Schlachtet den Sündenbock

KARL GAULHOFER (Die Presse)

An den Ratingagenturen ist manches faul. Aber der Furor aus Wien entbehrt jeder Logik.

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Ja, wir wussten es schon: Die Ratingagenturen kommen aus dem Reich des Bösen, den USA, und wir sollen sie mit aller Kraft unserer europäischen Herzen hassen. Schön, dass uns unsere Polit-Granden nun gute Gründe für die verordnete Verachtung liefern. Es mangelt den Amis an Einfühlungsvermögen, klärt Kanzler Faymann auf. Das leuchtet uns ein, denn Zartgefühl und Nachsicht sind ja seit jeher die wichtigsten Qualitätskriterien von Kindermädchen – und Bonitätsprüfern.

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Auch die Klage über die „mangelnde Ortskenntnis“ der gnadenlosen US-Rater fällt bei uns patriotischen Geistern auf fruchtbaren Boden. Was nützt es schon, wenn man Hilfsprogramme analysieren kann: Wer noch nie über die Hügel Santorins gewandelt ist, taugt nicht zum Fremdenführer – und erst recht nicht zum Bonitätsprüfer. Auch Spindelegger hat ja so recht, wenn er die Personalunion von Prüfer und Geprüften fordert. Ein toller Input für die Schuldebatte: Sollen doch die Schüler selbst entscheiden, mit wie vielen Fünfern sie aufsteigen wollen.

Genug des Spiels, das leider keines ist. Die drei großen Ratingagenturen haben vor der Finanzkrise viel Mist gebaut, und ein großes Problem ist ungelöst: Bei Firmenratings zahlt der Geprüfte. Nur wenn sie diesen Interessenkonflikt klären kann, hätte eine europäische Ratingagentur eine Berechtigung. Aber die großen drei verteufeln, weil sie damals weggeschaut haben, und im gleichen Atemzug über ihre unbestechliche Strenge im Fall Griechenlands klagen: Das hält den Gesetzen der Logik nicht stand. Und die gelten leider auch für uns, die einfühlsamen und ortskundigen Europäer.

 

karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2011)

 
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8 Kommentare
Gast: dejansavicevic
07.07.2011 14:23
0

Gratulation

klasse kommentar!

Gast: uburoi
06.07.2011 16:31
0

der furor aus wien war immer schon derber schwachsinn.

man erinnere sich an walther von der vogelweide.
und solchen blödsinn der logik als konkurenz zu stellen, zeigt die begabung(en) erschöpflich.
viel spaß! ;-)

Gast: DilettantischerArtikel
06.07.2011 13:03
0

Echt peinlich

wie kann man so einen Mist zu Papier bringen? Wo bleibt eine Analyse? Ja, wird auch zugegeben, die Ratingagenturen haben Mist gebaut aber der "geprüfte" muss dafür Bürgen? HALLOO??? Gehts noch? Der Journalist hier hat keine Ahnung von nix...echt peinlich so etwas zu lesen.

Antworten Svenco
06.07.2011 18:01
1

Re: Echt peinlich

Nur du bist hier peinlich!

auslandsösi
06.07.2011 10:20
0

Kühner Reinwaschungsversuch

Den Skandal des gezielten Wegsehens der amerikanischen Ratingagenturen bei den Betrugsmanövern amerikanischer Banken als "Mist" abzutun und damit zu verharmlosen kann so nicht hingenommen werden.
Die grossen Drei dienen für jeden erkennbar amerikanischen Finanzinteressen und sind als Privatunternehmen nicht legitimiert, über ganze Volkswirtschaften den Stab zu brechen. Von transparenter Neutralität kann keine Rede sein.
Eine europäische Ratingagentur wäre auch keine Lösung, da sich die Finanzwelt kaum drum kümmern würde. Warum schafft man nicht mit Hilfe der neuen Wirtschaftsmächte insbesondere in Asien eine internationale Ratingagentur nach dem Vorbild einer Weltbank, WHO oder IWF?
Das jüngste Verdikt der WHO gegen die Praktiken Chinas zeigt doch die Wirksamkeit einer solchen international anerkannten Organisation.

Walter2
06.07.2011 09:26
1

Weil nicht sein kann,

was nicht sein darf als oberstes Beurteilungskriterium?

Ja so sieht's leider aus. Und wenn wir den Wunsch nach Gefälligkeitsgutachten (Gefälligkeitsratings) auch nur halbwegs ernst nehmen, sollten wir uns davor fürchten, welche Leichen die Forderer solcher Gefälligkeiten denn noch im Keller haben.

Helmut Magnana
06.07.2011 01:50
3

Ein Beispiel für die "Personalunion von Prüfern und Geprüften"...

...gibt es heute tatsächlich schon: Das Beispiel der "Streßtests" von Atomkraftwerken kann hier als Vorbild dienen! Die Atomlobby hatte sich nämlich dabei nicht nur ausbedungen, die Stabilität der Reaktoren selbst zu prüfen; darüber hinaus entscheidet nur sie, WAS überhaupt einer kritischen Beurteilung unterzogen werden soll. Wenn´s irgendwo heikel und eng wird, schaut man einfach großzügig darüber hinweg...

Antworten Svenco
06.07.2011 18:04
0

Re: Ein Beispiel für die

Das ist aber nicht nur bei Atomlobby der Fall. Europaer handeln in der Regel so. Ich könnte dafür 1000 Beispiele aufzaehlen! Bankentest ist nur ein Beispiel...

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