Endlich einmal ein guter Tag für Österreichs Hochkultur!

24.01.2012 | 18:29 |  BARBARA PETSCH (Die Presse)

Die derzeitige Staatsopernführung bleibt Wien erhalten, ebenso Burgtheater-Direktor Hartmann. Und Roland Geyer geht nicht nach Bregenz. Das ist sinnvoll.

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Kulturpolitik besteht in diesem Land vor allem aus Streit ums Geld – sowie der Frage, wie man kürzen soll. Wo Kulturpolitiker punkten können, das ist seit ewigen Zeiten: Besetzungen, Direktoren. Diese Chance hat die Ex-Bankerin und Kulturministerin Claudia Schmied von Beginn an erkannt. Sie setzte als Staatsopernführung Dominique Meyer und Franz Welser-Möst gegen den Willen des damaligen Bundeskanzlers Gusenbauer durch, der dem Tenor Neil Shicoff Versprechungen gemacht hatte. Nun hat Schmied die Verträge von Meyer und Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann verlängert. Meyer muss zwar noch mit Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst handelseinig werden, aber das ist wohl nur mehr eine Formsache. Denn Welser-Möst freut sich in der Aussendung des Ministeriums bereits auf die weitere Zusammenarbeit mit der Staatsoper.

Eine versteckte Botschaft enthalten die Verlautbarungen trotzdem: Meyers Vertrag läuft bis 2020, jener von Welser-Möst bis 2018, mit einer Option auf Verlängerung bis 2020, die bis 2015 eingelöst werden muss. Klingt kompliziert, könnte aber heißen, dass Welser-Möst, dessen Kontrakt mit dem Cleveland Orchestra bis 2018 läuft, der nächste Wiener Operndirektor wird, mit einem von ihm ausgewählten Manager, z.B. mit dem an der Hamburg Elbphilharmonie vom Baustellenpech verfolgten ehemaligen Wiener-Konzerthaus-Generalsekretär Christoph Lieben-Seutter. Zu viel Zukunftsmusik? Nicht unbedingt.

In Zeiten von Sparpaketen und Wirtschaftskrise kann man nicht vorsichtig genug sein mit der rechtzeitigen Sicherung der Zukunft von Österreichs großen Kulturtankern. Hier agiert Schmied konservativ, aber sehr geschickt. Meyer und Hartmann sorgen für volle Häuser. Beide übertrafen die ohnehin schon beachtlichen Auslastungszahlen ihrer Vorgänger. Das ist heutzutage die Voraussetzung für alles. Bei den Bundestheatern wurde ein Spar- bzw. „Optimierungspotenzial“ von 12,4 Millionen Euro festgestellt. Da kann der hierzulande hochgehaltene Repertoirebetrieb, der das Teuerste an den Staatstheatern ist, schnell abgeschafft sein, wenn die politische Diskussion schrill wird. Solange die Theater aber voll sind, fällt das Wort Umstrukturierung schwerer. Wie sieht es denn nun künstlerisch aus? Hartmann fährt am Burgtheater einen kulinarischen Kurs auf hohem Niveau, das Programm ist manchen „zu nett“, aber die Menschen strömen herbei und scheinen den gesellschaftspolitischen Furor früherer Tage nicht zu vermissen.

In der Staatsoper war Meyers Erneuerung der Mozart-Produktionen umstritten, vor allem bei seinem Generalmusikdirektor. Die Begeisterung über andere Inszenierungsentscheidungen hält sich in Grenzen. Immerhin wurde das Regieproblem angepackt. Inszenierungen sorgen fast immer für Unmut. Das Schauspiel hat sich vom Primat des Wortes längst zugunsten der Bilder verabschiedet. Das kann die Musik niemals tun. In der Staatsoper wird es immer wichtiger sein, was sich im Orchestergraben abspielt, da wird kein noch so spektakuläres Kostüm etwas daran ändern.


Die Entscheidungen in der Staatsoper und im Burgtheater sind also zu begrüßen, wenn sie auch nicht direkt überraschen. Überraschend ist höchstens, dass die Differenzen zwischen Meyer und Welser-Möst offenbar doch nicht so gravierend sind, wie kolportiert wurde. Vielleicht haben sich die beiden pragmatisch gefunden. Den Opernbetrieb wird Stardirigent Welser-Möst ja wohl kaum allein balancieren wollen.

Aber noch eine weitere Nachricht freut an diesem Tag des zumindest vordergründigen kulturpolitischen Erdrutsches: Roland Geyer, Intendant der Oper im Theater an der Wien, wechselt nicht zu den Bregenzer Festspielen. Auch aus finanziellen Gründen. Gleichviel. Die Bregenzer werden eine passende Lösung finden. Und Geyer kann weiterhin der Staatsoper belebende Konkurrenz machen, speziell szenisch, optisch.

Wenn wir uns etwas wünschen dürften: Matthias Hartmann möge hin und wieder richtig widerborstig sein und nicht nur Everybody's Darling. Und die Erneuerung des Staatsopern-Repertoires möge zügig voranschreiten. Seite 1

 

E-Mails an: barbara.petsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2012)

 
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1 Kommentare
Gast: cammarano
25.01.2012 06:59
4

An der Oper wird es nicht immer wichtiger, was sich im Orchestergraben abspielt

Es wird höchste Zeit, das bereits unter Holender stark absinkende sängerische Niveau wieder so anzuheben, wie es einem ersten Opernhaus entspricht. Die Mozartproduktionen und die aus der französischen Provinz übernommene "Traviata" bewegten sich sängerisch großteils auf Stadtheaternivau.
WM bereits jetzt für die Direktionsnachfolge zu positionieren ist einfach lächerlich. Mit welchen Leistungen kann dieser Anspruch begründet werden? Er ist doch für die Sängerauswahl bei den Mozartpremieren mitverantortlich - und das sagt wohl einiges über seine Kompetenz bei Stimmen aus. Die derzeit bestmögliche Nachfolge wäre bei Pereira gegeben - fraglich ist dabei nur, ob er sich das nach Salzburg noch antun würde.

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