21.05.2013 20:55 Merkliste 0

Kleine Lüge statt großen Kraftakts

WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Wieder steigt der Druck zu einer Einzelaktion. Aber zur Bewältigung der Krise braucht es einen umfassenden Ansatz.

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Eine schmerzliche Wahrheit ist besser als die Lüge“, schrieb einst Thomas Mann. Das Zitat könnte kaum besser die heutige Krise in Europa beschreiben, in der sich niemand traut, all die unangenehmen Reformen anzusprechen, die zur Bewältigung notwendig wären. Lieber werden immer neue kleine Lügen verbreitet, die Eurozone könnte durch trickreiche Einzelmaßnahmen weiterbestehen. Diesmal soll die Europäische Zentralbank wieder herhalten, um Zeit zu gewinnen. Sie soll Anleihen aufkaufen und ihren Spielraum bei der Zinspolitik ausreizen. Kurz davor war erst der Spielraum des Eurorettungsschirms neu ausgereizt worden.

Weil die Euro-Regierungen in der Überzeugung verharren, dass ein Kraftakt, der auch schmerzhafte Reformen umfasst, politisch nicht durchsetzbar ist, lügen sie sich von Tag zu Tag durch die Krise. Der Kraftakt kann mittlerweile nur mehr durch ein ganzes Bündel an gemeinsamen Maßnahmen erfolgen. Es reicht, wie 17 Wirtschaftswissenschaftler nun offenlegten, von harten Sparmaßnahmen in vielen Euroländern über neue Steuern, einem Schuldentilgungsfonds bis hin zu einer einkalkuliert höheren Inflation. Er wird teuer werden, aber der Kraftakt könnte den Euro noch retten. Allerdings nur, wenn die Karten rasch auf den Tisch kommen und Pragmatismus über die politische Angst siegt.

 

E-Mails an: wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2012)

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10 Kommentare
Gast: gggggg
31.07.2012 12:53
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Ja,

alles richtig.

Nur leider: der Kraftakt scheint nicht sehr wahrscheinlich, denn es gibt keinen Hinweis, dass bei den Entscheidungsträgern ein Bewußtseinswandel eintritt. Die sind alle derart mit ihrer Position identifiziert, dass sie nicht einmal ansatzweise erkennen, dass ihr Machtego die Wurzel fast allen Übels ist. Fast: denn auch die Gier jedes Einzelnen von uns ´Mitgliedern der Gesellschaft´ trägt mitschuld. Es ist also ein Bewußtseinswandel zumindest bei einer Mehrheit der Bevölkerung gefordert - hin zu mehr Bescheidenheit, Ehrlichkeit, weg vom Egoismus, vom ´immer mehr haben wollen.´ Ich denke, es gibt solche Menschen. Die Frage ist, ob es genügend viele sind. Jeder Einzelne ist jedenfalls wichtig, (wobei unser Ego absurderweise das Gegenteil behauptet: ´du kannst als Einzelner eh nix machen.´ Aber so ist das mit dem Ego).


Gast: Alter Pauker
31.07.2012 11:50
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Kleine Lüge

"...wenn die Karten rasch auf den Tisch kommen und Pragmatismus über die politische Angst siegt," wie in diesem Text von Herrn Boehm ganz unten steht, wird das ganze Kartenhaus der Finanzindustrie weltweit zusammenbrechen. Es geht auch nicht um den Erhalt des EURO (= kleine Lüge), sondern um die Bewältigung der Staatsschulden. Es gibt keinen "großen Kraftakt" mehr, Herr Boehm, höchstens im Sinn einer kleinen Lüge in der "Presse". Der Crash kommt, weil das System am Ende ist.

Gast: Unwissender der Wissen will
31.07.2012 11:02
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Schulden ...

Seit Monaten liest man hier von Schulden, Schulden, Schulden.... was ich aber nicht ganz verstehe, und was mir hier sicher jemand beantworten kann ist:

Wem schulden wir eigentlich das ganze Geld? Und warum? Der Großteil der Leute die ich kenne leben alle vernünftig und kaufen nur was sie sich leisten können. Wo kommen all diese Schulden her und bei wem haben wir sie?

Gibts da evtl. wo einen Artikel dazu?

Danke

Re: Schulden ...

"Artikel" ist gut, es gibt Bibliotheken dazu...letztlich besteht das Problem tatsächlich darin, dass man Staatsschulden nicht 1:1 mit privaten Schulden vergleichen kann. Jedenfalls dann nicht, wenn der Staat selbstständig Geld schöpfen kann.

Gläubiger sind andere Staaten aber auch Private, also Banken. Da der Staat nun aber selbst Geld "drucken" kann, bekommt das eine ganz andere Dimension. Staatsverschuldung repräsentiert letztlich die Differenz zwischen der produktiven Leistung einer Volkswirtschaft und deren Ausgaben - denn was "der Staat" ausgibt, gibt ja letztlich die Gesamtheit der Bürger aus. Langfristigen Ausgleich schafft die Inflation. Inflation sorgt dafür, dass das "zu viel" an Geld, dem kein produktiver Mehrwert gegenüber steht, prozentuell insofern an Wert verliert - was den Staat "entschuldet" und dafür die Geldeigentümer effektiv, real enteignet.

Wenn der Staat hingegen zB das Geld den Banken nicht zurückzahlt, gehen die Pleite und der Sparer verliert seine Einlagen. Rettet der Staat die Banken durch Gelddrucken, sind wir wieder in Spirale 1: Inflation.

Ausreizungen

Aja, die "Zinspolitik soll ausgereizt" werden. Was soll das bitteschön heißen? Die Zinsen sind ohnehin schon kriminell niedrig - bekommen die Banken in Zukunft Geld dafür, dass sie so nett sind und sich von der EZB Geld ausborgen? (Welches vorher aus dem nichts geschaffen wurde, versteht sich).

Alles was bald "ausgereizt" sein wird, ist die Geduld des Volkes, das ohnmächtig zusieht, wie die Politik die Errungenschaften der letzten 40-50 Jahre zunichte macht. Zugegeben, diese Errungenschaften bestehen auch im Aufbau eines aberwitzigen Schuldenbergs. Der ist aber im Vergleich zu den Südstaaten fast vernachlässigbar.

Die Politik der Staats- und Regierungschefs wird in ein paar hundert Jahren von Wirtschaftshistorikern als Beispiel dafür zitiert werden, wie man mit einer Finanzkrise NICHT umgeht.

Gast: 1. Parteiloser
31.07.2012 08:55
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Bei dem, schon angerichteten, Schaden bleibt nur noch die EZB!

Es geht um Staatsschulden in der Eurozone von knapp 10 Billionen Euro, welche von den Ländern nicht mehr getragen werden können.

Dazu geht es noch um laufende Staatsausgaben von irren 5 Billionen Euro pro Jahr, welche sich die Planwirtschafter in der Eurozone nicht nur nicht nehmen lassen sondern noch weiter ausbauen wollen.

Diesem Geldbedarf der Planwirtschafter steht einfach keine ausreichende Leistung der Bevölkerung gegenüber. Auch Abgabenquoten von über 50% wie in Frankreich, bald auch in Österreich, können diesen Wahnsinn nicht mehr finanzieren. Die Ursachen sind die gesetzlichen Nichtleistungen für die riesigen geschützten Bereiche und dem Förder- und Frühpensionswahnsinn. Es fehlt nur noch ein Plan zu einer 5- Stundenwoche um die gesetzliche Nichtleistung wirklich auf die Spitze treiben zu können.

Bei einer solchen Politik muss es rundum Probleme geben, schwere Probleme wie das Fieberthermometer Euro deutlich macht.

Die Ursachen für die kranken Staatsfinanzen wurden ja noch in keinem Euroland wirklich angegangen, die plumpen Versuche zum einnahmenseitigen Sparen scheitern ja gerade überall, weil damit die Realwirtschaft noch mehr beschädigt wird. Daher wird eben nur noch die EZB bleiben, welche die Umbuchungen machen muss und die "Finanzierungen" der maroden Staatsfinanzen übernehmen muss. Wahrscheinlich reicht es auch nicht den bereits angerichteten Schaden so zu kompensieren, auch das laufende Versagen braucht diese Vorgangweise.

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Bitte nicht!

Alle Theorien pro Eurorettung vergleichen den Ausstieg mit dem idealen Fall, daß die Krisenländer sich irgendwann mal erfangen und Schulden zurückzahlen, doch das ist für viele Jahrzehnte ausgeschlossen. Die EU Eliten wollen weiter in der Welt mitreden, das ist alles. Dann hätten sie aber das Ganze besser managen müssen. Wenn man sieht wie es weitergegangen wäre - Kosovo, Rumänien , Türkei, Albanien mit dem Euro (!) ist es Schade daß die Krise nicht früher passiert ist.

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Ist bei diesen 17 Wirtschaftswissenschaftlern


der Herr Bofinger dabei?

Einen Schuldentilgungsfonds und bewusst höhere Inflation: das ist nie und nimmer weder in Deutschland, Österreich, Niederlande, Luxemburg, Slowakei, Estland, Finnland durchsetzbar!

Vor nicht einmal einem Monat wurde uns der ESM auf's Auge gedrückt: mit 700 Milliarden gefüllt, das reichte aber anscheinend nicht. Noch mehr wirtschaftspolitischer Wahnsinn, das geht nicht!

Warum wird das Volk, der Souverän, nicht befragt, durch eine Volksabstimmung?

Geht es jetzt wie auf einer Rutschbahn nach unten? Brechen alle Dämme? Ist die Eurozone dazu verurteilt auseinanderzubrechen?

Re: Ist bei diesen 17 Wirtschaftswissenschaftlern

Natürlich ist der Bofinger dabei, da ist zwar schon seit 2004 Wirtschaftsweiser hat sich aber durch Weitsicht nicht ausgezeichnet und nun will er die weitsichtigen Wirtschaftsprofessoren billigst beschimpfen, denunzieren. Diese Systemlinge sind eine Schande.

Herr Boehm, das ist grosser Unsinn, der Euro ist gescheitert.


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