Schlachtet den Sündenbock

An den Ratingagenturen ist manches faul. Aber der Furor aus Wien entbehrt jeder Logik.

Ja, wir wussten es schon: Die Ratingagenturen kommen aus dem Reich des Bösen, den USA, und wir sollen sie mit aller Kraft unserer europäischen Herzen hassen. Schön, dass uns unsere Polit-Granden nun gute Gründe für die verordnete Verachtung liefern. Es mangelt den Amis an Einfühlungsvermögen, klärt Kanzler Faymann auf. Das leuchtet uns ein, denn Zartgefühl und Nachsicht sind ja seit jeher die wichtigsten Qualitätskriterien von Kindermädchen – und Bonitätsprüfern.

Auch die Klage über die „mangelnde Ortskenntnis“ der gnadenlosen US-Rater fällt bei uns patriotischen Geistern auf fruchtbaren Boden. Was nützt es schon, wenn man Hilfsprogramme analysieren kann: Wer noch nie über die Hügel Santorins gewandelt ist, taugt nicht zum Fremdenführer – und erst recht nicht zum Bonitätsprüfer. Auch Spindelegger hat ja so recht, wenn er die Personalunion von Prüfer und Geprüften fordert. Ein toller Input für die Schuldebatte: Sollen doch die Schüler selbst entscheiden, mit wie vielen Fünfern sie aufsteigen wollen.

Genug des Spiels, das leider keines ist. Die drei großen Ratingagenturen haben vor der Finanzkrise viel Mist gebaut, und ein großes Problem ist ungelöst: Bei Firmenratings zahlt der Geprüfte. Nur wenn sie diesen Interessenkonflikt klären kann, hätte eine europäische Ratingagentur eine Berechtigung. Aber die großen drei verteufeln, weil sie damals weggeschaut haben, und im gleichen Atemzug über ihre unbestechliche Strenge im Fall Griechenlands klagen: Das hält den Gesetzen der Logik nicht stand. Und die gelten leider auch für uns, die einfühlsamen und ortskundigen Europäer.

 

karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2011)

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