19.05.2013 13:36 Merkliste 0

Frau Merkel allein im europäischen Haus

KARL GAULHOFER (Die Presse)

Der Fiskalpakt war die letzte Hoffnung, dass die Eurozone noch zusammenwächst. Nun steht Berlin mit seinem Credo des Schuldenabbaus fast isoliert da.

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Diplomatie ist ein wundersames Ding. Sie macht aus Gegnern Freunde und aus logischen Widersprüchen sonore Symbiosen. Natürlich werde sie Frankreichs neuen Präsidenten mit offenen Armen empfangen, versichert Kanzlerin Merkel. Ein Chor von Kommentatoren stimmt die Tonart von Botschaftern an: Die deutsch-französische Freundschaft wird halten, zum Wohle Europas. Schon werden emotionale Schnittmengen gesucht: Hollande, der volksnahe Biedermann, passt ja bestens zu Frau Merkel, die am Samstag selbst in den Supermarkt geht und sich dann an den Herd stellt. Die Achse war doch stets stabil, wenn sie schwarz-rot gefärbt war: Giscard d'Estaing und Schmidt begründeten das moderne Europa, Mitterrand und Kohl ließen Deutschland zusammenwachsen. Merkozy ist tot, es lebe Merkhollande!

Mit Verlaub, so läuft es nicht. Der Aufbau der Union, ihre Erweiterung, die Wiedervereinigung – das waren tatsächlich politische Willensakte. Doch eine Gemeinschaftswährung für erst elf, nun 17 völlig disparate Volkswirtschaften aus dem Boden zu stampfen und dabei alle Warnungen in den Wind zu schlagen war schlicht ein ökonomischer Fehler. Eine Währung muss sich auf dem Markt bewähren, nicht an der Wahlurne.

Auch beim Schuldenmachen verlässt der Staat das Forum der Politik: Er geht ein privatrechtliches Versprechen ein. Die Risikoaufschläge zeigen es: Der Bürger als Anleger verliert bei manchen Eurostaaten das Vertrauen, dass die Versprechen gehalten werden. Was tun? Merkel und ihr Schatzmeister Schäuble hatten zumindest eine Idee: einen Fiskalpakt, der durch Schuldenbremsen alle zum Abbau ihrer Altlasten zwingt. Einen historischen Wimpernschlag lang sah es so aus, als könnten die Deutschen ihre Partner überzeugen. Doch der Bürger als Wähler wischt den Kraftakt von der Agenda: in den Niederlanden, in Griechenland, in Frankreich. Dabei hatte niemand prophezeit, dass ein Sparkurs kurzfristig aus der Rezession hilft. Er schafft, zusammen mit flexiblen Arbeitsmärkten, die Voraussetzung für eine spätere Gesundung. Erste Anzeichen dafür gibt es, vor allem in Irland und Portugal: höhere Exporte, weil die Wettbewerbsfähigkeit steigt. Das haben die Deutschen vorgemacht. Doch auch in ihrer Heimat trifft Merkel auf Widerstand. Zwar steht die Bevölkerung mehrheitlich hinter dem Schuldenabbau. Aber im wichtigsten Bundesland, in Nordrhein-Westfalen, ist am Sonntag der SPD-„Schuldenkönigin“ der Sieg sicher. Die Opposition im Bund, durch die französische Revolution übermütig geworden, kratzt selbst am Fiskalpakt, der mit ihren Stimmen zu ratifizieren ist.

Denn Hollandes Sieg sehen viele als Kurswechsel: weg vom Sparen, hin zu schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen. Wenn der Finanzmarkt nicht mitspielt, muss man ihn eben fesseln und knebeln. Wir werden den Zockern schon zeigen, was Primat der Politik bedeutet! Das ist gefährliche Polemik. Schon das Wort „Wachstumspakt“ ist entlarvend: Für Reformen und nationale Budgets braucht es keinen unionsweiten Pakt. Also sollen offenbar die Deutschen zahlen, solange sie noch können. Umgekehrt ist die Versicherung aus Berlin, man sei sich beim Wachstum einig, Heuchelei: Die EU-Mittel, die anders eingesetzt werden sollen, sind längst verplant. Und Reformen nach deutschem Vorbild, das weiß auch Merkel, sind das Letzte, was man Rente-mit-60-Hollande einreden kann.

Tatsächlich stehen hinter dem „gemeinsamen“ Ziel Wachstum zwei konträre, unversöhnliche Konzepte: durch solide Haushalte Vertrauen in die Zukunft schaffen oder durch neue Schulden Wachstum herbeizaubern. Es ist müßig zu diskutieren, welche ökonomische Theorie die richtige ist. Denn die Geldgeber vertrauen dem Wachstum auf Pump nicht, zu schlecht sind ihre Erfahrungen. Auch Hollandes Vorbild Mitterrand stürzte Frankreich mit Konjunkturprogrammen in eine schwere finanzielle Krise. So nimmt zwar der Bürger als Wähler die letzten Chancen, die den Politikern in der Eurokrise geblieben sind. Zugleich zwingt aber der Bürger als Anleger dazu, Kurs zu halten. Weder Merkel noch Hollande, sondern die schizophrenen Europäer entscheiden über das Schicksal des Euro. Seite 1

 

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2012)

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33 Kommentare
 
12
Gast: lessismore
10.05.2012 16:04
1 0

Die Währungsunion ...

war ein ökonomischer Fehler -- sagen die, die sie unbedingt haben wollten.

Da fragt sich natürlich der aufmerksame Leser, welche Fehler die "Presse" HEUTE unbedingt machen will ...

Gast: b754
10.05.2012 13:49
0 4

die griechen haben merkel gezeigt was sie von ihr halten

danke dafür

Nur ein kleiner Einwand

Dass die Schuldenmachen nur in der SPD sitzen, ist so nicht richtig. Auch unter Merkel verschuildet sich das Land mit mehr als dem Anteil an Investitionen. Und das heisst: Für den laufenden Betrieb.

Gast: Hardliner 1
10.05.2012 10:59
2 0

Die unseligen Schuldenmacher

Es steht schlimm um Europa, wenn Schuldenmachen und Strohfeuerprogramme von den meisten Staaten als Lösung der Staatsschuldenkrise angesehen werden. Dabei weiß doch jeder, dass das Schuldenmachen die Hauptursache für das jetzige Desaster vieler Staaten ist. Keiner der Politiker, die heute für einen "Wachstumspakt" plädieren, würden in ihrem privaten Umfeld ähnlich agieren wie sie dies in der Politik tun. Die Verlagerung von Problemen in die Zukunft darf nicht länger hoffähig sein. Deutschland steht vergleichsweise gut da, nicht zuletzt wegen zahlreicher Reformen, die alles andere erfreulich für die Bürger sind.l

Die Steigerung der Exporte ist eher auf ...

den Kaufkarftverlust im eigenen Land zurückzuführen als auf die steigende Wettbewerbsfähigkeit, wie wohl die Wirtschaftsdaten dieser Länder zeigen.

Die Veränder der Wettbewerbsfähigkeit ist nicht im Stundentakt durch das Ablesen des Exportes zu messen, aber warum sollte das auch ein Wirtschaftsredakteur wissen :-[

Gerhard Schröder....

...auch genannt der "Genosse der Bosse" hat es durch seine wirtschaftsfreundliche Politik geschafft, daß Deutschland im Vergleich jetzt so gut dasteht.

Natürlich zahlen das im Prinzip die deutschen Arbeitnehmer, Beamten und Rentner.....denn so geringe Zuwächse, wie bei deren Einkommen, gibt es sonst in ganz Europa nicht - trotzdem geht es niemand wirklich schlecht.

Antworten Gast: Woodman
10.05.2012 16:06
0 0

Re: Gerhard Schröder....

War nicht Schröder derjenige, während dessen Regierungszeit die deutsche Arbeitslosenzahl von 3 auf 5 Millionen geklettert ist?

Euro schlecht für Deutschland?

Der Euro war für Deutschland nicht schlecht, sondern sogar sehr gut. Schon seit Jarhzehnten litten die Deutschen unter den so regelmäßigen Währungsabwertungen der Importländer. Wenn die eigene Währung so viel langsamer an Wert verliert, wird's mit dem Export schwierig.
Durch den Euro konnte der Wechselkurs nun zehn Jahre lang stabil gehalten werden. Für Deutschland ein Segen.
Jetzt stehen wir vor der unweigerlichen Konsequenz, dass viele Länder weder politisch noch wirtschaftlich auf eine Hartwährungspolitik eingestellt waren. Eine gemeinsame Währung für so unterschiedliche Währungsstrategien kann fast nicht aufgehen.
Einzige Lösung: Spaltung der Union in Hartwährungs- und Weichwährungszone. Hart bei der Einführung, aber die einzige dauerhafte Lösung.

Gast: sdafsdf
10.05.2012 06:40
7 0

Im Spiegel dieser Woche kann man großartig nachlesen, wie die Politik aus wahltaktischen Überlegungen alle Warnungen in den Wind geschlagen hat.

Sehenden Auges hat man die Bevölkerung in die Armut getrieben und den Hass der Völker aufeinander riskiert. Die Deutschen, Franzosen, Italiener und Holländer zumindest wussten Bescheid. Das ist aktenkundig.

die eu ist viel mehr als eine wirtschaftsunion, die die wirtschaftlichen einzelinteressen ihrer mitglieder zu verfolgen hat.

es ist schlicht falsch, den deutschen weg als vorbild für die ganze eu zu sehen.
denn der deutsche erfolg war/ist nur möglich, weil andere eu-staaten weniger produzierten und mehr importierten.
hätten die anderen eu-staaten ebenfalls nach deutschem vorbild gehandelt, dann wäre die agenda schröders gescheitert. sie war exportfinanziert.

in diesem zusammenhang fällt oft die behauptung "wer das geld hat, der schafft an".
wie ist das in der familie? wenn es einen alleinverdiener gibt, dann hat dieser alle pascha-rechte und der/die partnerIn hat zu kuschen? die kinder sowieso?
wie ist das in einem unternehmen? allein der kapitaleigner bestimmt? und die mitarbeiter sollen nichts zum mitreden haben und froh sein, dass sie überhaupt einen arbeitsplatz haben?

in beiden fällen ist ein scheitern fast sicher.

wie im kleinen, so auch in der großen eu: nur wenn die eu als ganzes funktioniert, dann profitieren auch die nationalstaaten.

Gast: malleus
09.05.2012 22:12
8 1

Umso besser!

Dann ist das Ende des Euros noch näher.

Gast: dertzu
09.05.2012 21:32
7 1

Es gibt EU-Regeln 3% und 60% und das hat nichts mit

Merkel zu tun, sondern die stehen am Anfang der Union.

Antworten Gast: Peter Zisch
09.05.2012 22:35
2 1

Das hat sehr wohl mit Deutschland und Merkel zu tun.

Denn die haben die Maastricht-Regeln selbst als erste gebrochen....

Re: Das hat sehr wohl mit Deutschland und Merkel zu tun.

Merkel sicher nicht...Deutschland ja, aber Auslöser waren die Kosten der Wiedervereinigung mit denen man immerhin innerhalb eines Jahrzehntes ein Land aus dem Quasi-Nichts aufgebaut hat.

Antworten Antworten Antworten Gast: Pro Europäer
10.05.2012 09:47
0 1

Re: Re: Das hat sehr wohl mit Deutschland und Merkel zu tun.

Vielleicht kann man ja auch so Griechenland innerhalb eines Jahrzehnts aus dem Nichts aufbauen

Antworten Antworten Antworten Gast: Kaiser Tranz
10.05.2012 09:11
0 1

Seit Merkel regiert

werden die Maastricht-Kriterien mit Füßen getreten, wie zuvor ... typisch Deutschland: Regeln sollen nur für die anderen gelten.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Vogel Strauss
10.05.2012 19:28
0 0

Re: Seit Merkel regiert

Die wurden bereits vorher von Schröder mit Füßen getreten ...

Schön

langsam fragen sich jetzt sogar die allerdümmsten,was jeder welcher halbwegs bei Wirtschaftsverstand ist schon lange wußte, wie geht's weiter ?

Ja wie geht's weiter ihr ÄUUUUUU Koffer ?

Auf alle Fälle haben wir jetzt mal das stinknormale Resultat welches herauskommt wenn man wirtschaftpolitisch 1,2 Elefanten 3,4 Halbelefanten und sonst nichts vor einen 27 Spänner schnallt.

Und all jene welche nicht ziehen, sitzen hinten oben und machen was sie schon immer machten und wo jeder wusste,dass das das EINZIGE ist was sie wirklich können, NICHTS,vielleicht ein bißchen Siesta aber das war's dann wirklich schon.

Die EU,eine grundsätzlich gute Idee wenn man bei einer kleineren Zahl von Mitgliedern,ca. die Hälfte, geblieben wäre welche eine im Verhältnis annähernd gleiche Wirtschaftsleistung gehabt hätten und wo die Bürger der Mitgliedstaaten gewusst hätten,dass sie für Wohlstand innerhalb einer Gemeinschaft arbeiten und wo alle am gleichen Strang ziehen.
Wohlstand schaffen durch GEMEINSAMES arbeiten.
Wohlstand schaffen durch Bürger verschiedener Staaten wo alle gewusst hätten,dass das alle WOLLEN, durch gemeinsamen ziehen am selben Strang.

Zu Grabe getragen wurde diese gute Idee von größenwahnsinnigen "Volksvertretern" ,welche mittlerweile nichtmal mehr die Luft wert sind welche sie minütlich verbrauchen.

warum in die Ferne schweifen? Sieh, der Häupl liegt so nah!



Gast: Mai
09.05.2012 18:57
19 0

Unverständlich

Es ist mir völlig unverständlich, wie mann ernsthaft eine ganzes System auf Schulden aufbauen kann.
Außer man ist niemals bereit, diese Schulden zurückzuzahlen und / oder man plant bewußt, die Gläubiger durch Inflation / Hyperinflation zu enteignen.
Beides ist Betrug.
Beides ist schlicht und einfach eine Sauerei.

Gast: BRD-Bürger
09.05.2012 18:55
2 15

Das Problem: Die CDU/CSU-FDP-Koalition ist am Ende


Frau Merkel ist mit ihren neoliberalen Ideologien in der Sackgasse. Ökonomie braucht dringend kompetente Politiker. Schwarz-Gelb ist schlicht ausgebrannt.
und muß dringend abgewählt werden.

überall, wo sozialisten regieren,

werden schulden in rücksichtsloser art und weise angehäuft, ohne auf die folgen für kommende generationen zu achten.

es zählt das heute, nicht das morgen!

Antworten Gast: Vrrrrh
09.05.2012 22:38
2 1

Ach so.

Pröll = Sozialist, Jörg Haider = Sozialist, Orbán = Sozialist, Cameron = Sozialist, Sarkozy = Sozialist, Aznar = Sozialist. Usw.

Größtenteils richtig.


Antworten Gast: EXETer2
09.05.2012 22:36
0 3

Karl-Heinz Grasser (der das größte Budgetdefizit der Republik verantwortet)

war ein Sozi? Echt?

Antworten Gast: Horst F.
09.05.2012 18:58
2 14

Re: Diesen Scheiß verbreitet Krone & Co


Tatsächlich verdanken wir den heutigen Schuldenberg den Konservativen.

 
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