Die große Bedrohung Europas ist nicht der Terrorismus

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Die Ereignisse von Toulouse werden die französischen Präsidentenwahlen nicht entscheiden. Islamistischer Terror ist eine reale, aber nicht die größte Gefahr.

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Terroranschläge sind für Politiker Herausforderung und Versuchung zugleich. Die Herausforderung besteht darin, den richtigen Ton für das Gespräch mit der Gesellschaft zu finden, aus deren Mitte sie gewählt wurden. Die Versuchung besteht darin, den Schrecken für kurzfristige politische Zwecke zu instrumentalisieren.

Führen heißt sprechen, das zeigt sich in Ausnahmesituationen noch stärker als im Alltag. Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat nach dem Massaker, das Anders Breivik im Juli 2011 in Oslo und auf der Ferieninsel Utøya verübt hat, gezeigt, wie man diese Führungsaufgabe souverän erfüllt. Und Nicolas Sarkozy konnte nach den Morden von Toulouse und dem Tod des Attentäters Mohamed Merah zumindest der Versuchung widerstehen, die Anschläge für ein fulminantes Wahlkampf-Finish zu nutzen. Er begnügte sich mit den demoskopischen Windfall-Profits, die in einer solchen Situation für die Frau oder den Mann an der Spitze immer abfallen, wenn er oder sie nicht vollkommen versagt.

Die Versuchung zum Missbrauch von Terrorakten äußert sich in der Frage nach der ideologischen „Heimat“ des Attentäters. Mohamed Merah bekannte sich als „Gotteskrieger“, als islamistischer Extremist, er wurde offensichtlich in Pakistan und Afghanistan von Taliban auf seine selbstmörderische Aufgabe vorbereitet. Anders Breivik trieb sich in rechtsextremen Foren herum, er glaubte an die Überlegenheit der nordischen Rasse und sah seine Aufgabe darin, Europa vor der islamischen Gefahr zu bewahren.

Nach der gelernten Mechanik des politmedialen Komplexes nutzten und nutzen die Linken den Attentäter Breivik, um alles, was sich an politischer Bewegung rechts der Mitte abspielt, der geistigen Urheberschaft des Terrors zu bezichtigen. Die Rechten machen nach der gleichen Mechanik die Zuwanderung im Allgemeinen und die Zuwanderung aus den islamischen Gesellschaften im Besonderen für die Serienmorde von Toulouse verantwortlich.

Nach den Anschlägen von Oslo und Utøya setzte eine heftige Debatte darüber ein, ob es angemessen sei, die politische Rechte mehr oder weniger direkt für die Tat eines psychisch schwer versehrten Mannes verantwortlich zu machen, der aus den verfügbaren Quellen und auf der Grundlage seiner Sozialisation ein ideologisches Konstrukt zum Zweck der Rationalisierung seiner irrationalen Gewalt- und Tötungsfantasien anfertigt.

Muss nun also, wer damals die politische Rechte in Schutz nahm, jetzt auch die Vertreter des politischen Islam in Schutz nehmen, die, unter Ausnutzung säkularer Verhältnisse, gegen die Trennung von Religion und Politik und für den Vorrang des islamischen Gesetzes vor dem liberalen Rechtsstaat agitieren?

Ja und nein. Ja, weil sich das individuelle Ausrasten aus den Verankerungen des Lebens – intakte Beziehungen, soziale und ökonomische Partizipation, ausreichende Ichstärke – nicht einfach einer Ideologie zuschreiben lässt. Nein, weil der in unterschiedlichen Netzwerken organisierte Islamismus eine reale Gefahr darstellt, die in unseren Gesellschaften lange Zeit eher verharmlost als übertrieben wurde.


Auf das Finale des französischen Wahlkampfs werden die Ereignisse von Toulouse wohl keinen entscheidenden Einfluss haben. Das ist eine ausgesprochen beruhigende Botschaft. Denn die großen Probleme der europäischen Gesellschaften haben mit der – nach wie vor realen – Gefahr des islamistischen Terrors wenig zu tun.

Die französische Präsidentschaftswahl ist vor allem unter ökonomischen Gesichtspunkten eine Schicksalswahl. Ob die europäische Gemeinschaftswährung zukunftsfähig ist, ob das europäische Sozialstaatsmodell Zukunft hat: Das wird nicht in Griechenland entschieden, sondern in Frankreich.

Nicolas Sarkozy ist bei der letzten Wahl mit dem Versprechen angetreten, die dafür nötigen Reformen durch- und umzusetzen. Er hat sein Versprechen nicht gehalten. Von seinem möglichen Nachfolger François Hollande kann man sich das nur wünschen: Sollte er halten, was er verspricht, wäre es um den Euro geschehen.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2012)

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46 Kommentare
 
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Gast: Gut informiert
25.03.2012 20:43
0

Etwas Diktatur wuerde uns gut tun

Das klingt unglaublich sowie provozierend. Aber wir sind in unserem demorkratischen System vollkommen eingesperrt. Die Politiker koennen nicht vernuenftige Politik machen, weil irgendein anderer davon profitiert, um an die Macht zu kommen mit irrealistischen versprechungen. Hollande uebt sich in dieser Vorgangsweise. Letzten Endes, mangels Diktatur wird die Gesellschaft immer armer und wird zur Gewalt greifen. Also unsere Demokratie bringt uns etwas? Vermeintliche Freiheit und vermeintliches Reichtum Falls Sarkozy verliert, waere es an der Zeit, Europa etwas zu verlassen und zurueckzukehren, wenn es nach 10-20 Jahren besser geht. Zu bedauern sind die, die nicht die Mittel haben, das zu machen. Sie haben ein Leben wie im Rollstuhl: nichts veraendert sich, es sei denn zum Schlechteren, keine Perspektiven.... Langweiliges altes Europa. Das ist es sogar in den USA lustiger, weil der Mensch viel mehr freiheiten hat

Europa wird eigenen Terrorismus schaffen!

Wie er aussehen wird, kann noch nicht ermittelt werden. Der Wohlstand in Europa ist nicht mehr aufrechtzuhalten. Menschen werden zwangslaufig verarmt. Niemand wird sich damit abfinden und versuchen von den anderen etwas zu bekommen. Das wird mit Gewalt gehen... Polizeistaat auf einer Seite und Armen auf der andere Seite... Wenn es kein Terrorismus ist, heisst es dann Klassenkampf!

Gast: biersauer
24.03.2012 18:56
13

Der Närboden für den Terror hat sich schon etabliert.

Der Terror kommt langsam aber sicher immer näher.
Die Bedrohung war schon in unserer Mitte und wurde glücklicherweise beseitigt, aber die Maische gärt weiter.

Europa und Islam

In Ö. hat die Grundsatzdiskussion noch nicht begonnen, wie sich islamische von nicntislamischen Gesellschaften unterscheiden.
Die westliche Demokratieschablone passt einfach nicht zum Koranverständnis dieser Glaubensgemeinschaft.
Der Westen erwartet etwas, was Muslime nicht aufgeben können.
Es wird seit Jahren vermieden, die grundsätzlichen Unterschiede zu muslimischen Welt zu benennen. Die Koranlektüre würde helfen.
Und dann erst reden wir über realistische Integrationsmöglichkeiten oder faktische Parallelgesellschaften und alle Folgeerscheinungen... siehe obigen Artikel.

Gast: cavapasnon
24.03.2012 15:16
1

franchement, monsieur...

praktischerweise ist gerade wahlkampf in frankreich...


Re: Dieser Artikel ist verschwunden

Wieso verschwunden?

Also, zumindest jetzt ist er wieder da.

Re: Re: Dieser Artikel ist verschwunden

Er ist deswegen da, weil ich ihn verlinkt habe. Ich habe ihn in meiner Browser-History gefunden. Ursprünglich stand er im Zusammenhang mit den Artikeln zum Attentat. Natürlich wird er auf der Presse Online noch zu finden sein, allerdings in den Untiefen. Daher habe ich gesagt, er ist verschwunden. Ich hoffe, das war verständlich genug.

Hier stinkt mal wieder was.

Re: Re: Re: Dieser Artikel ist verschwunden

Sie vermuten Abgründe, wo keine sind. Der Artikel ist in keinen "Untiefen" verschwunden, sondern ganz normal zu finden.

Er scheint überdies im Ranking "Politik meistgelesen" auf, als Punkt 4, und ist mit dem Artikel von Charles Wyplosz verlinkt: "Sarkozy hat keine Chance".


Antworten Antworten Antworten Gast: Odeon
24.03.2012 18:57
0

Re: Re: Re: Dieser Artikel ist verschwunden

"Hier stink mal wieder was."

Tipp: Fenster öffnen!
Oder vermuten Sie gar eine weitere Verschwörung ... diesmal in der "Presse".


Antworten Gast: freund?
24.03.2012 13:32
12

Re: die wirkliche bedrohung



GEH, BITTE !

zwischen ungut und bedrohung liegt schon eine welt !

Antworten Gast: Gerne nur Gast
24.03.2012 13:21
11

Wir wissen ja alle,

dass sie ein Linker sind.
Aber bitte unterlassen sie es doch endlich, bei jedem Artikel ihre depalzierte Meinung zu Schellhorn zu Kirche zu posten - verstehen sie nicht, dass das unpassend ist?
Oder ist schlechtes Benehmen einfach ein unausrottbares Signum und Siegel der Linken Gesinnung?!

Antworten Antworten Gast: nun vielleicht
25.03.2012 21:51
0

sind sie sich sicher, dass der User politisch links steht?

Falls mich meine Erinnerung nicht trügt, postet er vor allem gegen "einheimische" Rechte und Konservative, aber zu solchen mit Migr. Bezug habe ich von ihm noch nie ein explizit kritisches Wort gelesen...kann ich natürlich auch übersehen haben.

Antworten Antworten Gast: Odeon
24.03.2012 19:04
1

Re: Wir wissen ja alle,

Ein "Linker" erdreistet sich und postet in der "Presse". Eine Ungeheuerlichkeit! Wo ist der Staatsanwalt? Darf denn das überhaupt sein?
Ja, es darf sein, ob es Ihnen nun passt oder nicht - auch wenn die Anmerkung von @b754 tatsächlich mit Fleischhackers Artikel nichts zu tun hat.

Antworten Antworten Gast: esrteicht
24.03.2012 15:11
0

Re: Wir wissen ja alle,

Es reichte, wenn Sie darauf hinwiesen, dass dieser Link überhaupt nicht zum Thema passt.

Gast: Gerne nur Gast
24.03.2012 12:34
28

Nein, stimmt so nicht, Herr Fleischhacker


Natürlich: der "Terrorismus" ist die Spitze, die bis jetzt noch selten auftritt.
Aber darunter ist ein Eisberg, und der gehört zur Spitze und umgekehrt: dieser Berg sind die muslimischen Kulturvereine, Moscheen, von Saudis finanzierte Salafisten, vom türk. Staat finanzierten Organisationen etc. Und diese stehen dem Islamismus wohlwollend bis fördernd gegenüber. ALLE Terroristen von Spanien bis Wien (verhafteter Extremist) bis eben jetzt zu Mohammed in FRA haben sich in MOSCHEEN etc. aufgehalten - dort haben sie die WORTE gehört und inkorporiert, die sie dann in die TAT umgesetzt haben.

Und das soll KEIN RIESENPROBLEM sein, begleitet von einer legal und illegal steigenden muslimischen Zuwanderung? Nein, Hr. Fle., da liegen sie falsch!

Antworten Gast: dunle bedrohung
24.03.2012 16:27
1

Re: Nein, stimmt so nicht, Herr Fleischhacker

genau! und sie alle haben auch TV gesehen, dort haben sie die SENDUNGEN verfolgt und inkorporiert! sie waren auch in BARS und haben sich von den polemischen gesprächen vom STAMMTISCH anstecken lassen!
ich glaub im KINDERGARTEN waren sie auch alle.
RIESENPROBLEM alles zam!

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g'scheid und liberal und im trend aber

militanter extremismus ist trotzdem eine groessere gefahr als "nicht den richtigen ton im gespraech mit der gesellschaft zu finden" oder die "versuchung zum missbrauch von terrorakten" zu politischen zwecken. hier die reale gewalt, dort das schoengeistige drueberbauen der toleanzsuechtigen intellektuellen elite. biedermaenner die brandstifter in ihrer mitte dulden sind daran mitschuld, wenn es kracht.

Die ausgesprochen beunruhigende Botschaft...

dieses ernüchternden Leitartikels:

wie so meist haben die Wähler auch in Frankreich keine wirklich tolle Alternative. Pest oder Cholera. Aber bei der Cholera ist zumindest die Überlebensrate etwas höher.

Warten wir ab, ob das die Franzosen in der Wahlurne in Erwägung ziehen.

Gast: Zwei Fliegen auf einen Schlag
24.03.2012 09:54
14

Die bewunderte Freie Syrische Armee

könnt ja auch gleich mehr Demokratie nach Brüssel bringen. Wenn sie schon dabei sind.

Gast: freund?
24.03.2012 09:30
20

die größte gefahr ist der fortbestand



der demokratiefressenden brüsslokratie.

wenn man die vorher-zeit ,und die ist nicht lange her, mit heute, und den möglichen perspektiven für morgen vergleicht, ist nicht nachvollziehbar, wie jemand diesen mist wollen kann, der nicht von diesem zerstörerischen system parasitiert.

auch hier, im presse-forum, sind die pro-brüssel poster immer erkennbar bezahlt, die mehrheit dagegen.

Antworten Gast: dudeppp
24.03.2012 15:12
0

Re: die größte gefahr ist der fortbestand

Themenverfehlung

François Hollande: Sollte er halten, was er verspricht, wäre es um den Euro geschehen.


Das ist der Schlüsselsatz!

Re: François Hollande: Sollte er halten, was er verspricht, wäre es um den Euro geschehen.

Solange es sich um ein Wahlversprechen handelt, braucht man sich keine Sorgen um den Euro zu machen.

Antworten Gast: Odeon
24.03.2012 19:07
1

Re: François Hollande: Sollte er halten, was er verspricht, wäre es um den Euro geschehen.

Ängste sind meistens irrational, beim Chefredakteur der "Presse" ist das nicht anders.
Hollande wird, sollte er Präsident werden, den Euro nicht zu Grabe tragen.

 
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