25.05.2012 23:23 | Meine Presse Merkliste 0

Lieber Neuwahlen als kein echtes Sparpaket

RAINER NOWAK (Die Presse)

Michael Spindelegger hat bewiesen, dass er allein auf weiter Flur steht. Sich so weit aus dem Fenster zu lehnen, bedeutet, entweder zu fallen oder zu springen.

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Ein Verzweiflungsakt. Anders kann man Michael Spindeleggers jüngsten Vorstoß nicht interpretieren. Der ÖVP-Chef ging am Wochenende mit einer „Verkündigung“ an die Öffentlichkeit. Er verlautbarte eine Einigung im großen Kapitel Pensionsreform und enthüllte neben Altbekanntem ein interessantes und überraschendes Detail, das offenbar weder dem Koalitionspartner noch der eigenen Partei so bekannt gewesen sein dürfte: sogenannte Nullpensionsrunden, also Jahre ohne Erhöhung der Pensionen. Das stellt tatsächlich eine der einfachsten und schnellsten Methoden dar, Geld zu sparen. Es ist in der Gerontokratie mit menschlichem Antlitz, genannt Österreich, aber de facto undurchführbar.

Das sagte Bundeskanzler Werner Faymann intrigenerprobt der „Kronen Zeitung“ – übrigens zeitgleich mit Spindeleggers „Verkündigung“. Am Tag danach ruderte auch Sozialpartnerminister Reinhold Mittlerlehner in der ORF-„Pressestunde“ peinlich berührt halb zurück. Andreas Khol, Chef des Seniorenbundes und sonst treuer ÖVP-Denker, lehnte den Spindelegger-Vorschlag überhaupt kategorisch ab.

Was wollte der ÖVP-Obmann beweisen, als er eine Reformeinigung („Hämmer“) behauptete? Zeigen, dass er auf verlorenem Posten steht? Oder doch noch einmal eine Forderung erheben, die vernünftiger als das Drehen an der Steuerschraube ist, um den Druck zu erhöhen? Dass Werner Faymann und Rudolf Hundstorfer freundlich und höflich nickten, als Spindelegger seine Forderungen in den Verhandlungen präsentierte, glaubt man dem armen Mann sofort. Das machen sie nämlich immer so. Es heißt nur noch lange nicht, dass sie auch zustimmen.

Ohne Gewerkschaft und Arbeiterkammer macht Werner Faymann nämlich gar nichts, ein Sparpaket lässt sich so daher kaum schnüren. Aber vielleicht hat es Spindelegger noch immer nicht begriffen. Dabei müsste er nur auf seine eigenen Problembären schauen: Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich ist bisher nur bereit, die Marketingunternehmungen seines Reiches zusammenzulegen, und Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer nützt dem Vernehmen nach die Semesterferien in alter Lehrermanier zur Vorbereitung und Abwehr möglicher Sparmaßnahmen. Zur Abschaffung oder Eindämmung der Biennalsprünge soll er klar Nein gesagt haben, heißt es.

Nun steht Spindelegger einigermaßen blamiert da: Die SPÖ zieht in bester Blockiertradition nicht einmal bei Selbstverständlichkeiten mit, dass etwa das Antrittsalter für die schöne Hacklerpension von 62 auf 63 erhöht werden soll. Auch die Idee, den Pensionsvertretern zwei Sparmodelle vorzulegen, aus denen sie auswählen können, ist süß. Die ablehnende Erklärung von Khol und Charlie Blecha wäre schon geschrieben: „Wir wählen nicht zwischen Pest und Cholera.“

Die Stimmung in der Regierung ist mies und das Misstrauen groß: Die Frage, ob Faymann oder Spindelegger heimlich mit Telefonaten bei Boulevard-Herausgeber Wolfgang Fellner gegen den Koalitionspartner intrigiert, ist wichtiger als die inhaltlichen Maßnahmen, die sie damit verunmöglichen.

Bisher hieß es immer, zumindest beim Themenbereich Pensionen sei eine Einigung in Reichweite. Das Einzige, was offenbar fix ist, wollte die ÖVP eigentlich verhindern: dass Best- und Besserverdiener noch mehr zur Kasse gebeten werden nämlich. Doch genau das, worüber die ÖVP angeblich nicht einmal reden will, steht schon vor dem Sparpaket: Einen Solidarbeitrag für Jahreseinkommen ab etwa 180.000 Euro bestätigte Mitterlehner indirekt. Nein, das sind noch keine Multimillionäre, die da erwischt werden.


Spindelegger hat sich am vergangenen Wochenende sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Wenn er einen Rest Glaubwürdigkeit behält, sollte er springen, bevor er inhaltlich fällt. Mit Neuwahlen habe keine Regierungspartei etwas zu gewinnen, hieß es zuletzt von den Politik-Interpreten des Landes. Mag sein, aber das Land hat ohne vernünftiges Konsolidierungspaket noch viel mehr zu verlieren.

 

E-Mails an: rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)

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90 Kommentare
 
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Kegele
07.02.2012 01:54
1 0

Wie hat Farkas so schön gesagt

"Schon wieder eine neue Regierung, dabei haben wir die Alte kaum gebraucht"!

bula sagt
06.02.2012 19:31
1 0

so ungefähr seit dem prager fenstersturz

lehnen sich die politiker nur mehr aus fenstern, die im erdgeschoss sind.
hie und da irrt sich aber mancher im stockwerk.

Gast: foucherer
06.02.2012 18:25
2 0

Dass das ein Verzweiflungsakt

war,glaubt doch der Kommentator selber nicht,was erzählt er da für Unsinn. Klar wäre
es schön zu wählen, bis das Ergebnis passt,aber auch das wird nicht spielen.Die sind gewählt,also
sollen sie gefälligst bis Ende der Legislaturperiode
arbeiten.Wir haben schon genug Politiker- Versorgungsfälle.

Ka_Sandra
06.02.2012 17:56
0 0

Na hoffentlich...

...reißt jemand den Spindelegger rechtzeitig an den Hosenträgern zurück! Bei so einem Fenstersturz weiß man bekanntlich nie, wie und wo man landet ;-)

Antworten Gast: Traumflug, gibt's den bei Teuer-Reisen, um 9,90 im Angebot?
06.02.2012 20:48
1 0

Re: Na hoffentlich...

Der fällt garantiert in den gepolsterten Geldspeicher der Nationalbank!

(Irgendwas mache ich falsch in meinem Leben, meine Stürze enden immer höchstens mit blaue Flecken...)

Gast: b754
06.02.2012 16:54
2 3

Endlich mal ein guter Vorschlag

Also Hut ab vor Hr. Spindelegger! Mutiger und guter Vorschlag. Zu schade, dass die roten Blockierer wohl wieder alles zunichte machen. Aber was kann man von den roten auch sonst erwarten.

1 3

Re: Endlich mal ein guter Vorschlag

völlig richtig!

bereits 2003 haben die linken blockierer die ambitionierte und notwenige pensionssicherungsreform dr. schüssels durch aufhetzung ihrer klientel verhindert!

höchste zeit, den roten das handwerk zu legen!

Gast: Neuwahlen?
06.02.2012 16:43
0 4

Wieviel den noch?

Wo gehobelt wird fallen Späne, es braucht Menschen mit Handschlagqualität die kein Problem haben mal das Hemd zu wechseln wenn eines schmutzig wird, und das bringt weder die nächsten Neuwahlen noch das übernächste Sparprogramm hervor.

Es braucht eindeutig ein vernünftiges Maß, denke mal jedes Einkommen das das 3 fache der Mindestsicherung ausmacht braucht weder steuerlich noch sonnst irgendwie geschützt zu werden, das sind 752,94 * 12 * 3 = 27.105,84 / 14 = 1.936,13 Euro/Monat unter Berücksichtigung der gleichen Faktoren der Mindestsicherung (Kinder, etc...) gilt das ab dieser Summe ein Steuersatz von 91%, sowohl für Urlaubsgeld als auch für den normalen Gehalt.

Das weicht wesentlich von den Vorstellungen der ÖVP ab die bei 150.000 bis 200.000 Euro (10.741.29 bis 14.285,71 Euro /Monat) bei Urlaubs und Weihnachtsgeld eingreifen will.

Mein Model hat einen gewaltigen Vorteil, wollen jene die viel Geld haben mehr haben, brauchen sie nur die Mindestsicherung zu erhöhen, bereits Weihnachts und Urlaubsgeld dort würde hier die 91% Grenze auf 2.258,82 Euro/Monat erhöhnen!

Gast: Durchblick
06.02.2012 15:00
3 4

Solang die Unverteilung von unten nach oben immer besser funktioniert wird sich auch durch Wahlen nichts ändern! Denn die Politiker sind nur die gekauften Marionetten der Gstopften ! Die MULTIMILLIONÄRE ziehen die Fäden - ganz diskret!

Da werden für das Stimmvieh vor, zu und nach den Wahlen ein paar abgenutzte Marionetten auf einen gutdotierten Versorgungsposten weggelobt und durch unverbrauchte Marionetten ersetzt. Und das System funktioniert immer besser im Sinne des Syndikats der Multimillionäre!
Das geheime Wahlrecht gibts doch nur deshalb, damit nicht publik wird, daß die Politiker aller Couleur den Reichenschutzbund wählen!

Antworten Kritias
06.02.2012 17:17
2 3

Re: Solang die Unverteilung von unten nach oben immer besser funktioniert wird sich auch durch Wahlen nichts ändern! Denn die Politiker sind nur die gekauften Marionetten der Gstopften ! Die MULTIMILLIONÄRE ziehen die Fäden - ganz diskret!

Derzeit funktioniert nur die Umverteilung von der Mitte nach unten und oben gleichzeitig! Offenbar soll der Mittelstand zerstört werden!

Antworten Antworten Gast: Hinweis
06.02.2012 20:19
0 0

Re: Re: Solang die Unverteilung von unten nach oben immer besser funktioniert wird sich auch durch Wahlen nichts ändern! Denn die Politiker sind nur die gekauften Marionetten der Gstopften ! Die MULTIMILLIONÄRE ziehen die Fäden - ganz diskret!

Der Mittelstand wird so lange für die Reichen zahlen, wie er sich selbst zu den Reichen zählt!

was haben sie gegen umverteilung von unten nach oben?


ist doch gut so. das ist die wahre freiheit, wenn einige wenige reichtümer anhäufen und im luxus schwelgen, und andere im elend leben.

die multimillionäre sind bitte durch die bank phantastische leistungsträger und dynamische entrepreneurs. die haben jeden cent ihres vermögens hart erarbeitet! sie zu besteuern ist enteignung!

hingegen kann man bei den ärmsten, bei den empfängern von grundsicherung oder pensionisten oder kranken gar nicht genug einsparen. denn das sind alles keine leistungsträger, eben weil sie arm oder krank oder alt sind!

4 2

Fallen....

...und Neuwahlen wären gut. Und eine ÖVP irgendwo im Nirwana.

Antworten Florianus
06.02.2012 17:16
0 0

Re: Fallen....

Ich stimme Ihnen zu!
Was ist die Wahlempfehlung eines liberalen Bürgers?

Florianus
06.02.2012 14:15
2 0

Spindelegger wirklich bestes Pferd im Stall?

Die ÖVP ist die Partei mit den mit Abstand meisten Mitgliedern in Österreich.

Ich zweifle daran, dass Spindelegger wirklich der beste Parteichef ist.

Vielleicht muss Spindelegger gehen, damit wieder einmal was weitergeht.

Antworten Gast: diki
06.02.2012 14:26
2 0

Re: Spindelegger wirklich bestes Pferd im Stall?

Stall ? Rinderstall ? Hühnerstall ?

Antworten Antworten Gast: Kuenring
06.02.2012 14:38
7 0

Re: Re: Spindelegger wirklich bestes Pferd im Stall?

Schweinestall

Gast: diki
06.02.2012 13:52
8 0

Diese jahrzehntelange endlose Neuwahldebatte

hängt mir schon sowas zum Hals raus. Der Wurm, der prinzipielle Defekt in der österreichischen Politik sitzt viel tiefer, aber so tief möchte ja niemand bohren.

nanu? ich dachte wahlen "hindern am arbeiten"?


n. hat uns doch gepredigt, dass die verlängerung der legislaturperiode ein segen wäre, weil dann weniger rücksicht auf diesen pöbel (=wählerInnen) genommen werden müsste.

und jetzt will er diesem undankbaren volk, das sich schnöde vom ALLERGRÖSSTEN KANZLER ALLER ZEITEN UND JAHRHUNDERTREFORMER dr. schüssel und seinem paladin willi m. abegewandt hat, die möglichkeit geben zu wählen?

ich dachte wahlen stören nur?

Antworten Ka_Sandra
06.02.2012 17:52
1 0

Re: nanu?

Sie haben echt kei-ne Ahnung von Marx!

Sonst hätten Sie längst überzuckert, dass Nowak mit seiner Aufforderung an Spindelegger, aus dem Fenster zu springen, elegant auf das antike Sprichwort „Hic Rhodus, hic salta!“ anspielt (= Zeig hier, was du kannst!), das später mehrmals von illustrer Seite variiert wurde, u.a. von Hegel und – erraten! – von Marx. („Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, Kapitel I)

Und im Gegensatz zu Ihnen hat Nowak dieses rasend spannende Werk offensichtlich wirklich durchgeblättert (um es allerdings mit Schaudern wieder zuzuklappen).

Womöglich hat er in der gleichen antiquarischen Bücherkiste beim Dom gewühlt, aus der sich Norbert Mayer seinen wohlfeilen Lenin im goldgeprägten Ledereinband um 1€ schnappte.

http://diepresse.com/home/meinung/feuilleton/mayergegengift/729535/Lenins-Artikel-ueber-preussisches-Elend-im-Abverkauf


und was gibts heute zu essen?


schreiben sie doch über dinge, von denen sie was verstehen. also: wo kann man denn möglichst teuer und schlecht essen? wo ist der service so mies, dass man nie wieder hingehen möchte? wo ist die kluft zwischen preis und leistung am größten?

das interessiert ihre leser! und das können sie wirklich!

Cicero
06.02.2012 13:40
4 2

Strache ist schneller wieder weg als der bisherige Rekordhalter Gusenbauer

Aha, die ÖVP hätte sich soweit aus dem Fenster gelehnt, daß sie nur noch springen kann, will sie nicht hinunterfallen.

Ein herzallerliebstes Bild. Nur bitte, wo ist der Unterschied zwischen hinunterspringen und hinunterfallen?

Meine Frage ist dagegen ganz einfach. Wieso muß die ÖVP springen?

Soweit ich mich erinnere, steht im Regierungsprogramm dieser Koalitionsregierung kein Wort von Steuererhöhungen.

Wenn jetzt die Entwicklung ein Sparpaket erfordert, braucht die ÖVP doch nur ein brauchbares Sparpaket auf den Tisch legen. Vernünftigerweise wird sie auch dort Sparmaßnahmen vorschlagen, wo ihre eigene Klientel in zumutbarer Weise getroffen wird. Aber Steuererhöhungen sind bei unserer sowieso schon extrem hohen Staatsquote eben keine Lösung.

Bundeskanzler dieser Regierung ist doch Hr. Faymann, ein SPÖ-Mann. Paßt das ÖVP-Programm der SPÖ nicht oder hat sie auch keine für die ÖVP erträgliche Gegenvorschläge – Steuererhöhungen sind eben nicht erträglich – dann muß Faymann springen, will er nicht hinunterfallen.

Warum soll für Faymann nicht dasselbe gelten wie für Spindelegger?

Bei dann notwendigen Neuwahlen lautet die Frage an den Wähler, willst Du sparen oder willst Du mehr zahlen?

Der Wähler wird sich fürs Sparen entscheiden, da bin ich völlig sicher.

Und Strache hat bislang überhaupt keine Vorschläge auf den Tisch gelegt.

Gewinnt Strache, ist der Wähler selber schuld. Wir werden es aber überleben, weil Strache noch schneller wieder weg ist, als der bisherige Rekordhalter Gusenbauer!

Gast: Zen Su Riert
06.02.2012 12:39
9 0

mit neuwahlen habe keine regierungspartei etwas zu gewinnen

das sehe ich anders: wenn die övp jetzt in neuwahlen geht, hat sie wenigsten noch die möglichkeit, als juniorpartner in eine blau-schwarze koalition zu kommen. wenn sie so weitermacht wie bisher, dann kann sie in einem jahr froh sein, wenn sie noch ein zweistelliges ergebnis zusammenbringt (siehe die entwicklung in wien). dann darf sie sich als wurmfortsatz einer rot-grünen koalition zu deren mehrheitsbeschaffung hergeben.

Antworten Gast: diki
06.02.2012 12:53
5 0

Re: mit neuwahlen habe keine regierungspartei etwas zu gewinnen

Die ÖVP wird lieber untergehen, als Strache zum Kanzler zu machen. Vielleicht wird sogar beides passieren ....

Antworten Antworten EvE_
06.02.2012 18:12
0 0

Re: Re: mit neuwahlen habe keine regierungspartei etwas zu gewinnen

Unter der jetzigen Führung, ja. Aber zumindest Spindelegger ist am Tag nach der Wahl weg.
Die Frage ist, ob eine weitere Pröll-Marionette übernimmt, oder ob es zu einer echten Erneuerung - und vor allem Entmachtung der grosskoalitionären Fossilien innerhalb der Partei - kommt.
Ich denke, das wird letzlich davon abhängen, ob sich doch noch einmal rot-schwarz allein ausgeht, oder ob die Mehrheit dafür weg ist.

Gast: diki
06.02.2012 12:37
0 0

Mit der ÖVP dürfte ein Sparpaket ja genauso unmöglich sein wie ohne sie.

Und der Vorschlag, die Pensionen nicht zu erhöhen, bringt kurzfristig gar nichts.
Es sei denn, die Inflation explodiert ....

 
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