Die umfassende Erhebung der Statistik Austria über die beruflichen Lebenswege junger Menschen nach Abschluss ihrer Ausbildung bestätigt auf den ersten Blick das, was man ohnehin immer schon geahnt hat: Wer eine Allgemeinbildende Höhere Schule besucht, kann eigentlich gar nicht anders, als ein Studium zu beginnen. Denn die ein wenig berufsweltfremde (Aus-)Bildung, die Gymnasiasten acht Jahre lang genossen haben – kaum wirtschaftliche oder juristische Wissensvermittlung, dafür das Erlernen mehr oder weniger toter Sprachen wie Latein –, lässt ihnen kaum eine andere Wahl, als sich die Fähigkeiten für ihre spätere berufliche Tätigkeit auf einer Universität anzueignen.
Allerdings – und das widerspricht dann doch dem, was in zahllosen Aufsätzen zum Thema „Generation Praktikum“ stets wiedergegeben wird: Wer eine Universitätsausbildung abgeschlossen hat, hat zumindest in Österreich die Chance auf einen passablen Job und eine ansprechende Bezahlung. Zwei Drittel aller Universitäts- oder Fachhochschulabsolventen finden innerhalb der ersten drei Monate nach Abschluss ihres Studiums eine adäquate Arbeit. Sagt die Statistik. Auch wenn das möglicherweise nicht unbedingt der persönlichen Wahrnehmung vieler junger Menschen in diesem Land entspricht.
Für die Gesellschaft wohl noch brisanter als das viel diskutierte (post-)universitäre Prekariat ist allerdings jenes tatsächliche auf den unteren Sprossen der Ausbildungsleiter. Zehn Prozent aller Pflichtschulabsolventen brechen ihre Ausbildung ab, die meisten nehmen den direkten Weg zum Arbeitsamt. Nicht verschwiegen werden soll, dass der Anteil der Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln erwartungsgemäß höher ist: 18 Monate nach Abschluss der Pflichtschule besuchen 22 Prozent von ihnen keine weitere Ausbildungsstätte. Und wer über kein entsprechendes Potenzial als Fußballer oder Gangsta-Rapper verfügt, dem wird der gesellschaftliche Aufstieg möglicherweise – oder sogar ziemlich sicher – verwehrt bleiben.
Und selbst wer eine Lehre abgeschlossen und die Berufsschule unbeschadet abgesessen hat, verliert sehr leicht den Anschluss an das Ausbildungssystem. Und ohne entsprechende Weiterbildung könnte die „Karriere mit Lehre“ rasch wieder zu Ende sein. Der Webmaster bei Humboldt allein dürfte dafür noch nicht reichen.
Vielmehr wäre die in Deutschland und der Schweiz schon erprobte Berufsakademie, eine Art Uni für die Absolventen von Lehrberufen, eine probate Alternative, in der diese jene zusätzlichen Skills erwerben können, die in der heutigen Arbeitswelt unerlässlich sind.
Den Schluss, den Konrad Pesendorfer, der Generaldirektor der Statistik Austria und frühere wirtschaftspolitische Berater im Kabinett von SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann, aus seinen Daten zieht – dass die frühe Selektion der Schüler in Österreich das zentrale Problem darstellt –, kann man ziehen. Muss man aber nicht. Denn gemäß den Erhebungen seines Amts sind es ja gerade die mangelnden Aus- und Weiterbildungsangebote nach der Pflichtschule und der darauffolgenden Lehre, die die Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten hemmen.
Freilich ist auch nicht ganz auszuschließen, dass wir aufgrund der frühen Weggabelung in unserem Bildungssystem „die Chance auf einen Literaturnobelpreisträger vergeben haben, weil er zu früh eine Werkslehre gemacht hat“, wie es Konrad Pesendorfer plakativ formuliert. Aber: Es werden weiterhin auch Mechaniker, Installateure und Elektriker benötigt. Nur eben besser und zeitgemäßer ausgebildete.
Und dann wäre da noch der Mythos, dass Frauen deutlich weniger verdienen als Männer. Ja, es stimmt. Und es stimmt so auch wieder nicht. Frauen in klassischen Frauenberufen verdienen tatsächlich weniger als Männer. Frauen in Männerberufen allerdings verdienen entsprechend gut. Es kommt also immer weniger darauf an, welches Geschlecht, sondern eher, welchen Job man hat.
Sagt, wie gesagt, die Statistik. Und irgendwem muss man ja vertrauen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2012)















