22.05.2013 14:51 Merkliste 0

Merkels Sparpolitik ist nicht mehr chancenlos

ANNA GABRIEL (Die Presse)

Der Schuldentilgungsfonds wäre ein geeignetes Mittel, die Staatsschulden in den Krisenländern abzubauen. Von allen Seiten steigt der Druck auf die Kanzlerin.

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Mögest du in interessanten Zeiten leben“, lautet eine alte chinesische Verwünschung; und schon lange war sie in Europa nicht mehr so gegenwartsnah wie heute. Mit Ausbruch der Schuldenkrise vor etwa drei Jahren wurde der politischen Führungselite – oder einem Teil davon – mit einem Schlag bewusst, dass die Zeiten der Prosperität und des unbedarften Wirtschaftens, in denen viele Staaten weit über ihre Verhältnisse gelebt haben, der Vergangenheit angehören.

Trotz dieser Einsicht, so könnte man sarkastisch sagen, sind die Zeiten seither immer interessanter geworden: Denn eine passende Antwort auf die dramatischen Auswirkungen der Krise haben die Politiker bis heute nicht gefunden. Viel zu lange haben die Staats- und Regierungschefs gezögert und gezaudert; haben versucht, die Geburtskrankheiten der Währungsunion – allen voran das Fehlen einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik – mit kurzfristig wirksamen, intergouvernementalen Maßnahmen zu überdecken. Keine der getroffenen Vorkehrungen war erfolgreich.

Nun muss die europäische Führungselite einsehen, dass die temporären Rettungsaktionen des Euro langfristig keine Wirkung zeigen. Auch ein Patient, der von Geburt an krank ist, kann nicht in einer Notoperation geheilt werden. Er muss seine Lebensweise ändern, sich gesünder ernähren und mehr bewegen; in manchen Fällen sein ganzes Leben lang Medizin schlucken, um die angeborene Schwäche zu bekämpfen.

Was das richtige Arzneimittel für den Euro ist, darüber scheiden sich bisher die Geister. Je näher der EU-Gipfel am 28. und 29. Juni rückt, desto zahlreicher werden auch die Spekulationen, in welche Richtung sich das Krisenmanagement der EU in den kommenden Monaten bewegen wird. Fest steht aber: Seit einigen Wochen weht der Wind in Europa in eine andere Richtung. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sieht sich aus allen Richtungen verstärktem Druck ausgesetzt, das von ihr auferlegte, gleichzeitig aber unabwendbare Spardiktat zu lockern und durch Wachstumsmaßnahmen zu ergänzen. So drängt der kürzlich inthronisierte französische Präsident Francois Hollande zu einer Neuverhandlung des Fiskalpakts und einer Vergemeinschaftung europäischer Staatsanleihen, die Berlin bisher stets abgelehnt hat. Mit gutem Grund: Eurobonds würden die Schuldenlast für Staaten wie Deutschland oder Österreich, die niedrige Zinsen für ihre Anleihen bezahlen, massiv verteuern. Dennoch schlägt die Kommission in dieselbe Kerbe wie Hollande. Eurobonds sind Teil eines Papiers mit Vorschlägen zur Krisenbekämpfung und einer stärkeren Integration der Eurozone, das Barroso derzeit in Vorbereitung auf den Gipfel gemeinsam mit Ratspräsident Herman Van Rompuy, Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker und dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, verfasst.

In dieser verfahrenen Situation rückt nun ein Vorschlag immer mehr ins Licht, dem bisher nur wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde: der Schuldentilgungsfonds. Euroländer sollen Schulden eines einzelnen Mitgliedstaates, die über 60 Prozent der Wirtschaftsleistung hinausgehen, über Anleihen gemeinsam finanzieren. Weil nicht alle Schulden vergemeinschaftet werden, könnte man den Fonds auch als „Eurobonds light“ bezeichnen. Er wäre ein geeignetes Werkzeug, das den strauchelnden Krisenländern erlaubt, ihre Altschulden mithilfe niedriger bezinster Anleihen abzubauen.


Weder Eurobonds noch Schuldentilgungsfonds ohne gemeinsame Fiskalunion, lautet Merkels Credo. Doch mit dem Druck bröckelt langsam auch der Widerstand der Kanzlerin. Sie weiß: In den sauren Apfel muss Deutschland als Wirtschaftsmotor einer strauchelnden Union ohnehin beißen – je länger Merkel aber wartet, desto teurer wird es. Kurzfristige Maßnahmen in der Krisenbekämpfung sind schon in der Vergangenheit wirkungslos verpufft. Nun aber hat die Politik der Kanzlerin eine Chance: Der Schuldentilgungsfonds könnte die Sparmaßnahmen in den Schuldenländern finanzieren. Sie sollte nicht darauf warten, bis eine Fiskalunion Realität ist. Dann könnte es für die Währungsunion bereits zu spät sein.

 

E-Mails an: anna.gabriel@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2012)

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19 Kommentare

schon wieder eine verkehrung der tatsachen!

warum stellen sie abermals die staatsschulden als grund für die aktuellen probleme in den vordergrund?
selbst der 'schuldenexperte' felderer, konservativen und wirtschaftsliberalen thesen nicht abgeneigt, hat vor wenigen tagen sehr deutlich (zahlen inklusive) in dieser zeitung private anleger und firmen aus der finanzindustrie als verantwortliche für die krise genannt.

die staatsschulden von ö und auch eu-gesamt waren 2007 voll 'im rahmen' (ö: 60% des bip, tendenz leicht sinkend).
WEIL die staaten die lektion aus der nicht-intervention auf ähnliches in den 1930ern gelernt haben und eingesprungen sind, gibt es die heutige problematik.

Verhältnisse

"... in denen viele Staaten weit über ihre Verhältnisse gelebt haben..."

Und da sieht es ja zumindest in Ö nicht so schlecht aus: Zweistellige Millionenbeträge für irgendeinen Unfug lassen sich bei uns ja über Nacht ohne weiteres noch locker machen. Ein Integrationsstaatssekretär, dessen Hauptaufgabe es im wesentlichen ist, wie die gute Fee Geld zu verteilen (20 Millionen Euro) oder Zuschüsse an die afghanische Polizei (18 Millionen), Österreich zahlt das, alles kein Problem....

Die Schwelle ist überschritten!

Die EU bzw. der Euroraum können in jetziger Form nicht mehr bestehen! Das sage ich nicht weil die Konstruktion schlecht war sondern die Politiker keine Visionen hatten. Sarkozy und Merkel waren schlechte Retter. Beide gehen ohne zögern über die Leichen, wenn sie eine Wahl zu gewinnen haben. So kann keine Zukunft gebaut werden.

Gast: unbeteiligter
15.06.2012 10:11
5 4

Der Ruf nach "mehr Europa " ,....

ist ja wohl blanker Hohn; vier jahre erfolglose Eurorettung von den Versagern der Eu und dann will man noch mehr Macht an die Versager abgeben;

Der ESM ist ein Verfassungsputsch ersten Grades und soll nur übertünchen, dass die Bonzen keine Plan mehr haben .

die haben nur Angst um die Macht und die Banken.

Tod der EU ! fegt die Dikatoren weg !

Unter ihren machtgeilen Außenminister Fischer haben die Deutschen bis auf Frankreich sich mit der ganzen westlichen welt zerstritten

Damals sind die Deutschen von ihrer alten Linie als Bindeglied zwischen Frankreich einerseits und USA anderseits abgegangen und haben damit das Land das immer gegen Weltkriegs-Reperations-Zahlungen war die USA vor die Tür gesetzt.

Jetzt stehen sie alleine mit Frankreich da und keienr hilft ihnen wenn Frankreich mehr oder weniger unverholen verlangt das Deutschland zahlt wegen seiner historischen Verantwortung.

Das ist der Grund warum Deutschland den Euro nicht verlassen kann - wir sollten hingegen nicht so blöd sein und uns auf diese Spiel einlassen.

Gast: LegendIn
14.06.2012 23:21
11 2

"WOLLT IHR DEN TOTALEN EURO ?!?!?!?"


Die deutsche Sprache reicht nicht aus um den Grad der Verblödung unserer politischen "Eliten" zu beschreiben.

Durch das festhalten am "totes Pferd reiten"-Prinzip tötet man den Euro und riskiert dazu sogar einen schweren Rückschlag für die Europäische Union.

Was ist so schwer daran einfach zuzugeben: "Der Euro war eine Totgeburt, wir haben uns geirrt."? Stattdessen wird der politischen Eitelkeit der Wohlstand der GESAMTEN Euro-Zone geopfert.

Alles, aber auch wirklich ALLES was Kritiker befürchtet haben, alles was anfangs vehement bestritten wurde, ist eingetreten:

Bruch des Maastricht-Stabilitätspaktes

Bruch der No-bail-out-Vereinbarung

Missbrauch der EZB als Ramschaufkäufer

1. Rettungsschirm nicht ausreichend

2. Rettungsschirm nicht ausreichend

ESFS nicht ausreichend.

Hebelung der ESM-Gelder

Umschuldung zu Lasten der Nettozahler

All das wurde ständig bestritten, bis es dann als "alternativlos" und "unabwendbar" deklariert wurde. Der Trick liegt darin, die dramatische Lage eines überschuldeten Landes als Dramatik des eigenen Landes darzustellen und dann, mittels "Hilfsgelder" diese dramatische Lage seinem eigenen Staat tatsächlich zu "kaufen".

Und genau so werden die Kritiker recht behalten dass uns der gehebelte ESM bald um die Ohren fliegen wird.

28 Milliarden EURO für Österreich ergeben gehebelt über 100 Milliarden. 12.000,- Euro neue Schulden für jeden Österreicher, vom Baby zum Greis, kostet uns diese eitle Niedertracht der Politik.

Die deutsche Sprache reicht nicht aus um den Grad der Verblödung unserer politischen "Eliten" zu beschreiben.

Antworten Gast: yamo
15.06.2012 14:35
2 0

Re: "WOLLT IHR DEN TOTALEN EURO ?!?!?!?"

Es geht darum dass man die Wirtschafts- und sonstigen Unionen nicht einführen konnte, den EURO aber schon. Und jetzt wo er da ist und die anderen Unionsfähigkeiten fehlen, gilt es diese nachzuholen.

So einfach ist das: ein Schritt, noch ein Schritt, ... das ist der Weg des Fortschritts. Was Sie dagegen plappern ist agressiv-nostalgisches "früher war alles besser und deshalb ist Fortschritt schlecht".

Re: "WOLLT IHR DEN TOTALEN EURO ?!?!?!?"

Der einzige Unterschied - es dürfte diesmal wohl in keinem Krieg enden, sondern "nur" in massiver Inflation.

Inflation ist schon etwas praktisches. Sie "passiert" einfach, die armen Politiker können sich gegen die bösen Preissteigerungen nicht wehren. Wie ja auch die AK jetzt so süß bewirbt. Der böse Markt macht ur-böse-hohe Preise. Über Inflation muss man nicht abstimmen, Inflation kann man nicht "abwählen". Daher ein perfektes Instrument um die Staatsschulden völlig ohne jedes demokratisches oder soziales Korrektiv zu reduzieren.

Und die Entscheidungsträger, die uns das ganze eingebrockt haben, leben dann halt von ihren Franken-Konten.

Dann braucht der ESM wohl nicht mehr beschlossen werden

oder kommt der trotzdem?????

http://www.conwutatio.at/index.php?option=com_content&view=article&id=71:esm-offener-brief&catid=11:oesterreich

Nochmal:

Nachdem in unserem Geldsystem den immer größeren Geldvermögen immer mehr Schulden gegenüberstehen MÜSSEN (1. Semester VWL), müssen Wege gefunden werden, die Staaten zu noch mehr Schuldenaufnahme zu bewegen. Von den Privaten kann man das Geld nicht mehr in ausreichendem Maße holen.
In diesem Zusammenhang sind auch die Rating-Abwertungen zu sehen, denn die bedeuten mehr Zinslast, also mehr Verschuldung. Aber selbst den Staaten fällt es immer schwerer, sich über alle Maßen zu verschulden (es gibt zumindest immer größere soziale Widerstände dagegen - bei den nächsten Wahlen würden die regierenden weggefegt werden. Nicht dass es eine neue Regierung anders machen würde, aber die einzelnen Proponenten wären kurzfristig weg von den Futtertrögen).
Also muss die Entscheidung darüber, dass Schulden gemacht werden, immer weiter weg von den Menschen - auf eine immer höhere Ebene transportiert werden, mit immer weniger Einflussmöglichkeit der Bevölkerung.
Deswegen der Druck in Richtung Vereinigte Staaten von Europa, Richtung Eurobonds (da lassen sich insg. noch viel mehr Schulden machen), Richtung ESM (die Kapitalisierung desselben sind, da die Hilfsgelder nicht zurückgezahlt werden KÖNNEN, ohne neue Schulden zu machen, Bedienungen der Gläubiger).
Es ist so witzig, das ist jedem klar, der nur ein bißchen was vom Finanzsystem versteht. Und trotzdem spricht keiner darüber. Nicht die Regierungen, nicht die Medien.
Auch die Presse wird er'presst' zu schweigen. Womit eigentlich? Förderung?

1 2

Re: Nochmal:

dersatz:von den privaten kann man das geld nicht mehr in ausreichendem maße holen "ist falsch.
in privaten händen ist genug da.die heilige kuh"privateigentum"traut sich aber keiner zu schlachten.da ist immer gleich von enteignung die rede,dabei ist doch jede besteuerung eine form der enteignung.
soviel ich weiß ist verhältnis europäische staatsschulden zu privateigentum 1:5.eine minimale besteuerung der vermögen könnte enorme wirkung zeigen.
die hunderte milliarden euros die in griechenland außer landes geschafft werden beweisen doch daß genug geld da wäre.aber alle denken sich:
MEIN SCHAAATZ

Antworten Antworten Gast: pan-tora
15.06.2012 11:46
2 0

Re: Re: Nochmal:

ich denke jeanjuliet hat mit privatvermoegen(de) jene gemeint, die ueber ein wirkliches "vermoegen" verfuegen. ich habe auch ein paar tausend euro, aber als vermoegen wuerde ich das nicht bezeichnen.

1 1

Re: Re: Re: Nochmal:

die hab ich auch gemeint.
wie vermögen verteilt ist weiß man ja inzwischen.es geht nur um die großen kontostände.die politiker haben angst,daß sich das vermögen verflüchtigt wenn es besteuert wird.

Gast: abcd1112
14.06.2012 21:13
0 7

endlich

werden Sparmaßnahmen in den Schuldenländern durch neue Schilden finanziert.
Deutschland bewegt sich in die richtige Richtung - es weiss, dass es das Sparen in anderen Ländern durch eigene Schulden finanzieren muss.

Staasschulden in den Krisenländern abbauen und dafür in den Nicht-Krisenländern aufbauen - es lebe die internationale Solidarität!

Re: endlich

Was soll das eigentlich bedeuten - "Sparmaßnahmen zu finanzieren" Kostet Sparen neuerdings auch schon etwas?

endlich

Endlich bewegt sich Deutschland in die richtige Richtung.

Frau Gabriel, würden Sie dem Leser bitte erklären,

wie die Sparmaßnahmen in den Schuldenländern zu finanzieren wären. Also das ist ja der glatte Unsinn, Finanzierung von Sparmaßnahmen?

Trotz dieser Einsicht, so könnte man sarka"Trotz dieser Einsicht...sind die Zeiten seither immer interessanter geworden"


nein, nicht TROTZ sondern WEGEN dieser sogenannten "einsicht", wonach "wir (?) über unsere verhältnisse gelebt" hätten haben wir die derzeitige misere. denn das vom schellhorn-klon a. gabriel als tiefe weisheit empfundene marktliberale spar- sozialabbau und kürzungsprogramm hat die krise verschlimmert und unnötig verlängert.

aber die erfolglosigkeit des eingeschlagenen weges hat die marktfundametalisten ja noch nie daran gehindert weiter an ihren glaubensätzen festzuhalten. in der realität werden die neoliberalen rezepte gerade als weg in den untergang vorgeführt, aber was solls? für die "presse" ist das alles kein grund umzudenken, das nenne ich verlässlichkeit in krisenzeiten!

Guter Artikel!

Und ja, es sind wirklich interessante Zeiten...

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