Die geheuchelte Angst vor den bösen Deutschen

Dass Deutschland zurzeit Europa anführt, ist ein ökonomisch bedingtes Faktum. Dass man es deshalb fürchten oder hassen muss, ist reine Propaganda.

Da ist er wieder, frisch entstaubt aus dem Fundus der Geschichte: der hässliche Deutsche. Zwei Weltkriege hat er uns beschert. Nun verlegt er sich auf eine neue Wunderwaffe: die Dampfwalze seiner ökonomischen Überlegenheit. Unverschämt wettbewerbsfähig erobert er im Blitzkrieg neue Märkte und drückt mit seinen Exportüberschüssen alle EU-Partner an die Wand. Wenn es aber darum geht, Solidarität zu zeigen, will er allen den Marsch blasen, bevor er nur einen Cent rausrückt. Union-Fraktionschef Volker Kauder triumphiert: „Auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen.“ Arrogant, unsensibel, rechthaberisch – so ist er eben, der Piefke mit der Pickelhaube.

Da sind sie also wieder, die Vorurteile über unseren großen Nachbarn. Dabei blieb er trotz Wiedervereinigung der zurückhaltende Bundesrepublikaner, der aus der Geschichte so viel gelernt hat, dass sein Haar vor lauter Asche schon ganz grau ist. Zur Fußball-WM 2006 entpuppte er sich ein Sommermärchen lang als reizender, lockerer Gastgeber. Und nun soll alles wieder anders sein?

Sicher, für viele Griechen sind die Deutschen zum Feindbild geworden. Aber Griechenland ist ein Sonderfall, und die Ressentiments werden – mit dem Echo der „Bild“ – vom Boulevard geschürt. Die Osteuropäer sehen die Deutschen als Verbündete. Selbst bei den Polen mit ihren leidvollen Erfahrungen werden sie immer beliebter. Im Rest von Süd- und Westeuropa ist alles beim Alten: Man hat Respekt vor den Germanen. Man träumt vom Auswandern, einem gut bezahlten Job, einem Staat, der funktioniert. Wer trotz Sprachhürde den Sprung schafft, will nicht mehr fort.

Es ist also die Elite, die sich da angeblich so unbeliebt macht. Aber wer bitte ist Herr Kauder? Ohne seinen dummen Spruch würde diesen Provinzpolitiker im Ausland niemand kennen. In der ersten Reihe aber kann von Triumphgesten keine Rede sein. In der Eurokrise erweisen sich die ökonomischen Probleme als so bestimmend, dass Deutschland die Führung übernehmen muss. Merkel und ihr Kabinett haben sich, nach Wankelmut bei Griechenland, darauf eingestellt: betont zurückhaltend, oft voll diplomatischer Delikatesse. Die Angst vor der deutschen Herrschsucht ist also geheuchelt – und damit Propaganda. In Wahrheit geht es um zwei konträre Strategien, den Euro zu retten und Europa wieder wettbewerbsfähig zu machen. Die Deutschen haben gar nicht so solide Finanzen, aber die Einnahmen sprudeln, weil die Wirtschaft wächst. Und das verdanken sie den Strukturreformen der Agenda 2010: flexiblere Arbeitsmärkte und global marktfähige Lohnkosten. Ihre guten Erfahrungen geben sie weiter, was nicht nur zu ihrem Vorteil ist: Wenn Frankreich und Italien wieder zu Kräften kommen, haben die Deutschen auch wieder ernsthafte Konkurrenz.

Freilich ist ihr Ziel nicht selbstlos: Sie profitieren von einer intakten Eurozone. Und wenn sie für Fehlentwicklungen bei anderen haften sollen, fordern sie Reformen ein: Wer zahlt, schafft an. Das funktioniert aber nur bei Rettungsschirmen und als Veto gegen Eurobonds. In der EZB hat Deutschland nur zwei von 23 Stimmen. Die Zentralbank aber hat die stärksten Mittel, um die Symptome der Krise abzutöten – und damit die Behandlung der Ursachen zu verschleppen. Genau das fordern linke Ökonomen und die angelsächsische Wirtschaftspresse. Wer weiß, womöglich haben sie recht. Auf jeden Fall laufen die Fronten nicht zwischen Nationen, sondern zwischen Konzepten – in einem Währungsraum, wo jede falsche Weichenstellung alle aus der Bahn wirft.

Das hat Merkel durch ein wunderbares Symbol klargemacht: Sie stellt sich im französischen Wahlkampf auf die Seite Sarkozys und hat mit ihm ein TV-Interview gegeben. Denn bei einem Sieg von Hollande, der den Fiskalpakt kippen will, ist es vorbei mit dem deutschen Weg für Europa. Die Wirtschaftspolitik ist europäisch geworden, und die Wähler stimmen darüber ab. Mehr Integration, mehr Demokratie: Das ist genau das, was die Anhänger einer starken Union fordern. Nur kommt sie nun nicht aus Straßburg oder von schwachen Brüsseler Spitzen. Sondern von Politikern, die Visionen haben und beharrlich für sie kämpfen. Da haben uns die hässlichen Deutschen ja was Schönes eingebrockt.

 

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2012)

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