Der griechische Bankensturm – in Zeitlupe

FRANZ SCHELLHORN (Die Presse)

Viele Griechen sind derzeit an Bankschaltern anzutreffen. Eine brandgefährliche Sache.

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Kaum steht Dominique Strauss-Kahn unter Hausarrest, gibt sich der Internationale Währungsfonds (IWF) auch schon bockig: Für die Überweisung frischer Milliarden werden plötzlich Garantien verlangt, für den Fall, dass Griechenland seine Sparziele neuerlich verfehlen sollte. Gut so, auch wenn mit dieser Forderung wohl nur Druck auf die griechische Regierung aufgebaut werden soll, endlich Nägel mit Köpfen zu machen.

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Das größte Problem für die Regierung in Athen ist aber nicht der IWF. Es ist der Vertrauensverlust im eigenen Land. Viele Griechen verstehen nicht, dass der Wohlstand der letzten Jahre ein fiktiver, weil nicht erarbeiteter war. Die Minderheit, die das kapiert hat, zweifelt wiederum daran, dass die Regierung die Sache noch retten kann. Sie rechnet deshalb mit einer Rückkehr zur Drachme und räumt noch schnell das Bankkonto, bevor harte Euro in weiche Drachmen konvertiert werden.

Seit Jänner 2010 wurden 31 Mrd. Euro von privaten Konten behoben. Das Geld wird in den Konsum gesteckt oder über die Grenze gebracht. Das nennt man einen „Bank-Run“ in Zeitlupe. So eine Situation kann schnell außer Kontrolle geraten, wenn immer mehr Menschen ihr Geld beheben. Passiert das, hilft dem Land kein Rettungsfonds der Welt mehr. Irgendjemand sollte der konservativen Opposition also rasch erklären, dass jetzt kein wirklich guter Zeitpunkt ist, die Sozialisten mit ihren Sparplänen allein zu lassen.

 

franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2011)

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22 Kommentare

warum sind die vereinigten öst. Sozialisten (SPÖVP) beim Thema Griechenland so "schmähstad" ?

Könnte es sein, dass sie das Ende der "gutmenschlichen Umverteilungsorgie" alias Staatssozialismus erkennen ? Hoffentlich !! Die österreichische "Schnarchokratie" beschäftigt sich lieber mit Nebenthemen statt mit überlebensnotwendigen Reformen. Vorbilder wie die Schweiz oder Schweden werden nicht einmal ignoriert. Die Reformresistenz der Regierung (siehe Gespräch Anneliese Rohrer mit Mitterlehner) ist atemberaubend...

Jetzt brennt schon der Hut!

Das Geheimtreffen der Finanzminister vor wenigen Wochen kann nur den Austritt Griechenlands aus der Eurozone zum Thema gehabt haben. Nach dem Bekanntwerden dieser Zusammenkunft hat man wohl aus Angst, dass die Griechen dann ihre Sparkonten abziehen und damit ihre Banken in den Ruin treiben würden, davon abgesehen.
Wenn die Griechen ihr Geld jetzt doch ins Ausland verlagern, dann ist das nur zu stoppen, wenn man die Drachme über Nacht wieder einführt, damit nicht genug Zeit bleibt, zu viel Geld aus dem Land zu bringen. So weit sind wir jetzt!

Das Gerede, dass ein "Haircut" nicht nötig wäre, ist sowieso Unsinn. Ganz im Gegenteil, ein Haircut ist unvermeidlich aber bei Weitem nicht ausreichend. Ohne zusätzliche Währungsabwertung geht es überhaupt nicht. Wenn die Griechen nicht die Möglichkeit bekommen, ihre Drachme abzuwerten, dann muss es eben den Euro treffen!
Das wäre aber ein viel zu hoher Preis, nur um nicht zugeben zu müssen, dass die Euroeinführung wirtschaftlich gar nicht gerechtfertigt war und nur gemacht wurde, weil die Franzosen die immer stärker werdende Deutsche Mark nicht ausgehalten und ihre Abschaffung zur Bedingung für die Zustimmung zur deutschen Wiedervereinigung gemacht haben!

Re: Jetzt brennt schon der Hut!

Haarscharf! Die Griechen selbst vertrauen ihrer Lügen-Regierung nicht und bringen ihr eigenes Geld schnell in Sicherheit. Aber WIR schauen zu, wie "unsere" EU-hörige Regierung Milliarden auf Milliarden Euro zur Stützung der griechischen Regierung nach Athen schaufelt. Direkt und versteckt durch "Garantien".

Tja, wen es interessiert, abseits der abgelutschten Phrasen vom "europäischen Friedensprojekt", sich zu informieren, wie und warum es wirklich zum Euro gekommen ist, sei das hervoragende Buch "Der Euro: Die geheime Geschichte der neuen Weltwährung" des langjährigen Deutschland-Chefs der britischen Financial Times empfohlen! Der Mann wertete nicht nur offizielle Archive in DE, FR und GB aus, sondern hatte ZUgang zu den privaten Aufzeichnungen der höchsten Protagonisten aus den 30 Jahren VOR der Euro-Einführung.

Nur: Einmal wird auch in DE den Bürgern die Geduld reißen, all die irren EU-Expansionsgelüste mit ihrem Geld und ihre neu aufgebürdeten Schulden zu finanzieren.

Jeder nach Griechenland bezahlte Cent war zuviel


Die griechische Politik stellt anschaulich unter Beweis dass ihr Land nicht von ungefähr bankrott ist.

Nur die EU versucht krampfhaft, das tote Pferd weiterzureiten.

http://www.schaefer-bergkamen.de/totespferd.htm

Antworten Gast: gast gast
28.05.2011 17:22
0

Re: Jeder nach Griechenland bezahlte Cent war zuviel

bei totes pferd fällt mir eher der unterberger ein

Gast: Vogel Strauss
28.05.2011 09:45
1

Das größte Problem ...

... in Griechenland sind die Schulden, würde ich mal sagen. Diese (und auch die vorhergehende) Regierung kann da gar nichts aktiv dazu beitragen, die werden von IMF, ESM, Ratingagenturen usw. vor sich hergetrieben. Was nicht heisst, dass sie unschuldig sind, denn sie sind in diesem System gross geworden und haben davon profitiert.

Re: Das größte Problem ...

sind nicht die Schulden, sie sind Teil der Symptomatik. Das System in diesem wunderschönen Urlaubsland hat die Menschen korrumpiert. Denn außer den Beamtem hat kaum jemand seinen Steueranteil bezahlt.
Englische Piloten der flybe wurden nach England geschickt, da sie mit dem Finanzamt "Probleme machten". Spanische Piloten, welche in ihrem Land arbeitslos gemeldet sind, arbeiten nun statt ihnen bei Olympic. Diese haben keinen Anreiz Steuer bezahlen zu wollen.


es glaubt eben niemand merh an eine Landesrettung, wie sie ja sugeriert wurde,

und deshalb ist verständlich das das Volk sein Geld noch abhebt, bevor es nicht einmal das noch bekommt. Wäre übrigens auch hier ein gutes Druckmittel gegen Banken :)


Viele Griechen verstehen nicht,

dass der Wohlstand der letzten Jahre ein fiktiver, weil nicht erarbeiteter war. Genauso läuft es seit Jahren in Österreich. Unser Wohlstand ist nicht erarbeitet, sondern auf den Schulden unserer Kinder und Kindeskinder aufgebaut. Unsere explodierenden Sozialbudgets brauchen keinen Vergleich scheuen mit der Misswirtschaft in Griechenland. Beginnen wir im eigenen Haus aufzuräumen, bevor es ein anderer tut. (der IWF)

Re: Viele Griechen verstehen nicht,

Blödsinn; denn Wohlstand lässt sich nicht von Anfang an mit Schulden erkaufen, sondern muss erst durch harte Arbeit und Fleiss, geschaffen werden !
In Ländern wie GR Portugal Spanien bspw war Leistung jedoch nie ein Thema wie in D oder Ö, man schloss einfach Geschäfte um die MIttagszeit für etliche Stunden .... und wartete darauf das Touristen und (meist pensionierte) Auswanderer viel Geld herankarrten, was ja auch ne Zeit lang funktionierte.


Re: Re: Viele Griechen verstehen nicht,

Dafür ist am Abend nicht schon um 19 Uhr Ladenschluß - alles klar, Unwissender?!

Re: Re: Viele Griechen verstehen nicht,

Da will uns einer ernsthaft erzählen, ein paar Stunden Siesta machen schon einen Staatsbankrott!
Aber zum Glück ist in Österreich ja niemand auf die Touristen angewiesen.
Na dann hoffen wir, dass wir fleißgebeutelten Österreicher irgendwann die Frühpensionistensiesta erst mit dem griechischen Durchschnitt von 61,4 Jahren antreten werden.
Mit dem nützlichen Nebeneffekt in Zukunft weniger Stänkerer im Presseforum zu haben, weil in der Arbeit.

Antworten Antworten Antworten Gast: Stänkerer
28.05.2011 12:57
2

Re: Re: Re: Viele Griechen verstehen nicht,

61,4 Jahre...
ist das diese berühmte sagenumwobene Statistik, von der Homer bereits berichtet, die als einzige nicht manipuliert ist ???

PS.: ich bin älter als 61,4 - arbeite noch voll und finde trotzdem Zeit zu posten - das sind die realen Verhältnisse in Österreich ! Aber das kann ein grecophiler natürlich nicht wissen.

Antworten Antworten Antworten Gast: Grieche
28.05.2011 12:48
2

Re: Re: Re: Viele Griechen verstehen nicht,

Natürlich machen "ein paar Stunden Siesta" den Staatsbankrott.

Wenn man 3 Stunden von 8 Stunden nicht arbeitet ist nun mal die Produktivtät um mehr als 30 % geringer.
Jedes Unternehmen mit dieser Produktivität geht zu Grunde ! Wenn der Staat das subventioniert geht er bankrott. So einfach funktioniert das reale Leben !

Gast: juliush
28.05.2011 06:38
6

Ersetze

"Viele Österreicher verstehen nicht, dass der Wohlstand der letzten Jahre ein fiktiver, weil nicht erarbeiteter war. Die Minderheit, die das kapiert hat, zweifelt wiederum daran, dass die Regierung die Sache noch retten kann."

SO passt der Satz auch!


Gut dass die Griechen mitdenken

Sonst würden die Spekulanten ihre Mille retten und die, die ihr Geld erarbeitet haben vielleicht durch die Finger schauen.

Gast: Hosea
27.12.2014 22:59
0

Bankrun in Zeitlupe

Tatsächlich wäre ein Bunkrun in Zeilupe, möglichst über mehrere Jahrzehnte, die Lösung und würde das Anwachsen der Schulden vermeiden oder sogar verhindern bzw. sogar die Schuldenlast senken.
Allerdings nur, wenn das Geld investiert oder konsumiert wird.
Die EZB müßte für diesen Fall nur noch die notwendige Liquidität bereitstellen.

Gast: Barroso die Sardine
27.05.2011 21:56
11

Viele Griechen sind derzeit an Bankschaltern anzutreffen.

Bei uns haben die Leistungsträger schon die letzten Jahre ihr Bargeld verschämt in die Schweiz oder nach Liechtenstein getragen.

Gast: ASVG-Sklave
27.05.2011 21:46
7

Wirklich


interessant ist bei derartigen Phänomenen, dass es trotzdem genügend „Gelähmte“ und Gutgläubige gibt, die bis zuletzt an ein Happy End glauben und erst dann zum Bankschalter gehen, wenn es zu spät ist.

Re: Wirklich

... und dann jammern und raunzen. Der Indikativist ist halt in diesem Fall viel kritischer, näher an der Realität und praxisorientierter. Für den Konjuktivisten ist der Zug dann abgefahren - Pech gehabt!

Gast: gast gast
27.05.2011 21:32
0

der neoliberale schellhorn hat sicher die lösung

vielleicht sollte man den schüssel nach griechenland schicken

die Realisten

Die Griechen glauben also selbst nicht mehr an die Rettung ihres Landes. Die Arbeitervertreter versuchen, das Land gesund zu streiken. Das sogenannte Familiensilber ist ein Ladenhüter, nicht mahl die Chinesen greifen zu. Jeder Cent, der nach Griechenland geht, ist unter Garantie verloren. Im Pleitefall ändert sich für die Griechen eh nix: weil die Wirtschaft läuft dort zu 90% am Staat vorbei. Die PIGS sind ein Fass ohne Boden. Nur die Geberländer, also auch Ösistan werden mit Sicherheit büßen: bald heißts Triple-A ade.

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