Doppelmoral der Retter

Deutschland und Österreich sonnen sich in der erfolgreichen Härte gegenüber Griechenland. Ob zu Recht, werden wir 2013 wissen.

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble freut sich, dass der Druck auf die Regierung in Athen Früchte trägt. Länder wie Griechenland hätten erkannt, dass sie die Krise nur mit harten Reformen überwinden können. Seine österreichische Amtskollegin Maria Fekter sieht das ähnlich. Sie hat noch im Juli einen stärkeren Druck auf Athen gefordert.

Jetzt rücken die Zahlen langsam, aber stetig in die richtige Richtung. Zweifellos war der Druck der Geldgeber für diese Kurskorrektur ausschlaggebend. Doch von einem Durchbruch ist das Land weit entfernt. Niemand weiß, ob die notwendige Radikalkur nicht noch eine innenpolitische Explosion auslöst.

Die Doppelmoral der Kreditgeber liegt nicht in dieser möglicherweise falschen Abwägung von ökonomischer Notwendigkeit und politischer Machbarkeit. Sie liegt in dieser eigenartigen Feierstimmung ob der eigenen Härte. Der ehemalige grüne Europaabgeordnete Johannes Voggenhuber bringt es auf den Punkt, wenn er daran erinnert, dass Deutschland 1,6 Billionen Euro an Transfers nach Ostdeutschland, Österreich demnächst über drei Milliarden allein in die Sanierung einer Kärntner Bank gesteckt hat, aber beide noch immer mit dem Finger nach Athen zeigen. Fehler im ökonomischen System der „eigenen Leute“ seien also zu tolerieren, während Fehler in anderen europäischen Ländern mit „aller Härte“ begleitet werden müssten.


Heute vor einer „Transferunion“ in Europa zu warnen, zeugt von einer seltsamen nationalen Perspektive, wenn gleichzeitig ähnliche Transfers im eigenen Land als selbstverständlich hingenommen werden.

 

wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2012)

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