Der Volksverstärker

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Meinungsmacher mögen angewidert sein von der antiisraelischen "Das-wird-man-ja-noch-sagen-dürfen"-Lyrik des deutschen Nobelpreisträgers. Die Masse ist auf der Seite von Günter Grass.

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Günter Grass verblüfft nicht nur mit seiner Ahnungslosigkeit. Fast mehr noch nervt seine lächerliche Pose als Draufgänger, der es endlich wagt, das Schweigen zu brechen. Der 84-Jährige tut ganz so, als beschreite er mit seinem lyrischen Fußtritt gegen Israel als erster Deutscher nach 1945 neues Territorium. Dabei gibt er bloß in Gedichtform wieder, was im Wirtshaus ums Eck geschwätzt wird.

So wie Grass denken die meisten, und zwar nicht erst, seit in Jerusalem Benjamin Netanjahu Premier ist. Schon 2003 erklärten in einer Eurobarometer-Umfrage 53 Prozent der Europäer Israel zur größten Bedrohung für den Frieden, knapp vor den USA. Nordkorea und den Iran reihten sie dahinter.

Wer die Welt aus dieser Perspektive sieht, kann manches durcheinanderbringen. Nie, außer vielleicht in der Akutabteilung der psychiatrischen Sarah-Herzog-Anstalt, hat irgendein Israeli damit gedroht, das „iranische Volk“ in einem „Erstschlag“ auszulöschen. Grass hat sich den Unfug, unangekränkelt von Sachverstand, trotzdem zusammengereimt. Irans Präsidenten Ahmadinejad, der angekündigt hat, Israel, je nach Übersetzung, von der Landkarte oder aus den Annalen der Geschichte zu tilgen, verniedlicht er hingegen als „Maulhelden“. Geht ja auch nicht anders, wenn es die „Atommacht Israel“ sein soll, die den „ohnehin brüchigen Weltfrieden“ gefährdet.
Deutschlands Kommentatoren haben Grass für sein Stussgedicht einträchtig durch Sonne und Mond geschossen. Doch wer sich im Besitz der Wahrheit wähnt, den kratzt das nicht. Er werde nicht widerrufen, sagte der Dichter, als hätte er todesverachtend wie ein Wiedergänger Luthers 95 unerhörte Thesen ans Jaffator in Jerusalem genagelt – und nicht neun semidemente Strophen.

Der alte Mann, unbestritten einer der größten Schriftsteller Deutschlands, beklagt sich nun über eine „Kampagne“ gleichgeschalteter Medien. Dabei hat er den Protest einkalkuliert. Warum sonst die Selbstinszenierung als Tabubrecher? „Was gesagt werden muss“, nennt Grass sein Gedicht. Das erinnert an einen anderen Provokateur, an Thilo Sarrazin, bei dem ebenfalls der Volkstribunen-Gestus des Das-wird-man-ja-noch-sagen-Dürfens mitschwingt. Auch er erntet Ablehnung, wenngleich nicht dermaßen geschlossene, bei berufsmäßigen Meinungsmachern und Zuspruch bei den Massen. Grass öffnet eine ähnliche Kluft. In der anonymen Welt der Poster fährt er mit seinen Ansichten locker eine Vier-Fünftel-Mehrheit ein. Die Anstandswauwaus in den Medien würden nur deshalb über Grass herfallen, weil er Israel attackiert habe, heißt es da.

Letztlich wird sich genau dieser Irrtum durch die Grass-Debatte verfestigen: dass Deutsche oder Österreicher Israel nicht kritisieren können, ohne als Antisemiten diffamiert zu werden. Ein blanker Unsinn: Gerade die Regierung Netanjahu steht, oft aus gutem Grund, fast täglich international in der Kritik. Doch die Vereinfacher fühlen sich bestätigt, wenn einer wie Grass nicht willens ist zu differenzieren. Der Literaturnobelpreisträger als Volksverstärker – ein Trauerspiel.

christian.ultsch@ diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2012)

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105 Kommentare
 
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Sarrazins Thesen sind rational

Gute Analyse. Einzig der Vergleich Grass mit Sarrazin ist sehr sehr hinkend. Sarrazins Thesen haben sehr wohl eine empirische, rationale Grundlage, während Grass' Gedicht paranoider Schwachsinn ist.

Gast: rincewind
10.04.2012 11:19
1 7

wichtige Diskussion

Sehr geehrter Herr Ultsch,
schlimmer als der bescheidene Beitrag von G. Grass ist die vollkommen inkompetente Diskussion dazu.
Auch wenn es immer wieder in den Medien wiederholt wird: Ahmadinejad hat niemals damit gedroht Israel auszulöschen oder von der Landkarte der Geschichte zu tilegn. Er hat tasächlich den Vergleich mit dem Apartheidsregime gezogen und davon gesprochen, dass das Besatzerregime Geschichte werden müsse, das ist aber eine vollkommen andere Aussage.
Zur Frage der Kriegsgefahr: Iran mag Terroristen unterstützen, das würde ich im Umkehrschluss auch den Israeli zutrauen. Ich würde mit Ihnen sofort die Wette eingehen, dass eher Israel den Iran angreift offen mitlitärisch angreift als der Iran Israel.
Kompetent finde ich die Analyse von Michael Lüders: http://www.tagesschau.de/ausland/iraninterview104.html

Antworten Gast: Jurek Molnar
11.04.2012 13:27
3 1

Re: wichtige Diskussion

Der Iran ist der weltgrößte Exporteur von Holocaustleugnung und antisemitischer Literatur. Die "Protokolle", "Mein Kampf" oder Henry Fords "Der ewige Jude" werden in Millionen Auflage in dutzende Sprachen übersetzt in der ganzen Welt in Umlauf gebracht.

Die Rede von "Übersetzungsfehlern" ist ein dummes und ignorantes Gewäsch von Leuten, die ihren Antisemitismus als "Israelkritik" verkaufen wollen. Die Vernichtung des israelischen Staates ist iranische Staatsdoktrin, seit Khomeini. Wer sich dieser Realität nicht stellt ist zumindest dumm, oder ein Antisemit oder beides.

Re: wichtige Diskussion

Sie wissen ganz genau, wass Ahmadinedjad unter "Besetzerregime" versteht. Iran hat oft genug deutlich gemacht, dass seiner Meinung nach ganz Palästina zwischen Tel Aviv und Jordanien besetzt ist. Weshalb stellen sie dich doof?

Kluger Kommentar!

Sehr geehrter Herr Ultsch,
vielen Dank für Ihr Rückgrat und Ihren Mut.
Wenn meine Nachbarn mich in der Vergangenheit mehrmals überfallen hätten und nach wie vor behaupten würden, alles wäre erst in Ordnung, wenn es mich nicht mehr gäbe, würde ich mir auch effiziente Selbstverteidigungsstrategien überlegen.
Hat jemand von den Israel-feindlichen Postern die Hamas-Charta gelesen? Und, wenn ja, teilen sie die Meinung der Mullah-unterstützten radikalen Palästinenser, Israel müsse vom Erdboden verschwinden?
Ich wünsche übrigens auch dem palästinensischen Volk, endlich aus der Geiselhaft der radikalen Kräfte von innen und außen zu entkommen.

Gast: b754
09.04.2012 18:13
3 8

Ein Dutzend Artikel über Israel - ohne Nachrichtenwert


DiePresse verdient gute Geld mit dem braunen Mob - un veröffentlicht schamlos hasserfüllte, antisemitische Postings.

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Re: Ein Dutzend Artikel über Israel - ohne Nachrichtenwert

Deshalb nennt man es ja auch Kommentar und nicht Nachricht.

Gast: Frigga
09.04.2012 17:26
5 13

Der Volksversteher......

heißt hier Christian Ultsch. Selbstredend ist er wesentlich klüger als Grass und hat Ahnung von den komplizierten Verwicklungen der Weltpolitik.
Wie bitte schön, kommt man an so lächerliche Interpretationen Herr Ultsch ?
Ihre Fehlinterpretation der Rede von Ahmadinejad aus 2005 ist so falsch wie falsch übernommen. Bevor Sie hier solche "Enten" ans Laufen bringen, machen Sie sich erst einmal kundig, wie die Rede richtig übersetzt zuverstehen ist. (Muss man die arabische Originalübersetzung bemühen)

Da Sie offensichtlich im Besitz der "Wahrheit" sind, behalten Sie die für sich und präsentieren sich hier nicht als selbigen, mit dem Sie Ahmadineyad bezeichnet haben.

Und was wollen Sie am Gedicht von Grass differenziert haben, wenn man die Sache einfach mal auf den Punkt bringt und nicht mit viel Worten nichtssagend herumeiert ?

Suchen Sie sich einen Beruf, von dem Sie etwas verstehen !

Gast: b754
09.04.2012 15:53
7 19

ein literarischer zwerg wie ultsch

mockiert sich über einen nobellpreisträger
soviel neid von sowenig ultsch

Re: ein literarischer zwerg wie ultsch

.....und ewig stinkt die löchrige rote Socke .......

Einheitsbrei

Ich hätte echt nicht gedacht, dass die medien so geschlossen gegen das gedicht auftreten. sie machen grass alle lächerlich. auch der artikel hier. man macht sich sogar lächerlich darüber dass grass behauptet dass er ein tabu gebrochen hat, dabei ist es offensichtlich dass es so ist, sonst gäbe es nicht 20 artikel darüber in die presse.

Antworten Gast: Jurek Molnar
11.04.2012 14:16
3 0

Re: Einheitsbrei

20 Artikel in der Presse sind der Beweis dafür, dass es ein Tabu gibt?

Sie wissen anscheinend nicht was ein Tabu ist: Es ist ein Verbot über etwas zu sprechen und es zu benennen. 20 Artikel in der Presse sind also das Gegenteil, der Beweis, dass es sich nicht um ein Tabu handelt.

Aber mit Denken und Schreiben haben Grassisten halt so ihre Schwierigkeiten, das hat uns der Meister schon gezeigt.

8 0

Re: Einheitsbrei

Worüber regt man sich denn auf, über die Kritik an Israel, oder an der Person Grass?
Imho letzteres.
Und Kritik an Israel ist ohnehin wenig originell - angeblich darf man das ja nicht, tatsächlich wird es aber ohnehin ständig getan.
Auch damit entpuppt sich Grass als ein Blödel.

Übrigens darf man nicht nur Kritik üben, man darf sogar Kritiker dafür kritisieren.

Der Unterschied zu Sarrazin.

Sarrazin hat Thesen und Argumente, die er ausformuliert und mit Fakten zu untermauern versucht. Man kann mit ihm diskutieren und versuchen seine Argumente mit besseren Argumenten zu widerlegen.

Grass jedoch versteckt sich hinter Pseudolyrik, kein Gedanke ist zu Ende gedacht, und eine sachliche Argumentationskette sucht man vergeblich. Die sachliche Diskussion über den Text, die Grass scheinheilig fordert, findet nicht statt, weil es in seinem Text wenig Substanzielles gibt, an der eine solche anknüpfen könnte.

Deswegen scheint er auch diese Form gewählt zu haben, und vermutlich weil er zu denkfaul oder zu feige ist, eine konsistente Argumentation aufzubauen.

Alles, was er vermittelt, ist die simpel gestrickte Aussage, dass Israel die größte Gefahr für die Welt sei, was aber niemand außer dem deutschen Dichterfürst und Weltgewissen Grass auszusprechen wage.

Aber das ist natürlich blanker Unsinn und der Verdacht des Antisemitismus naheliegend.
Denn wenn es wirklich der brüchige Weltfrieden wäre, der ihn umtreibt (und nicht etwa der Wunsch, es dem Judenstatt mal so richtig reinzusagen), dann gäbe es fürwahr wichtigere Ziele, zB Nordkorea, Pakistan und Indien, oder die als "Maulhelden" verharmlosten Iraner, die eine echte Bedrohung für die Welt darstellen.

Re: Der Unterschied zu Sarrazin.

Bravo! Der beste Kommentar den ich zu diesem Thema gelesen habe!

Gast: Erwin Javor
09.04.2012 14:08
12 5

4/5 und mehr

Sehr geehrter Herr Ultsch!

Obwohl Sie "Volkesmeinung" kennen und daher auch die Ablehnung Ihres Kommentars vorraussagen konnten, haben Sie den Mut aufgebracht diese unpopuläre Meinung zu vertreten
Danke

Antworten Gast: kauri
09.04.2012 15:30
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Re: 4/5 und mehr

ja, danke, danke , verbindlichsten Dank, Sie haben es erkannt,die Masse ist sowas von doof.

Die Bürger sind also anderer Ansicht als die Politiker

aber die Politiker haben das letzte Wort. Soviel zum Thema "Demokratie".

Re: Die Bürger sind also anderer Ansicht als die Politiker

Du tuest mir Leid, wenn du noch an Existenz der Demokratie im Westen glaubst...

Die Masse

ist es auch ,die nicht denkt und das zum Wohle der Regierenden!

Das "Wirtshaus ums Eck" ...

ein plakatives Feindbild der Etablierten, das gar keinen Bezug zu irgendeiner sozialen Realität aufweist.

Gast: habermeier
09.04.2012 10:09
6 6

das muss wahrlich

weh tun, wenn sich die Meinungsmacher ihre Meinung in die Haare schmieren können. Derzeit veranstalten sie hysterisches Geplärre,wobei jeder versucht , den anderen zu übertreffen.

"Nie, außer vielleicht in der Akutabteilung der psychiatrischen Sarah-Herzog-Anstalt, hat irgendein Israeli damit gedroht, das „iranische Volk“ in einem „Erstschlag“ auszulöschen"

bitte schickt den ultsch zu keiner pressekonferenz mehr und lasst ihn keine politker-interviews machen!

der nimmt doch tatsächlich aussagen von politikern ernst und glaubt, was die sagen...
unglaublich mit welcher talent- und ahnungslosigkeit man es bis zum presse-kommentator schaffen kann!

"Schon 2003 erklärten in einer Eurobarometer-Umfrage 53 Prozent der Europäer Israel zur größten Bedrohung für den Frieden, knapp vor den USA. Nordkorea und den Iran reihten sie dahinter."

willkommen bei der millionenshow, herr ultsch.

wer von diesen 4 ländern hat in den jahren seit 2003 bomben und ähnliches zeugs auf andere staaten und deren bevölkerung geworfen?

weil sie es sind: es sind sogar 2 antworten korrekt.
und weil es sich um die 50 € frage handelt: nordkorea und iran waren es nicht.

ich hoffe, sie scheitern dank ihres nicht vorhandenen geschichtswissens nicht schon bei der einstiegsfrage!

kein Staat im 21 Jhdt. hat das Recht Nuklearwaffen zu besitzen

und Regierungen, die gezielte Tötungen vornimmt, sollten schon gar nicht Zugriff auf so eine Waffe haben.

Sorry Leute, aber Atomwaffen sind schlicht und ergreifend sch**ße! Egal, wer damit droht.

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Re: kein Staat im 21 Jhdt. hat das Recht Nuklearwaffen zu besitzen

Na dann hat Israel ja noch mal Glück gehabt, denn es droht nicht damit.

Und mir machen die israelischen A-Waffen weniger Sorgen als die pakistanischen oder nordkoreanischen.
Seltsamerweise ist es bei Grass & CO wohl umgekehrt.

 
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