Ein Clown mit Gesichtslähmung

Auflösung im doppelten Sinn.

Die Welt kann niemand mehr erklären. Anschauen kann man's, Ausschnitte: Beschreiben, stoppen, für sich, einen Augenblick lang. Ich kann nur beschreiben, mit aller Leidenschaft, dass es immer zwingender wird, sogar für einen hoffnungslosen Optimisten, für einen Clown, einen lebensgierigen hitzigen Kopf mit all seiner Oberfläche, den Blick nicht mehr abzuwenden von den Wegweisern der Zeit.

Viele Leute halten den Pessimismus für die intelligentere Weltanschauung – nicht nur in unserer Branche, auch im journalistischen Umfeld, es ist auch ein akademisches Phänomen. Für mich ist er ohne Zweifel die momentan realistischere Anschauung, aber keineswegs die klügere.

Daher ist es mir ein Anliegen in dieser Ausgabe, zu der ich mich habe zwingen lassen, dass der zwingende Gegensatz zur heiteren Auflösung eine Art von Lösung sein muss.

Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin verantwortlich für eine Zeitung, von der es heißt, sie sei neoliberal. Und frage mich nach der Bedeutung des Begriffs.

Der Ausgangspunkt war für mich die „Begegnung“ mit einem Prototyp des sozialen und gesellschaftlichen Niedergangs: Friedrich Hofreiter, eine Figur aus Schnitzlers „Weitem Land“, der mich zu Philipp Blom gebracht hat, der in seinem Buch „Der taumelnde Kontinent“ von der Auflösung der Welt vor 100Jahren erzählt. Er beschreibt Momentaufnahmen aus verschiedenen Lebensbereichen, die den Beginn des 20.Jahrhunderts prägen: Europa, Imperialismus, Wissenschaft, Kultur, Dekadenz der führenden Klassen. Mit ahnungsloser Präpotenz taumelte die Welt in eine der ersten globalen Katastrophen. Die politische Elite der Länder Europas hinkte den gesellschaftlichen und vor allem auch den ökonomischen Prozessen rettungslos hinterher: Wirtschaft und Kultur waren längst im Prozess globaler Vernetzung, während die Politik sich nicht annähernd damit konfrontierte.

Die Parallelen zu unserer Situation liegen nicht nur auf der Hand, sie stigmatisieren uns geradezu schon. Der einzige Unterschied ist die Ahnungslosigkeit von damals – auf die können wir uns heute nicht mehr zurückziehen.

Mir scheint, die Welt ist in Auflösung, weil das Bild, das wir uns von ihr machen, über eine zu geringe Auflösung verfügt. Die säkularisierte, akademisierte Gesellschaft hat zwar die Vernunft an die Stelle des Glaubens gesetzt, aber sie hat keinen klaren Blick mehr auf sich selbst, weil jeder nur noch auf sich selbst schaut – und sich dabei fremd wird. Man fühlt sich mitten in dieser Hightech-Welt an Karl Marx' Beschreibung der frühindustriellen Arbeitswelt erinnert: Entfremdung, wohin man schaut, als einzige Verbindung des Menschen zu dem, was er arbeitet und tut, scheint die Bankverbindung übrigzubleiben.

Besonders bedrückend empfinde ich immer wieder die Hilflosigkeit, die Apathie und Verdrängung, in der unsere „kultivierte“ Gesellschaft die Zeichen negiert. Man könnte den Eindruck gewinnen, als wäre das Bewusstsein für die Notwendigkeit politischer Rahmensetzungen, gerade für das wirtschaftliche Handeln, heute geringer als vor 50Jahren. Und, als hätten wir dies erst vor Kurzem über Bord geworfen, im ökonomischen Expansionswahn der 1990er-Jahre, der nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ausgebrochen ist. Diesen Zusammenbruch haben viele unsinnigerweise als Leistung und als Sieg des Kapitalismus interpretiert und munter und grenzenlos drauflos kapitalisiert.

Mit unserer Beschwörung der momentanen Konstellation der Europäischen Union als friedenssichernder Glocke, wie sie momentan der liberale Zeitgeist zelebriert, sind wir wohl alle auf den Globalisierungs-Leim gegangen. Man vergisst dabei, dass es im Moment ausschließlich die ökonomischen Interessen sind, die die Staatengemeinschaft zusammenhalten. Der Krieg galt früher als legitimes Mittel der Expansion. Die territoriale Einverleibung von einst ist heute die ökonomische Expansion.

Auflösung im doppelten Sinn. In dieser Zeitung bemühe ich mich darum, den Blick auf den Doppelsinn des Wortes „Auflösung“ zu lenken: Auflösung nicht nur als Zerstörung, sondern auch als Hinterfragung des Unhinterfragten, als Überschreitung des Immer-schon-Gedachten, das wir hinnehmen wie das ABC.

Es war der Gedanke, verschiedene Lebensbereiche unter die Lupe zu nehmen und virile Geister einzuladen, dass sie uns ihre Lösungsansätze hinwerfen. Wobei meine Auswahl durchaus meine subjektiven Lebensthemen widerspiegelt. Neben Philipp Blom werden Wirtschaftsanalytiker wie Karl-Heinz Brodbeck und Rudolf Hickel zu Wort kommen, darüber hinaus auch Sportler, Literaten, Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen.

Das konkrete (partei-)politische Geschehen wird ausgeklammert, weil es derzeit auch nicht den Eindruck macht, als würde es den gesellschaftspolitischen Anforderungen und Umbrüchen Rechnung tragen. Im Marionetten-Windschatten der wirtschaftlichen Verflechtungen, die wir tagtäglich erleben, bei der Kurzfristigkeit, mit der Ansätze entwickelt und verworfen werden, wirkt dieses Geschehen unwesentlich und so vergänglich wie eine Rolle Häuslpapier.

Die gewohnten Rubriken, wie man sie in einer Zeitung findet, habe ich vereinfacht; gemeinsame (themenübergreifende) Motive ersetzen die klassischen inhaltlichen Grenzen, weil beispielsweise die Bereiche Lebenskultur, Energie, Landwirtschaft, Ökologie etc. einen gesamtheitlichen Zusammenhang haben, den ich nicht wegdenken kann. All diese Ansätze haben damit zu tun, dass sich der Mensch „aus der Mitte rückt“ und sich nicht als Zentrum, sondern als das versteht, was er ist, als vorübergehender „Nachbar des Seins“. So treffen Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen und Disziplinen zusammen, um mit uns – ihre Sicht von Auflösung und Lösung zu teilen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2012)

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