallen kann. Beides ist seit Herbst Common Sense, in den Börsenkursen also längst eingepreist. Wir können demnach davon ausgehen, dass die beginnende Konjunkturkrise wesentlich milder ausfällt als jene 2008/2009.

Wenn, ja wenn nichts Großes mehr passiert. Denn ein größeres „Kreditereignis“ – etwa ein ungeordneter Zusammenbruch Griechenlands – würde all die (vergleichsweise) schönen Prognosen sofort zu Makulatur machen und wirklich schwere konjunkturelle Schockwellen um den Globus schicken.

Leider ist diese Gefahr sehr real. Und wenn man sich ansieht, wie die Politik der Eurozone bisher auf die Krise reagiert hat, dann ist der aufkeimende Optimismus schnell wieder dahin. Die Entscheidung über Absturz oder Nichtabsturz der Weltkonjunktur fällt in den nächsten Wochen in den europäischen Staatskanzleien. Wenn nach dem bisher praktizierten Muster weitergemurkst wird, dann werden wir sehr böse Überraschungen erleben.

Für die diversen Krisenfeuerwehrleute in Regierungen und globalen Finanzinstitutionen wird es jetzt übrigens auch langsam Zeit, mit der Wahrheit herauszurücken. Diese lautet: Vorübergehend geht es jetzt nicht um ideologische Kinkerlitzchen oder akademischen Streit zwischen verschiedenen ökonomischen Lehrmeinungen. Jetzt geht es darum, das lichterloh brennende Haus Eurozone zu löschen, bevor der Vollbrand außer Kontrolle gerät. Die EZB wird also wohl mit der Bazooka auffahren müssen. Und die demokratiepolitisch äußerst bedenklichen Eingriffe der EU in die Budgethoheit von Eurostaaten– wie sie in Griechenland und Italien de facto ja schon praktiziert werden – werden sich wohl häufen.

Jetzt sollte man nicht darüber diskutieren, ob das gut oder schlecht ist oder ohnehin längst mehrfach gebrochenen Verträgen entspricht, sondern darüber, wie man das nach hoffentlich erfolgreicher Sanierung wieder auf die Reihe bekommt, ohne dass „Löschwasserschäden“ in Form von hoher Inflation und gewachsenen Demokratiedefiziten übrig bleiben.

Das braucht auf Europa-Ebene freilich Politiker, die endlich anpacken. Und nicht, wie bei uns, darüber diskutieren, wie man irgendwann ab 2016 beginnen kann, den Staatshaushalt in Ordnung zu bringen.

 

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2012)

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7 Kommentare
periskop
19.01.2012 16:44
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Meistens kommt es schlimmer als man denkt!

Natürlich merken Unternehmer und auch Konsumenten nichts von einer Krise, die kommt ja erst, wenn wirklich gespart wird! Bis jetzt wird aber die Schuldenpolitik "auf Teufel komm raus" weiter getrieben, das böse Ende kommt erst später!

Die gute Performance der Börsen ist wirklich erstaunlich. Könnte es sein, dass die Anleger in Sachwerte (Aktien) flüchten, weil sie dem Geld nicht mehr trauen?

Wenn man Griechenland längst in eine geordnete Pleite hätte gehen lassen, so wäre das für die Weltwirtschaaft nicht angenehm aber auch nicht gefährlich. Auch wenn dann in gehörigem Abstand noch der eine odere Staat gefolgt wäre, so hätte das keine Katastrophe ausgelöst.

Statt dessen zwingt die EU mit ihren Rettungsschirmen die noch gesunden Staaten, sich dafür so lange weiter zu verschulden, bis alle pleite sind und die ganze EU gemeinsam abstürzt.
Das ist dann aber ein solch riesiger Brocken, dass die Weltwirtschaft das niemals verkraften kann, eine ungeheure Krise ist die Folge!

Die Rezession wegen Einschränkung der Staatsausgaben und Zusammenbruch der Nachfrage wird von der EU-Politik nur bis zum "geht nicht mehr" verschleppt, sie ist aber unausweichlich und kann am Ende nicht milde, sondern nur katastrophal ausfallen!

Das EU-Haus steht längst in Vollbrand, weil es bis jetzt gar keine wirksamen Löschversuche gegeben hat. Wenn dann alles niedergebrannt sein wird, kommt es auf die "Wasserschäden" auch nicht mehr an!

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Bei Konjunkturprognosen ist eines sicher: die Revision nach drei Monaten.


hoppla verwechslung: solches gilt für journalisten, herr urschitz!!!

welche deutsch und ö unternehmer mit vollen auftragsbüchern haben SIE eigentlich befragt? oder haben sie das irgendwo abgeschrieben? ohne quellenangabe... sie kleines guttenbergerl!

ich kenne eigentlich keinen einzigen fall, wo eine kurzfristprognose (also wie jetzt vom iwf für 2012) nicht punktgenau eingetroffen wäre. ausser wegen einer krise/krieg u.ä. --> viel schlechter. aber ich lasse mich durch die wirtschaftsexperten der presse (*grins*) gern eines besseren belehren.

ich habe noch eine bitte wegen leichterer lesbarkeit eurer zeitung:
könntet ihr euch bitte mal auf eine halbwegs einheitliche linie eingigen?!?!
beim schellhorn lese ich jedesmal, dass morgen die welt untergeht.
und bei urschitz' leitartikel ist wieder alles rosarot und himmelblau.

Antworten Gast: kebabfreier
20.01.2012 00:17
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Re: Bei Konjunkturprognosen ist eines sicher: die Revision nach drei Monaten.

wie immer intelligent und grammatikalisch supersaubertransparent, danke!

Gast: luzifer
19.01.2012 01:00
8 1

Das Ereignis, das den EU-Raum in die Krise stürzt,

wird von der "europäischen Linken" unter Führung eines Herrn Swoboda oder Cohn-Bendit gerade vorbereitet: mit der Diskriminierung von Ungarn, das man gerne in der Pleite sehen würde. Auch bürgerliche Medien haben sich der linken "Sprachregelung" bereits angeschlossen: die wirtschaftliche Misere hat natürlich Viktor Orban und nicht der ominöse von den Sozialisten gestellte Ex-Premier "verbrochen"! Dabei macht Orban ohnehin nur das, was sich unsere Linke wünscht: intensive Regulierungen auch bei den Banken zugunsten der Bevölkerung!

Gast: Reflector
18.01.2012 22:45
2 0

Andere Dimensionen


Wenn Hr. Urschitz schon lobenswerterweise verlangt endlich generöser und in anderen Dimensionen zu denken, sollte er dann aber konsequenterweise auch mitmachen.

Daher ist die Forderung nun rasch und nachhaltig Taten zu setzen zwar richtig, aber die im Artikel angesprochene Zielgruppe, der heute agierenden Politiker, ist leider die falsche.

Diese Gruppe ist in den letzten Jahrzehnten nur geistig retardiert und ist noch dazu eigentlich der größte Nutzniesser des maroden und dieser Krise zugrunde liegenden Finanzsektors.

Denn ohne billiges Geld aus diesem abstrusen FiatSchuldGeld System hätte es keine derart dreiste Verschuidlungs- und Wählerkaufpolitk gegeben und damit wären auch nicht jene Pfeiffen und deren Freunderl auf die Bühne gekommen die heute dort stehen.

Es ist ein Pyramidenspiel wo die später Eingestiegenen letzlich alles verlieren und bezahlen müssen.

Billiges Geld kauft alles. Und die Käuflichen sind sicherlich nicht jene moralisch Gefestigten die es benötigen würde um dieses Schema zu beenden, denn sie profitieren ja davon.

Dies ist nicht nur in der Politik so, auch in Unternehmen, besonders der in der Finanzindustrie, aber auch in Medien und Justiz schwimmt der Schmutz nun ganz weit oben.

Es ist ein systemischer Fehler, der wie es scheint nur durch Extremereignisse gelöst werden kann.

Wir stehen wieder vor einem solchen.

Daher käme den Medien nun die Aufgabe zu Aufklärung über die Systematik des abstrusen Geldsystems zu betreiben.

Gast: teurofinale
18.01.2012 20:05
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die finanzmärkte mit ihren bankenlobbypolitikern habens endlich geschafft - und der teuro und die eu machen aus ganz europa ein armenhaus.

die eu u.der teuro sind gescheitert u schaden europa nur mehr. die banken, reichen u. geldeliten mit dem eurospekulieren u.den bankenschutzschirmen aus steuergeldern abermilliarden verdient. u.nachdem die staaten nun durch die banker-politik u.bankenmärkte pleite gemacht wurden, lässt man die europäischen bürger im schuldensumpf absaufen. über die medien werden lauter negativmeldungen gebracht. die büger u.arbeitnehmer sind schuld, die sollen jahrzehnte über ihre verhältnisse gelebt haben,so die aktienkonzerne u.bankenmanager.
die staatlichen asvg pensionsten die 45 jahre gearbeitet u.eingezahlt haben werden täglich vom linken ORF u.den massenmedien vorgeführt und als schuldige eines pensionssystems hingestellt. dass in wahrheit die privilegierten u.total unterfinanzierten systeme der bauern, des ORF, der OeNB, ÖBB, wiener beamten usw. mit zig milliarden von den asvg versicherten gestützt werden müssen, schreiben die massenmedien natürlich auch nicht.
dass der mittelstand u. die asvg arbeitnehmer in österreich, einen der weltweit größten u.riesigen aufgeblähten subventions- und förderungsdschungel finanzieren müssen- schreiben die medien natürlich auch nicht.
dass es in österreich praktisch keine banken-kapital-, und vermögenssteuern mehr gibt und A ein steuerparadis frü superkapitalvermögende wurde und A eine internationale beliebte schwarzgeldwaschmaschine(so die presse) wurde, wird von der SPÖ auch so hingenommen. dass dies nicht mehr lange gut gehen kann, war absehbar.

4 0

Naja

Wenn man von der naiven Sicht der Dinge ausgeht, dass nämlich eine immer weiter fortschreitende Verschuldung auf Dauer einfach nicht gutgehen kann, so ist die Weltbankprognose der reinste Euphemismus.
Ich hoffe dass ich mich irre, nur glaube ich es nicht.

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