18.05.2013 21:04 Merkliste 0

Präsidenten-Anwärter hätte Martin Graf bleiben sollen!

OLIVER PINK (Die Presse)

Es ist – noch – mehr eine politische denn eine juristische Frage: Martin Graf soll nicht zum Rücktritt gezwungen werden. Er sollte von sich aus gehen.

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Unbestritten ist, dass jedem Gesetz ein Anlass zu Grunde liegt. Mit dem Begriff „Anlassgesetzgebung“ ist allerdings gemeint, dass ein Anlassfall umgehend – ohne eingehende juristische Prüfung – ein neues Gesetz bedingt. Und Anlassfälle können in der heutigen Mediengesellschaft, in der jede Woche eine andere, neue Sau durchs Dorf getrieben wird, sehr kurzlebig oder à la longue auch irrelevant sein.

Den Fall Graf wollen die Grünen nun zum Anlass nehmen, um mit einem Antrag in der heutigen Nationalratssitzung die grundsätzliche Abwahl von Nationalratspräsidenten durch eine Zweidrittelmehrheit der Abgeordneten zu ermöglichen. Allerdings: Es gibt jetzt schon die Möglichkeit, einen Nationalratspräsidenten abzusetzen. Wenn ein solcher zu einer Strafe von einem Jahr unbedingt verurteilt wurde, kann der Nationalrat – mit einfacher Mehrheit – beim Verfassungsgericht die Aberkennung von dessen Mandat beantragen.

Bei Martin Graf ist das (noch) nicht der Fall. Der Fall Graf ist in erster Linie auch kein juristischer (er kann es aber noch werden), sondern ein politischer. Und es liegt somit in der politischen Verantwortung seiner selbst und auch seiner Partei, die Konsequenzen zu ziehen.

Nun wäre ein Rücktritt Grafs nur aufgrund der Stiftungsvorwürfe (siehe Artikel rechts) noch keinesfalls zwingend. Es könnte sich ja noch herausstellen, dass er die Stiftung der alten Dame nach bestem Wissen und Gewissen verwaltet hat. Auch wenn es nach derzeitigem Stand eher nicht danach aussieht, zumal die Dame mit der Betreuung durch Graf auch nicht wirklich zufrieden war.

Noch seltsamer sieht die Sache mit dem angemaßten Anwaltstitel aus. Dass Graf selbst auf seiner Visitenkarte den Berufstitel „Rechtsanwalt“ führt, nehmen wir zwar nicht an. Aber er dürfte zumindest damit kokettiert haben, als Rechtsanwalt zu gelten. Anders ist es nicht zu erklären, dass er bei fünf verschiedenen Wahlen – von der Bezirks- bis zur Nationalratsebene – als Rechtsanwalt geführt wurde. Und das über Jahre, ohne eine Korrektur zu verlangen. Da dürfte der ehemalige FPÖ-Chef Norbert Steger recht haben, der meinte, es habe sich noch jeder Nationalratskandidat seinen Eintrag auf der Wahlliste ganz genau angesehen. Wohl allein schon aus Eitelkeit. Es ist also eher auszuschließen, dass das bei Graf nicht genauso gewesen sein soll. Von 1994 bis 2001 firmierte er bei Wahlen als „Rechtsanwalt“, erst bei der Nationalratswahl 2002 tauchte er dann als „Rechtsanwaltsanwärter“ auf.

Und die Causa Graf hat freilich auch noch eine Vorgeschichte: (gerichtlich noch nicht geklärte) Vorwürfe, seine Tätigkeit als Geschäftsführer im Forschungszentrum Seibersdorf betreffend. Und vor allem: sein Umgang im Burschenschafter-Milieu. Dies ist auf den ersten Blick weder strafrechtlich noch moralisch verwerflich. Aber als Mitglied einer Burschenschaft, die rechtsextremen Sängern eine Bühne bietet und in deren Umfeld sich auch der Holocaust-Leugner David Irving herumgetrieben hat, muss er sich schon die Frage gefallen lassen, ob er als Nationalratspräsident tragbar ist.

Wobei man die Frage gleich an die Parteiführung weiterreichen kann. Niemand hat Heinz-Christian Strache gezwungen, 2008 ausgerechnet den ohnehin schon umstrittenen Martin Graf zum Dritten Nationalratspräsidenten zu machen. Gerade für ein Honoratiorenamt hätte die ehemalige Honoratiorenpartei honorigere Alternativen finden können als den etwas grobschlächtigen Rechtsaußen-Burschenschafter ohne Anwaltsprüfung.

Nun bilden die Korporierten zweifellos nach wie vor das Rückgrat der Freiheitlichen Partei, deren Chef Heinz-Christian Strache ja selbst einer ist. Aber: Allein aus taktischer Sicht ist Graf ein Mühlstein am Fuß der Partei. Die angestrebte Öffnung hin zur politischen Mitte, das Werben um – integrierte – Zuwanderer, wird durch einen wie Martin Graf, der nur für Negativschlagzeilen sorgt und für die neuen Zielgruppen null Relevanz hat, konterkariert.

Aber das sollen nicht die Sorgen der Republik sein. Sondern die jener Partei, die Graf nominiert hat. Für die Republik reicht es, dass sie einen Martin Graf als Dritten Nationalratspräsidenten erdulden muss.

 

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2012)

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46 Kommentare
 
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Frage

Bevor ein Redakteur seine Meinung kund tut, sollte er recherchieren.
Folgendes konnte ich nirgends lesen:
1) Gibt es ein Dokument, in dem sich Herr Graf selbst als Rechtsanwalt bezeichnet?
Falls ja, ist es ein Skandal, falls nein, sollte es keinen Vorwurf geben. (gilt auch für „Dr.“ Faymann)
2) Die Stiftung scheint ja formal korrekt sein. Meine Frage: Ist der Wert des vom Bruder Graf`s gekauften Hausanteils gestiegen oder gesunken? Bei Wertsteigerung wäre das in Ordnung, bei überteuertem Kauf ein Skandal.
Nochmals: Bitte um Recherche!


1 3

der saubermann

alle abgeordneten die graf zum 3. nr präs. gewählt haben, haben auch gewußt was für ein saubermann graf ist. seine rechtsaußenlage war bekannt, aber auch seine
unregelmäßigkeiten als prok. in seibersdorf.
in einem rechtsstaat wäre er dafür von einem gericht verurteilt worden. aber in österreich muß man
befleckt sein, dann ist der politische aufstieg gesichert.

"alle abgeordneten"

Soweit ich weiß, waren es die Abgeordneten von SPÖ, ÖVP, FPÖ und BZÖ. Die GRÜNEN waren gegen die Installierung von Dr. Graf als Nationalratspräsidenten.

0 1

der saubermann ?????


Gast: Callisto
13.06.2012 17:04
3 1

Graf bzw. andere Politiker werden nur von uns Wählern abgewählt und sicher nicht von der linken Mafia.

Schreiben sie sich das hinter die Ohren

Seltsam, seltsam

2/3 der Abgeordneten zum Nationalrat gehören zur "linken Mafie"?
*Kopfschüttel*

Gast: Free
13.06.2012 17:01
1 2

Warum sollte er gehen?

Wegen der Hetze der linken Seilschaften aus Angst um ihre Futtertröge?
Und wenn er geht sollte der Bundeskanzler bleiben?
Na wie lautet da die Antwort?
Übrigens gegen wieviele SPÖ`ler wird derzeit ermittelt? Da hört man nichts.
Wie schauts aus mit dem anderen Grafen aus ÖVP-Hausen und seinen Freunderln?
Da gäbe es auch was zu berichten....aber die Medien wissen da natürlich nicht bescheid weil die Presseförderung trübt die Sinne.

Gast: Theo Dor
13.06.2012 16:57
0 1

Ernstgemeinte Frage:

Wie kann man ohne Matura Korporierter sein wie Strache?

Das ist unmöglich.

Re: Ernstgemeinte Frage:

is ja nur ein kleiner penäler

jede Woche eine andere, neue Sau durchs Dorf getrieben


das wär ja schon was. Aber der Herr Pink treibt seit Wochen dieselbe Sau durchs Dorf. Und das ist fad, einfach fad.

Gast: nkerl
13.06.2012 12:25
0 0

ach,lasst den armen Mann

doch in Ruhe und tut ihn nicht menschenhatzen.
Der passt doch wunderbar in dieses Land der Töchtersöhne. Man muss doch nur die Zeitungen lesen, alles ergänzt sich auf das Beste. Da muss es also auch solche geben.

Gast: Till aus dem Haus der Freude
13.06.2012 12:12
5 1

Würde dieser Artikel ausgewogener sein,...

...so müsste O. Pink den Rücktritt von schätzungsweise 2/3 des Parlaments fordern.

- Vom unberechtigten Führen eines Titels (Faymann) über
- schlampigen Umgang mit Steuergeldern ("Riesengeschäft in Griechenlanf für Österreich", fragwürdige Inseratenvergabe und Einmietungen bei Fellnerei & Co.),
- unqualifizierten Meldungen eines selbsternannten Nahost-Experten (nebenberuflicher Verteidigungsminister),
- widmungsfremder Nutzung von Staatseigentum (Dorlis Autoverleih)
- bis hin zur nachlässigen Abgrenzung gegenüber totalitärer Regime (Stalin-Portrait am 1. Mai-Aufmarsch der Sozi, Nordkorea-Ehschowissen)...
...fällt mir stante-pede einiges ein, das auf andere Parlamentsparteien genauso angewendet werden müsste.

Wenn...ja, wenn man sich dem Verdacht der Objektivität aussetzen wollte.

"Nice try- no cigar"!

Antworten Gast: hugentobler
13.06.2012 12:43
1 1

Re: Würde dieser Artikel ausgewogener sein,...

hat dieses " Haus der Freude " einen hohen Zaun und vergitterte Fenster ?

Antworten Antworten Gast: Get
13.06.2012 17:02
0 1

Re: Re: Würde dieser Artikel ausgewogener sein,...

Nicht von sich auf andere schließen Genosse.

Gast: Gast324
13.06.2012 11:43
3 3

Gratulation!

So ein hetzender Substandardartikel sollte die Sorge der Presse sein. Wer solche niveaulosen Schreibelinge angestellt hat braucht sich nicht zu wundern, dass die Leser davonlaufen!

5 1

Hmm

Spricht aus diesem Leitartikel der Frust, weil Pink gestern bei den Berufsempörten mitmarschiert ist und sich nur die kümmerliche Zahl von 300 eingefunden hat?

Rechtsanwalt

Hat er etwa den Wahlzettel zum Zeitpunkt der Vorbereitung der Wahl, auf dem er so tituliert wurde, selbst nicht gelesen, weil er erst jetzt so überrascht ist?
Oder hat er ihn gelesen, und gedacht, passt schon, hilft mir vielleicht, und sich eben nicht zur rechtzeitigen Korrektur gemeldet?
Kleine Gauner mögen so reagieren, von einem Politiker, der ein Amt anstrebt, erwarten wir Korrektness.
Würde er sein eigenes Vermögen derart in eine Stiftung einbringen wie er es der Frau eingeredet hat? Zur Sicherung seines Lebensabends? Wenn er angeblich aus der Stiftung keinen Vorteil zieht, und die Frau ja auch nicht, wer zieht dann aus Millionenvermögen einen Vorteil, wenn nicht doch er und seine Freunde?

Gast: Luzifer
13.06.2012 10:22
4 2

"Demokratie" auf Österreichisch!

Auch die NR-Präsidenten sollten "vom Vertrauen des NR getragen sein", dh. ständig unter dem Kuratell der NR-Mehrheit stehen.

Da fragt sich nur: wozu denn dann überhaupt einen von der Opposition gestellten Politiker in dieses Amt wählen? Oder genügt das Vertrauen von Rot und Grün?

Ohne das Verhalten von Graf in allen Punkten zu goutieren, bin ich der Meinung, daß die Kritik an ihm reichlich überzogen ist. Ob er als "NR-Präsident" weiter tragbar ist, sollte die Partei entscheiden, die ihn vorgeschlagen hat. Und wie sie sich entscheidet, sollte bei der nächsten Wahl der Wähler beurteilen, den Fall einer strafbaren Handlung natürlich ausgenommen!

Re: "Demokratie" auf Österreichisch!

Wer in Kreisen verkehrt, die Lieder singen, in denen Judenumbringen zum Thema haben, auch, wenn er nicht mitgesungen hat, selbst, wenn er an dem Tag in den Kreisen nicht anwesend war, und dann nicht schärfstens protestiert hat, oder besser, aus den Kreisen ausgetreten wäre, wer eine derartige Mitgliedschaft verniedlicht, hat in einem öffentlichen Amt nichts verloren.
Daß ihn seine Partei aufgestellt hat, ist keine Entschuldigung, eher eine Schande für diese Partei. Auch eine Schande für die anderen (noch-) Großparteien, die diesen Typ letztlich mit Ja-Stimme in diesem Amt bestätigt hatten.

Gast: vito c
13.06.2012 10:12
5 1

wieso wird man zu einer tat verurteilt?

"Wenn ein solcher zu einer Straftat von einem Jahr unbedingt verurteilt wurde"

versteh ich nicht: wie und wieso wird man zu einer tat verurteilt? zu einer strafe würd ich ja verstehen, aber eine tat????
und was soll eine tat, und nicht irgendeine tat, sondern noch dazu eine straftat, von einem jahr sein?

Gast: MH
13.06.2012 09:35
8 1

Es reicht

Die Grünen mussten wegen Wahlverluste das Amt der 3. Nationalratspräsidentschaft an die Blauen abgeben.
Und seit diesem Zeitpunkt wird mit allen Mitteln versucht diesen Umstand zu Gunsten der Linken zu ändern.

Es erinnert an die EU-Sanktionen ...

Was hat man damit erreicht?

Re: Es reicht

... einen anständigen Menschen an einem Spitzenamt des Staates zu haben.

Antworten Antworten Gast: vito c
13.06.2012 12:34
1 1

Re: Re: Es reicht

und wer bitteschön soll das sein?

Re: Re: Re: Es reicht

Ich traue der FPÖ durchaus zu, anständige Menschen in ihren Reihen zu haben, die auch an der Spitze des Parlaments eine gute Figur machen könnten.
Dr.Graf zähl' ich definitiv nicht dazu.

Re: Re: Re: Re: Es reicht

Da stimme ich mit Ihnen überein, in beiden Aussagen.

Re: Re: Re: Es reicht

Daß Sie mich fragend bitten rührt mich, daher antworte ich Ihnen gerne:
Es gibt noch anständige Menschen in Österreich, auch unter Politikern, darauf sollten Sie doch vertrauen.
Jetzt kann man über ein jeweiliges Parteiprogramm denken, wie man will, da hat jede Partei ein eigenes Profil, die Differenzierung macht eine Demokratie aus.
Konkret hat Herr van der Bellen ein unbeschadetes Image und um Größenordnungen mehr Zustimmung in der Bevölkerung als Herr Graf; daß er ein Grüner ist, ist für sich gesehen kein Makel.

 
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