24.05.2013 17:57 Merkliste 0

Griechenlands selbst gewählter Ruhestand

WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Das griechische Votum richtet sich gegen das deutsche Spardiktat, aber auch gegen die eigene Vergangenheit. Ohne, dass der Zukunft eine Chance gelassen wird.

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Die Griechen stimmten gegen den Sparkurs, sagen die einen. Doch diese Vereinfachung des griechischen Wahlergebnisses vom Sonntag ist so nicht haltbar. Das griechische Volk konnte überhaupt nicht gegen das Sparen stimmen, weil das längst zum unausweichlichen Diktat geworden ist. Jede Regierung, ob sie von der konservativen Nea Dimokratia oder der zweitstärksten linken Syriza angeführt wird, muss sparen. Dieser Staat hat kein Geld mehr, um es zu verteilen. Er hat nicht einmal mehr die Mittel, alle seine Aufgaben zu erfüllen. Es geht lediglich um die Frage, wo sinnvoll gespart wird, wo nicht – etwa bei einem aufgeblähten Militär oder bei der Bildung? Ein Thema, das in diesem Wahlkampf seltsamerweise kaum eine Rolle gespielt hat.

Die Griechen stimmten für den Euro-Austritt, sagen die anderen. Auch diese Vereinfachung stimmt so nicht. Die Mehrheit der Griechen will den Euro behalten, das belegen zahlreiche Umfragen. Ihnen ist bewusst, dass ein Austritt aus dem Euro die Vernichtung eines Gutteils ihres Eigentums bedeuten würde. Wenn Kommunisten oder rechtsextreme Nationalisten mit dem Gedanken einer Rückkehr zur Drachme spielen, muss ihnen bewusst sein, dass sie zielgenau ihre eigene Klientel, die unterprivilegierten Schichten, treffen. Sie werden dann mit noch geringeren Ressourcen auskommen müssen, während die Wohlhabenden des Landes ihre Euro-Sparguthaben längst im Ausland in Sicherheit gebracht haben. Wenn der Euro-Austritt kommt, wird er nicht selbst gewählt sein, sondern mangels Alternative stattfinden.

Was haben die Griechen also gewählt? Sie haben den Stillstand – den Ruhestand – gewählt. Und das ist schlimm genug. Sie haben die großen Parteien, die Nea Dimokratia und die Pasok für deren Misswirtschaft und Korruption in der Vergangenheit abgestraft. So weit ist das verständlich. Sie haben aber auch keine alternative Zukunft gewählt. Weder das radikale Linksbündnis Syriza, das zur zweitstärksten Kraft im Parlament wurde, noch die erfolgreiche rechtspopulistische Anel vertritt eine realistische Politik der Sanierung und des Wiederaufbaus. Die Griechen haben deren Parolen gegen das deutsche Spardiktat gewählt, ohne sich klar darüber zu sein, dass sie hier eine Abrechnung ohne den Wirt gemacht haben. Einen Wirt, der ihnen trotz Geldmangels immer noch das Essen serviert. Deutschland und die anderen Euroländer haben in einem ersten Hilfspaket 110 Milliarden, in einem zweiten Paket 130 Milliarden Euro an günstigen Krediten lockergemacht, um diesen Staat vor dem Bankrott zu retten. Das war keine Hilfe aus der Handkassa.

Ein Happy End ist fast schon ausgeschlossen. Denn das griechische Problem sind nicht die Schulden allein, es ist das sture Verharren in einem Stillstand, der sich nun politisch manifestiert. Die griechische Bevölkerung gibt für die eigene Perspektivlosigkeit den Europartnern und insbesondere dem deutschen Spardiktat die Schuld. Der wahre Kern daran ist, dass der immense Spardruck Jobs im öffentlichen Dienst kostet, den Konsum reduziert und die Wirtschaft bremst. Doch bergab geht es mit dem Land auch, weil es selbst jetzt, da Betriebe und Immobilien so günstig wie nie zu haben sind, kaum Investoren findet. „Sogar jene Griechen, die investieren könnten, tun es nicht“, sagt der Leiter der deutsch-griechischen Industrie- und Handelskammer in Athen. Die griechischen Banken werden von der EZB mit Milliarden versorgt, doch das Geld fließt nicht in die heimische Wirtschaft. Im Land fehlt eine politische Kraft, die Sanierungswillen mit glaubhaftem Engagement für eine Rückkehr zum Aufschwung verbindet. Das schreckt ab.


Es braucht nicht das Orakel von Delphi, um sich vorzustellen, wo das endet. Werden die vereinbarten Sanierungsschritte von den nun gestärkten populistischen Parteien im Parlament tatsächlich blockiert, steht im Juni die nächste Tranche an Hilfskrediten auf der Kippe. Kommt es zu Neuwahlen, bleiben notwendige Reformen für ein Bereinigen der Ausgaben- und Einnahmenpolitik für weitere Monate liegen. Der Stillstand wird prolongiert, und die europäischen Geberländer werden es wohl innenpolitisch nicht mehr lange argumentieren können, weitere Hilfskredite nach Athen zu überweisen.

 

E-Mails an: wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2012)

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36 Kommentare
 
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Gast: oxygen
09.05.2012 18:00
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Griechenland

jeder Auszubildende hat geahnt, das Geld für Griechenland ist weg, man hätte es auch gleich verbrennen können nur unsere schlaue Frau Merkel ,die wusste es anscheinend besser Für ihre Arroganz werden unsere Kinder noch bezahlen Einstein erwähnte mal,das die Dummheit der Menschheit grenzenlos sei - Er muss Merkel und Schäuble voraus geahnt haben

Was ist eigentlich die Ursache dieser Blindheit!

Kein einziger Prerssekolomnist hat gemerkt, dass sich in der EU nach der Wahlen in GR und F vieles geaendert hat! Kein Politiker mit Visionen und kein Journalist mit Visionen!

teufel oder beelzebub?

ich hätte schon gern gelesen, welche der vorhandenen parteien die griechen nun eigentlich nach der geschätzten meinung von hrn. böhm hätten wählen sollen.

Antworten Gast: freund?
08.05.2012 15:02
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Re: teufel oder beelzebub?



PASOK- damit alles so bleiben tut- freinschofd !

Re: Re: teufel oder beelzebub?

gehns bitte, wirklich originell sind Sie nicht.

Wissenslücke

Mich würde interessieren, wie sich Hr. Böhm die Bereinigung des strukurellen Defizits, das auch bestehen würde, wenn alle Schulden von uns bezahlt werden würden, vorstellt.

Wie sonst, als durch Austritt und Einführung einer eigenen Währung, die sofort abgewertet werden kann, sollte dieses Land wieder properieren?

Re: Wissenslücke

das Land ist ein Sauhaufen!

an die eu-Kandare und fertig!

Ein Happy End ist fast schon ausgeschlossen. Denn das griechische Problem sind nicht die Schulden allein, es ist das sture Verharren in einem Stillstand, der sich nun politisch manifestiert.

Nur mal so: In dieser Disziplin sind auch wir gefährdet.
Noch streiten wir, ob´s (s. Solidarabgabe) ein bisserl mehr sein darf oder (s. Kindergeld) ein bisserl weniger.
Strukturelle Probleme gehen wir lieber nicht an.

Wir haben jetzt ein fast dramtisches Anschauungsbeispiel was passiert, wenn nichts passiert. Wenn alles, was wir sehen, ist: "Die faulen Griechen", wird´s uns ähnlich gehen. Andere werden dann sagen "Die dummen Österreicher". Mit dem Unterschied, dass das dann auch sicher belegbar wäre.

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Reiche Griechen zahlen kaum Steuern

Wie aus Recherchen nachzulesen ist, zahlen reiche Griechen kaum Steuern. Ein Reeder dazu: "An einem korrupten Staat zahlen wir keine Steuern".
Anderes Beispiel: 2.250 kontrollierte Ärzte (anzunehmen, dass es bei den nicht kontrollierten Ärzten ähnlich ist) gaben in ihrer Steuererklärung ein jährliches Einkommen von weniger als 12.000 Euro an, zahlten aber mehr als 15.000 Euro Jahresmiete für ihre Praxen und hatten teilweise Sparguthaben bis zu 10 Millionen Euro.
Vorige Woche sah ich selbst bei meinem Australien-Urlaub im Jachthafen Sydney zwei Riesenjachten mit griechischer Flagge. Vor dem Zugriff verschoben?
Es sind also nicht nur die Politiker die das Land in den Abgrund fahren - auch viele griechische Bürger arbeiten fleißig mit.

Gast: LegendIn
08.05.2012 10:58
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Was für ein Sieg der sozialistischen Internationale - Umverteilung!



Wir, die "Reichen" (Österreich, Deutschland, Holland,...) dürfen für die "Armen" bezahlen. Das Sparpaket der Regierung Faymann mit Pensionskürzungen und Steuererhöhungen für Alle ist somit eigentlich nur eine einzige "Reichensteuer". Denn jeder Österreicher ist ja reich und jeder Grieche ist arm. Auch wenn er tausende Millionen Euro ins Ausland bringt: der Grieche muss unterstützt werden.

Das nennt man "soziale Wärme" und das ist voll ganz total gut für Alle!

Also liebe Landsleute, stellt euch schon mal auf Pension mit 67 ein, damit die armen Griechen auch weiterhin mit 56 in Pension gehen können. Und für längst tote Angehörige die Pension kassieren. Usw. usw.

Neuwahlen ?

Ich bin gespannt, aber wievielten Neuwahl die Vernunft in die Hirne einzieht.

Die Zukunft Griechenlands liegt nur in einem Staatsbankrott mit dazugehöriger Währungsreform samt Austritt aus dieser EU Diktatur

wie kann sich ein Redakteur anmaßen, dem mit dieser Wahl klar geäußerten Volkswillen der Griechen derart abzuqualifizieren? Gerade durch die Aufgabe des Kaputtsparens entstehen Investitionen und dadurch neue Jobs. Alles andere würde dieses Volk in Massenarbeitslosigkeit und verstärkte Armut stürzen.

Gerade durch die Aufgabe des Kaputtsparens entstehen Investitionen und dadurch neue Jobs

Keynes Kapitel 1.
Keynes Kapitel 2: Wenn sich die Wirtschaft dadurch im Aufwind befindet, sind die in Kapitel 1 angehäuften Schulden abzutragen. Vollständig.

Das Problem ist: Es gibt nichts mehr zu investieren. Beweis: Nehmen Sie Ihr Erspartes und eröffnen Sie damit ein Konto bei einer griechischen Bank. Sie werden damit zum Klein-Investor. Werden Sie wohl nur tun, wenn die versprochenen Zinsen höher sind als hier. Und wer soll die bezahlen?

Mantraartig die Wiederholung: Das beste, was wir aus GR machen können, ist endlich zu kapieren, dass ständiges Schuldenwachstum nicht funktioniert. Auch nicht bei uns.

Re: Die Zukunft Griechenlands liegt nur in einem Staatsbankrott mit dazugehöriger Währungsreform samt Austritt aus dieser EU Diktatur

EU-Diktatur ... die ist dringend erforderlich, aber für Griechenland noch zu lasch.
Da gehört ein EU-Protektorat errichtet, keine eigene griechische Regierung.
Jede andere Regelung bedeutet ein Dauer-Sog auf den Inhalt unserer Brieftaschen.

Der Fehler lag beim Euro-Beitritt - unsere Verantwortlichen gehören bestraft, bis zum Existenzminimum.

Re: Re: Die Zukunft Griechenlands liegt nur in einem Staatsbankrott mit dazugehöriger Währungsreform samt Austritt aus dieser EU Diktatur

Hirschmugl gibt die Demokratie für die permanente Bankenfinazierung durch die Steuerzahler auf. Interessant. Vielleicht auch ein Millionenbonibezieher...

Re: Re: Re: Die Zukunft Griechenlands liegt nur in einem Staatsbankrott mit dazugehöriger Währungsreform samt Austritt aus dieser EU Diktatur

Sobald die Schulden tilgbar sind, sinken die Zinsen, daher werden die Banken weniger finanziert. Die Banken haben auch verzichtet (verzichten müssen).
Der Fehler ist schon begangen worden, jetzt geht es um eine Minimierung des Unheils. Wie Sie am Ausgang der Wahlen sehen, bringt die griechische Demokratie keine Abhilfe.
Was ist Ihr Vorschlag für einen Weg?

Re: Re: Re: Re: Die Zukunft Griechenlands liegt nur in einem Staatsbankrott mit dazugehöriger Währungsreform samt Austritt aus dieser EU Diktatur

Austritt aus der EU und dem Euro. Staatsbankrott und danch eine eigene Währung, die entsprechend abwertbar ist. That´s it!

Re: Re: Re: Re: Re: Die Zukunft Griechenlands liegt nur in einem Staatsbankrott mit dazugehöriger Währungsreform samt Austritt aus dieser EU Diktatur

Da muß ich schmunzeln; Sie haben es leicht, müssen die Konsequenzen für Ihren Ratschlag nicht tragen, sollte er umgesetzt werden.
Aber Sie verstärken die kritische Stimmung, danke.

Gast: Unbeteiligter
08.05.2012 07:33
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Die Hilfen sind ohnedies ....

Verfassungswidrig und Amtsmissbrauch. Vielleicht findet sich in diesem korrupten Staat letztlich doch mal ein Staatsanwalt der den Mut hat dass anzuklagen,

Tod der Eu!

Ganz großes Theater!

Und wofür? Hauptsächlich für ein paar Zahlen in Computerspeichern.

Gast: pour le mérite
07.05.2012 23:21
5 0

Ach, Herr Böhm, geben sie auf!

Die EU ist gescheitert.

Und daran wird sich nix mehr ändern...

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Re: Ach, Herr Böhm, geben sie auf!

Die EU ist nicht gescheitert, sie ist nur schon seit längerer Zeit auf komplett falschem Weg.
Scheitern wird sie nur, wenn jetzt nicht ein radikales Umdenken stattfindet, ein Zurückbesinnen auf die Wurzeln, sozusagen, bevor die wirtschaftliche Vision einem pseudo-politischen Monster geopfert wurde.

Gast: Till vom Ulenspiegel
07.05.2012 23:07
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Tolle Vorschläge gibt es ja in Massen

Unter den Linden, Chefredakteur des Sterns: den Griechen müssen wir unbedingt Geld geben damit sie tolle Sonnenkraftwerke in Gr bauen und betreiben können. Wenn die selbst ernannten Eliten diese Vorschläge wirklich ernst nehmen, dann gehören sie besachwaltert.

Gast: world-citizen
07.05.2012 22:06
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Es wird einen .................

........... hohen Repräsentanten für Griechenland geben müssen, so wie für Bosnien-Herzegowina. Und wenn es so weiter geht werden andere Länder auch einen solchen brauchen, der ermächtigt ist, auch gewählte Politiker abzusetzen, wenn sie Unruhe stiften.
Wünschenswert wäre es, wenn ein solcher bereits eingesetzt würde, bevor es zu Gewalteskalationen kommt.

griechenland beweist vor allem, dass

die demokratie nicht geeignet ist, in schwierigen zeiten, änderungen herbeizuführen.

nur, was ist die alternative?

keine guten aussichten für europa.

Antworten Gast: teo
08.05.2012 16:16
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Re: griechenland beweist vor allem, dass

Griechenland ist Titanic-Lehre für emanzipierte Menschheit, EU, USA usw. Das ist aber auch die Strafe uns alle. Titanische Übermenschen haben vor 25oo Jahren unsere "Dimokratia" erfunden, die sich immer mehr verselbstständigt und uns alle zum Teufel jagen will. Und dabei hilft uns auch kein Belzebub mehr...

 
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