20.05.2013 03:21 Merkliste 0

Rückgrat gegenüber China

Leitartikel von CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Bundeskanzler Faymann und Außenminister Spindelegger trotzten chinesischen Drohungen und trafen in Wien den Dalai-Lama. Gut so. Die symbolische Geste verdient Achtung.

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Es ist ein seltener Moment, und deshalb muss er gewürdigt werden. Die österreichische Bundesregierung hat Einigkeit und standfesten Charakter bei einem heiklen außenpolitischen Thema bewiesen. Sowohl Bundeskanzler Werner Faymann als auch Außenminister Michael Spindelegger haben es sich trotz wiederholter Drohungen aus Peking nicht nehmen lassen, in Wien mit dem Dalai-Lama zusammenzukommen.

Der schäumende Protest folgte innerhalb weniger Stunden. In einer harschen Stellungnahme geißelten die Schriftführer aus dem roten Reich der Mitte die Treffen mit dem spirituellen Oberhaupt der Tibeter als „schwere Einmischung in die inneren Angelegenheiten Chinas“, das sich Tibet bekanntlich 1950 durch eine Invasion einverleibt hatte. Österreichs Führung habe damit die Gefühle des chinesischen Volkes verletzt und den separatistischen Kräften in Tibet ein falsches Signal gegeben. In einem Nebensatz stellten Pekings Wutdiplomaten sogar die „gesunde Entwicklung der chinesisch-österreichischen Beziehungen“ infrage.


Ritualisierte Empörung. Im Außen- und vermutlich auch im Bundeskanzleramt ahnte man, dass es so oder so ähnlich kommen werde. Die chinesische Protestkultur gegen den Dalai-Lama hat sich längst zu einem automatisierten Ritual verfestigt. Faymann und Spindelegger ließen sich trotzdem nicht von den totalitären Machthabern des asiatischen Wirtschaftsgiganten erpressen. Das ist gut so. Und eine passende Rechtfertigung haben Kanzler und Vizekanzler parat: Der Dalai-Lama hat keine politische Funktion inne, sondern eine religiöse.

Zudem pochen er und seine Anhänger lediglich auf mehr Autonomierechte innerhalb der Volksrepublik. Doch für China ist der buddhistische Dauerlächler mit den Popstar-Allüren immer noch ein „Wolf im Schafspelz“, ein durchtriebener Separatist. Und auf jede Gefahr für die Einheit des Landes, sei sie noch so imaginiert, reagiert der KP-Machtapparat allergisch. Aus historischen Gründen, weil sich die Schmach eines zerstückelten China nicht mehr wiederholen soll, aber auch aus politischem Kalkül. Der chinesische Nationalismus ist eine Legitimationsquelle der Kommunisten, die sie zwischendurch immer wieder gern anzapfen. Das Spiel ist nicht ohne Tücke: Denn eines Tages könnte genau eine solche nationalistische Welle das Regime wegspülen.

Spindelegger reizt den roten Riesen (gemeint ist natürlich der chinesische) nicht zum ersten Mal. Im Februar 2011 traf er in Peking demonstrativ den später verhafteten Regimekritiker Ai Weiwei. Auch Faymann sprach in China mit der Opposition, gab aber öffentlich keine Namen preis. Dessen Amtsvorgänger, Alfred Gusenbauer, hatte den Dalai-Lama 2007 sogar im Bundeskanzleramt empfangen und damit eine kleine diplomatische Eiszeit mit China ausgelöst.


Vorsichtiger Fischer. Nur einer bleibt stets vorsichtig und geht Hände waschen, wenn es brenzlig wird: Heinz Fischer. Der Bundespräsident fand auch diesmal keine Zeit für den Buddhistenführer aus Tibet.

Faymann und Spindelegger verdienen Achtung für ihre Haltung. Zu Helden muss man sie deswegen aber auch nicht stilisieren. Denn das Risiko, das sie mit ihrer symbolischen Geste eingegangen sind, ist beherrschbar. China hat sich auch in der Vergangenheit irritiert gezeigt, wenn sich österreichische Regierungspolitiker allzu sichtbar für Menschenrechte oder Tibet eingesetzt haben. Doch die künstliche und pflichtschuldige Erregung in Peking ist meistens schnell wieder verraucht. Genügend Gelegenheit, Prinzipientreue zu zeigen und demokratische Werte hochzuhalten, hätte die Bundesregierung auch an anderen Orten zwischen Moskau, Baku und Riad.

Doch da erweist sich das Rückgrat leider meist biegsamer als Öl- und Gaspipelines. Auch deshalb vielleicht die begeisterte Teilnahme am Dalai-Lama-Spiel, das letztlich harm- und folgenlos bleiben wird.

christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2012)

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20 Kommentare
Gast: lanessan
28.05.2012 15:13
2 0

Fischer ist keine moralische Autorität

aber das ist ja keine neue Erknntnis. Klestil war es zuvor ja auch nicht. Deshalb sollte mann diesen unnötigen Posten abschaffen.

1 0

Rückgrat zu zeigen ist löblich...

Es zu vermarkten ist es nicht.

Gast: BKM
27.05.2012 10:31
4 0

Gottseidank

Gottseidank ist China kein Landeshauptmann - da hätte man sich sowas nicht erlauben dürfen .....

Gast: p.
27.05.2012 08:22
8 0

Und wieder war

wenn es heikel wird, der Heinzi am Häusl.

Re: Und wieder war

Aber daß er sich hinterher die Hände gewaschen hat, kann man ihm doch wirklich nicht zum Vorwurf machen! Und immerhin hat ihm diese "immerwährende Vorsicht" bis in die Hofburg gespült! Insofern hat also Heinz Fischer mit seiner speziellen "Lebensplanung" eh alles richtig gemacht. Auch wenn er auf diese Weise ein "moralisches Vorbild" im eigentlichen Sinne nie gewesen ist, auch heute nicht ist und vermutlich auch in Zukunft nie sein wird.

Gast: yvn
27.05.2012 07:43
5 0

ich versteh nicht,

dass rückgratsverletzungen nicht heilbar sind.
man müsste ja nur einen gartenschlauch implantieren.

fischer lebt ja hervorragend damit.

Antworten Gast: Gast4711
27.05.2012 09:55
3 0

Re: ich versteh nicht,

Sie verkennen die Situation.

Er ist schon mit einem Gartenschlauch auf die Welt gekommen. ;-)

6 2

China

ist die Pest des 21.Jhdts. Erst erspionierten sie die Industrieintelligenz des Westens, da lachten wir ueber die Kleinen, jetzt kaufen sie um die Welt auf was sie dank ihrer staatsgetragenen Megakonzernmacht koennen. Der naechste Schritt - soeben im eigenen Umfeld erlebt - ist dass sie selbst im Ausland nicht mit heimischen Arbeitern agieren sondern erzwingen, ihre eigenen Billigarbeitskraefte zu TAUSENDEN in Uebersee einsetzen.
Der Westen spielt verliebt mit politisch korrekten Bilder von Toleranz und Voelkerverstaendnis, China hingegen hat NULL Empathie fuer irgendetwas anderes als Expansion seiner Wirtschaftsmacht und leistet NULL Beitrag an Kunst, Wissenschaft und Voelkerverstaendigung abseits von Propagandazwecken.

Antworten Gast: Wissenschaftler
28.05.2012 13:54
0 1

Re: China

"China ist die Pest?" aus gerechnet von uns., einem Land, das für die Tötung Millionen von Menschen im 2. Weltkrieg verantwortlich ist, wo heue noch immer 30% Stimmen für die Rechtsradikalen normal ist. China hat weit weniger Unheil angerichtet. Es ist Land der Berge aber auch Land der Täter!

Re: China

Danke für ihr Posting, es ist erschreckend wahr. Auch deswegen ist es so wichtig, den Tibetern zu helfen, Wir müssen jetzt schon die Chinesen in ihre Schranken weisen. Bevor es zu spät ist.

Antworten Gast: Gast4711
27.05.2012 08:38
2 0

Re: China

Danke für Ihre klaren Worte. Es deckt sich voll und ganz mit meiner Meinung.

Holt endlich die Produktion von China zurück nach Europa bevor es zu spät ist. Denn China wird uns noch einmal das Fürchten lehren. China wird die größte Gefahr für die westliche Wirtschaft im 21 Jahrhundert werden.

China macht dem Westen langsam aber sicher in jedem Wirtschaftssektor massive Konkurrenz. Das KnowHow dass die Chinesen nicht legal erwerben können bekommen sie halt durch staatlich massiv geförderte Wirtschaftsspionage.

Der deutsche Verfassungsschutz warnt mittlerweile massiv vor chinesischen Praktikaten und gezielte Hackerangriffe auf deutsche Mittelständler zur Informationsbeschaffung.

Re: Re: China

Völlig richtig beschrieben! Immer mehr europäischen Firmen beginnt langsam zu dämmern, daß das von ihnen vor Jahren euphorisch erhoffte "China-Geschäft" sich immer mehr als reine Illusion entpuppt. Also was scheißt sich die westliche Politik an, wenn irgend jemanden die Berufsparanoiker in Peking "erzürnen" könnte, indem er, ohnehin in wohlgesetzten Worten, die Einhaltung von Menschenrechten einmahnt? Und warum sollen wir uns noch weiterhin Produkte aus dem Reich der Mitte kaufen, die zwar billig produziert und nieder im Kaufpreis sind; anderseits aber auch oft hoch giftig; besonders die Spielzeuge für kleine Kinder!

Daß chinesische Firmen massiv auf europäische, amerikanische und afrikanische Märkte drängen und ihr Staat in hohem Maß wertvolle Rohstoffe hortet, womit deren Preis ins bald Unbezahlbare steigt, ist ein weiterer Aspekt dafür, daß der Westen, durch die Finanzmarktkrise eh schon gewaltig geschwächt, in absehbarer Zeit in die ökonomische Bedeutungslosigkeit absinken könnte.

Und die EU, die sich oft und gern in die künftige Position als "wichtige Global-Player-Zone" hinein fantasiert, muß wieder einmal erkennen, daß sie den Dumpingpreisen der Chinesen nichts Wirkliches entgegen zu setzen hat!

U.a. auch deshalb, weil sich Chinesen keinen Deut um Umweltschutz und gesundheitsgefährdende Grenzwerte scheren, während Brüssel äußerst kreativ ist beim Erfinden immer neuer Auflagen, Vorschriften und Verbote, die letztlich unsere Firmen aus der EU-Zone treiben! Na toll...

Antworten Antworten Gast: herr2
27.05.2012 13:26
0 0

Re: Re: China

Wenn uns das Geld zum Kauf chinesischer Produkte ausgeht, vielleicht nehmen sie dann wieder Opium als (Zwangs)Zahlungsmittel an.

Re: Re: China

Es gibt leider keine westliche Technologie mehr, was die Asiaten nicht haben. Ich wünsche dir eine angenehme Nacht!

Gast: ökono-mist
27.05.2012 00:46
5 0

Ein Dankeschön an unsere Regierungsspitze!


Bloß nicht vor Antidemokraten in die Knie gehen!

Tja, das Lama

ist seit langer Zeit ein sympathisches, belastbares Nutztier.

Fischer geht Hände waschen?

Was für ein vornehmer Euphemismus ....

Strategische Besuche des Waschraums ermöglichen es jedenfalls, die Hände in Unschuld zu waschen, falls einmal etwas danebengeht ;-)

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste und Fischer ist ihr Hüter; nur ja kein politisches Porzellan zerschlagen!

Gast: tom green
26.05.2012 22:37
0 0

ich bin neugierig...

ich bin neugierig wann sich spindelegger den schwarzen riesen in st.pölten zu reizen traut...
gründe dafür gäbe es ja genug.

So lange Kanzler, Vizekanzler und Bundespräsident gegenüber den Landeskaisern kuschen, kann von Rückgrat keine Rede sein!


4 1

Rückgrat?

Nun ja, Faymann und Spindelegger haben Gott sei gedankt, Rückgrat gezeigt. Fischer, nicht! Idealerweise hätte nach den rotchinesischen Beschwerden Spindelegger den rotchinesischen Botschafter zu sich rufen lassen sollen, um ihm klarzumachen, daß Österreich eine "Einmischung in innere Angelegenheiten" (das ist übrigens die beliebteste Ausrede der Rotchinesen) nicht dulden kann...

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