Die Sehnsucht nach dem Anti-Politiker

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

In Deutschland wird bei der Suche nach einem neuen Präsidenten wieder der Ruf nach Joachim Gauck laut. Aus gutem Grund. Der Ex-Bürgerrechtler ist kein Parteisoldat, sondern eine Persönlichkeit.

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Bei der Wahl von Bundespräsidenten hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ein eher unglückliches Händchen. Der eine, Horst Köhler, warf den Bettel im Schloss Bellevue hin, weil er in seiner divenhaften Dünnhäutigkeit keine Kritik ertrug. Der andere, Christian Wulff, hatte ausgeprägtere Nehmerqualitäten und wäre sicher noch gern ein Weilchen länger als 598 Tage Staatsoberhaupt geblieben, wurde dann aber doch aus dem Amt getragen. Letztlich war auch für den früheren Schwarm der Schwiegermütter Niedersachsens einsichtig, dass ein Präsident, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Vorteilnahme ermittelt, nicht dem Ideal einer moralischen Instanz entspricht.

Jetzt also hat Merkel wieder eine Chance, einen Bewerber ins Rennen zu schicken. Ein drittes Mal sollte sie nicht danebengreifen. Sonst kommt noch jemand auf die Idee, ihr Urteilsvermögen könnte getrübt sein. Schon kurz nach Wulffs Abschiedspressekonferenz umriss sie die wichtigste Kontur des Postenprofils: Ein Konsenskandidat soll es sein.

Nun, da müsste Merkel nicht lange suchen. Es hätte schon bei der letzten Präsidentenwahl einen solchen Mann gegeben. Nein, nicht Wulff. Das einzig elementar Parteienübergreifende, das der CDU-Berufspolitiker hervorgebracht hat, war der entnervte Widerwille, den er zuletzt über alle Fraktionsgrenzen hinweg auslöste. Hätte das Volk und nicht die Bundesversammlung den letzten Präsidenten gewählt, säße heute Wulffs Gegenkandidat Joachim Gauck im Schloss Bellevue. Der Ex-Bürgerrechtler aus der DDR imponiert, weil er ein Leben und nicht bloß einen Lebenslauf hat, wie ein deutscher Schriftsteller vor zwei Jahren anmerkte. Jetzt wird wieder der Ruf nach ihm laut.

Grüne und SPD hatten den Ex-Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde gegen Wulff aufgeboten. Taktisch klug. Denn Gauck ist ein Bürgerlicher, ein mutiger, rhetorisch brillanter Verfechter der Freiheit. Etliche Christdemokraten stimmten damals für ihn.

Bisher hat Merkel bei Postenbesetzungen stets in Kategorien der Parteiräson agiert. Sie hätte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier zum EU-Außenminister machen können oder das grüne Alphatier Joschka Fischer zum UN-Sonderbeauftragten für den Nahen Osten. Doch die Kanzlerin fürchtete den Bumerang-Effekt, ein innenpolitisches Comeback ihrer Gegner. Und sie vergaß nie auf die CDU-Interessen.

Ihre Umfragewerte müssten Merkel nun zu genug Stärke verhelfen, um eine Verbeugung vor dem Willen des Volkes zu wagen und Gauck auf den Schild zu heben. Auch wenn sie damit auf einen Kandidaten der Opposition zurückgreift und indirekt eingesteht, beim letzten Mal falsch entschieden zu haben. Gauck wäre nicht nur als moralischer Oberpastor der Nation nahezu unumstritten. Der 72-Jährige passte auch aus einem anderen Grund in die Zeit. Mit ihm wäre ein beeindruckender Bürger an der Spitze des Staates, kein intellektuell kurzatmiger, phrasendreschender Parteisoldat. Und das entspräche einer weitverbreiteten Sehnsucht, nicht nur in Deutschland.

christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2012)

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19 Kommentare

"Doch die Kanzlerin fürchtete den Bumerang-Effekt, ein innenpolitisches Comeback ihrer Gegner."



einer der gründe für die wahl von wulff war seine rolle als kommender kronprinz und innerparteilicher konkurrent.
er musste neutralisiert/entfernt/weggelobt werden, so die taktik von merkel (er war ja nicht der erste in der cdu, dem solches widerfahren ist.)

Warum...

"Mit ihm wäre ein beeindruckender Bürger an der Spitze des Staates, kein intellektuell kurzatmiger, phrasendreschender Parteisoldat."

Warum sollte Deutschland einen besseren Präsidenten bekommen als Österreich...?

Re: Warum...

Kleingeistiger geht's wohl nimmer? Oder ist da eine 'was wir nicht haben sollen die anderen auch nicht haben' Nichtgönnen wollen/können (Neider)-Einstellung herauszuhören?

Peinlich, peinlich wie kleinlich manche doch sind... Kein Wunder, dass Sie Wulff nachjammern oder - wie auch immer man das jetzt nennen soll....

Re: Re: Warum...

Sie haben wohl die Ironie des Postings nicht verstanden.

Es war nicht der Neid, sondern ein kleiner Seitenhieb auf unseren BP, der ein "phrasendreschender Parteisoldat" ist.

Wahrscheinlich habe ich es missverständlich formuliert.

2 1

Wann denkt man über die Nachfolge unseres BP nach ?

oder sollte man dieses wohl unnütze Amt doch besser abschaffen und dem Staat so Geld sparen ?!

Bisher wurden leider immer (hier wie dort) wieder Blutegel an die Hebel der Macht gehievt, da man sich nur so scheinbar einander solidarisieren kann oder möchte ?

In welchen Ländern zählt das Volk welches all die Kosten durch und samt Fehlentscheidungen tragen muss, noch mehr, als Schaf sein zu dürfen welches sich alle par Jahre den Schlächter aussuchen darf ?

Gauck wird kein Bundesprasident!

In Europa will man keine Persönlichkeiten in der Politik! Aasgeier sind begehrt. Schau dir mal Merkel, Sarkozy, Cameron, Spindelegger und Faymann an. Sie müssen die Gesellschaften wieerspiegeln!

Gibt es wirklich eine Person, die rein gar nichts zu verbergen hat?

Wer suchet, der findet.....die Gauck -Gegner sind sicher schon am Schnüffeln......

1 0

es fällt ein bisschen schwer...

Polemik und rationales Urteil im Leitartikel zu unterscheiden. Dass es sehr gute Gründe für Joachim Gauck gibt, denke ich auch. (Es gibt aktuell wenige Personen in Deutschland, die eine ähnliche moralische Autorität haben, mir fallen gerade noch Helmuth Schmidt und Hildegard Hamm-Brücher ein, aber die haben ein gesegnetes Alter erreicht und sind wohl nur noch begrenzt belastbar).

Aber dass Merkel Steinmeier wirklich durchgebracht hätte, als EU-Außenminister halte ich für ein Gerücht. (so sehr ist Steinmeier schätze).

Und auch Wulff muss man nicht herabwürdigen. Er hat einige peinliche Fehler gemacht (wobei mir die Urlaube egal sind, das macht ja im Kleinen, beginnend beim Couch-Surfing - jeder. Aber die Kredit-Geschichte hätte nie sein dürfen), als Präsident war er m.E. von vornherein ungeeignet. Aber er war dennoch kein schlechter Ministerpräsident, das sollte man bei aller aktuellen Häme nicht vergessen.

Das Ende der Pfrüntner

Wulff war ein letztes Aufgebot der Pfrüntner und Abkassierer unter welchem Deckmantel auch immer.

Diese Spezies passte die letzten 20 Jahre in jedes Amt. Äußerlich angepasst, im inneren moralisch völlig wertefrei. Immer auf den eigenen Geldvorteil bedacht. Und die Saat hat sich fortgepflanzt nach unten. Kaum einer findet es heute verwerflich sich zu bedienen.

Dieses System ist gescheitert. Sollte also zeit für den Kommunismus sein? Jedoch ist dieser fast Zeitgleich an dem selben Virus gestorben.

Was nun? Zeit für die Erfindung einer neuen Ideologie? Ja, und nein. Menschen sind nun gefragt. Menschen für die Geld und macht nicht das höchste Gut sind. Menschen die das Gemeinsame in den Vordergrund stellen. Menschen die Herz und Hirn als das einzig unvergängliche erkennen.

Ich denke die Zeit ist reif.


Gast: nicht registrierter Presseleser
18.02.2012 20:55
2 2

Die Sehnsucht nach einer groϐen Persönlichkeit im „höchsten Amt“

Darf ein Bundespräsident Freunde haben, wie andere „normale“ Menschen auch, die ihn in ihr Wochenendhaus einladen ? Darf er einen Kredit zu günstigen Konditionen annehmen, den er auch als Nicht-Bundespräsident bekommen hätte ? Welcher Schaden entsteht dem Land wenn er es tut und sind repräsentative Aufgaben dadurch beeinträchtigt ?

Assamers Kommentar schreibt : es reicht für ein öffentliches Amt nicht aus, ……. sich einfach nur rechtlich einwandfrei zu verhalten… Hier fehlen aber klare Definitionen und auch Begründungen, wie so eine Lichtgestalt aussehen sollte, und ob es in einer Demokratie nicht vielleicht doch ganz gut ist wenn der Bundespräsident „so wie wir alle“ ist.

Selbstverständlich, ABER

Selbstverständlich darf er Freunde haben, die ihn ins WE-Haus einladen, wenn es auch nicht zu oft sein sollte und die Freunde nicht gleichzeitig von seinen Entscheidungen (als Minsiterpräsident) profitieren könnten.

ABER er sollte als Amtsträger ganz gewiss nicht mit diesen Freunden, die Fördergelder bekommen wollen, in einem teuren Hotel Urlaub machen und sich den Urlaub bezahlen lassen. Und nein, da muss nicht bewiesen werden, dass er das nicht zurückgezahlt hätte sondern da muss er sich darm kümmern, keinen Anschein der Vorteilsnahme zu geben. Wenn ihm das sein Job nicht wert ist, muss er ihn eben bleiben lassen.

Antworten Antworten Gast: nicht registrierter Presseleser
19.02.2012 13:02
1 0

Re: Selbstverständlich, ABER

Ich gebe ihnen völlig recht dass der Posten- oder Fördergeldervergabe an Freunde eines Amtsträgers ein Riegel vorgeschoben werden sollte. Nur als Bundespräsident hat er weder das eine noch das andere zu vergeben und es gab auch keinerlei Nachweis, dass z.B.Maschmeyer von dem gemeinsamen Urlaub geschäftlich profitiert hat, aber dafür den impliziten Vorwurf in den Medien, dass der Bundespräsident besser „sympathischere“ Freunde haben sollte.

Antworten Antworten Antworten Gast: 'Aber'
19.02.2012 17:23
1 0

Re: Re: Selbstverständlich, ABER

Das Problem mit Maschmeyer war, dass MM Wulff's Biographie PR 'finanziert' hat... Da liegt der Hase im Pfeffer...

Hochnotpeinliche Gewissenserforschung.....


Wer immer auch Nachfolger von Wulff wird, bei allen potentiellen Kandidaten wird nun eine heftige Gewissenserforschung einsetzen, um nicht ein ähnliches Schicksal zu erleben.

Wer nicht wirklich eine blütenreine Weste hat, sollte sich hüten, das Amt anzunehmen. Die deutschen Spürhunde erschnüffeln garantiert jede tatsächliche oder vermeintliche Leiche im Keller, und sei es nur eine Flasche Champagner, die man sich irgendwann spendieren ließ.

Diese Aussicht könnte so manch passablen Kandidaten abschrecken. Und auch „Oberpastoren“ wie Gauck sind nicht unfehlbar.

Tja, die deutsche Gründlichkeit...., davon könnten wir Ösis uns ein Scheibchen abschneiden. Aber bitte nur ein Scheibchen, sonst wird es penetrant.


Antworten Gast: MH
19.02.2012 16:46
3 0

Re: Hochnotpeinliche Gewissenserforschung.....

Wie in D so auch in A müssen alle die rechts der Mitte stehen blütenreine Westen haben ansonsten kommen sie an den Pranger der von den linken Medien installiert wurde.

Linke dürfen auch total dreckige Westen haben ...

So funktioniert linke Macht

Re: Re: Hochnotpeinliche Gewissenserforschung.....

"Linke dürfen auch total dreckige Westen haben ..."

Sie haben wohl verschwitzt, dass alle und fast ausschliesslich nur die Mitglieder der Linken in D vom BND ausspioniert worden sind?

Wahrscheinlich ist Ihnen das zu schnöde, um das mal ganz nebenbei auch mal zu erwähnen. Ich bin in keiner politischen Partei weil keiner mir 'weiss' genug ist.

Aber die Tatsache, dass das BND die Linke immer noch für versteckte Kommunisten hält (sozusagen 'Überbleibsel' des ehemaligen Ost/West Konflikts und kalten Krieges) rechtfertigt das Spionieren deshalb auch nicht um einen Deut mehr.

Haben wir derzeit keine anderen politischen Zores in Österreich?


0 1

Re: Haben wir derzeit keine anderen politischen Zores in Österreich?

wir haben nichts.

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