24.05.2013 15:24 Merkliste 0

Habakuks falsche Erben

Karl Gaulhofer (Die Presse)

Spart sich Griechenland zu Tode? So ist es: Bei Reformen wird viel zu stark gespart.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Mehr zum Thema:

Es gibt Ökonomen, die reiben sich nun die Hände. Sie haben es ja gleich gewusst, die Rufer in der neoliberalen Wüste, diese Erben von Jesaja und Habakuk: Wer Griechenland zum Sparen zwingt, der treibt das Land in den Ruin.

Man muss sich „dem ungeschützten Kapitalismus des freien Marktes entgegenstellen, der die Gesellschaft zerreißt“, sagt auch Herr Reppas – und geht mit gutem Beispiel voran. Er ist nämlich (kein Scherz!) Athens Minister für Verwaltungsreform. Und hier liegt das wahre Problem: Die griechische Wirtschaft bricht nicht deshalb ein, weil Spartyrannen aus Brüssel und Washington den Armen den letzten Euro aus der Tasche pressen. Das Defizit bleibt auch deshalb so hoch, weil immer mehr Arbeitslose weiter Hilfe bekommen (und das ist gut so). Bei den Reformen aber tut sich nichts (und das ist sehr schlecht so). Beamte werden versetzt, nicht abgebaut. Friseure, Taxler und Sirtaki-Lehrer bleiben vor Konkurrenz geschützt. Immerhin, bei der Privatisierungsagentur wird eisern gespart: Für sie gibt es keine Computer. Deshalb hat sie vom unproduktiv brachliegenden Staatsschatz noch fast gar nichts verkauft.

Nur mehr Wettbewerbsfähigkeit brächte Vertrauen und Wachstum zurück. Irland und Spanien zeigen es vor. Und die Propheten? Besinnen wir uns der biblischen Bräuche. Schicken wir sie in die Wüste.


karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr zum Thema:

8 Kommentare

Alte Traditionen legt man schwer ab...

Und dazu zählen eben auch die zahlreichen Tricksereien beim "Steuervermeiden". Die einen stellen keine Rechnungen aus, die anderen bunkern ihr Gerstl auf internationalen Banken. Und immer mehr Unternehmer "machen rüber" nach Bulgarien. Im ZDF-"Europajournal" hat´s einen recht bezeichnenden Beitrag dazu gegeben. Allein in einer kleinen Grenzstadt haben sich inzwischen 35 griechische Firmen angesiedelt. Niedere Steuern und Löhne, aber auch eine wesentlich schnellere und effizientere Vewaltung und Bürokratie; so etwas lockt! "Ich kann mir die Rettung Griechenlands einfach nicht leisten!", antwortete ein Sargtischler achselzuckend auf die Frage, ob er sich denn nicht als "Verräter" fühle, weil er seine Heimat in der Krise im Stich lasse.

Andere wiederum investieren ihr noch verbliebenes Geld in anspruchsvolle Immobilien auf der bulgarischen Seite. Nicht um selbst dort zu wohnen, aber um es mit Gewinn zu verkaufen, wenn dies einmal nötig wird. Die einen flüchten in die innere Emmigration, die anderen in die äußere. Echtes Vertrauen zu den Lenkern des Staaten hat noch kaum einer.

Zwar behauptet Premier Papandreou noch immr trutzig, daß "man es schaffen werde". Aber die Finanzmärkte und die Ratingagenturen wissen es schon lange besser: Bisher wurde noch jeder Milliarden-Euro-Rettungsschirm mit weiteren Abstufungen konterkariert...

Gast: Luzifer
12.09.2011 20:24
0 0

Das souveräne Griechenland sollte zuerst sein Finanzwesen

in Ordnung bringen und erst dann Hilfe verlangen ....

Wenn Herr Gaulhofer darüber jammert, daß die armen Griechen so arm seien und "kaputtgespart" werden, dann muß man darauf hinweisen, daß die griechischen Staatsbürger miteinander, aber nicht mit den Mitteleuropäern in Schicksalsgemeinschaft stehen. Niemand wird den Griechen vorschreiben, wenn sie etwa für ihre Reichen eine Sonderabgabe einführen und das Steuersystem effektiver machen, sodaß das Steuerhinterziehen nicht zum Volkssport wird. Wie das gemacht wird, bleibt den Griechen überlassen. Erst wenn das geschieht, wird man sich überlegen können, sein sauer verdientes Geld auch in Griechenland zu investieren.

Zu bedenken ist, daß flexible Wechselkurse auch einen Vorteil bei der Ankurbelung des Exportes bieten. Auch da könnte man gemeinsam etwa überlegen - etwa die Rückkehr zum Dinar!

Welche "Propheten" man "in die Wüste schicken" muss:

Das können doch nur die sein, die behauptet haben, die völlig ungeeigneten Maßnahmen der EU würden irgend etwas "retten"!
Es wurde von der EU ja absolut gar nichts getan, um Griechenland auf die Beine zu helfen!
Der "Rettungsschirm" rettet gar nichts, das viele Geld wird nur für die Manipulation der realistischen Kurse griechischer Staatsanleihen verwendet, um vorzutäuschen, dass Griechenland noch zahlungsfähig wäre!
Der Ankauf (fast) wertloser Staatspapiere durch die EZB widerspricht jeder kaufmännischen Sorgfaltspflicht und hätte eigentlich zum Rücktrit des gesamten Vorstandes (nicht nur eines Mitgliedes) führen müssen!
Dass das "Sparpaket" welches Griechenland aufgezwungeen wurde, die Inlandsnachfrage drastisch verringern würde, wodurch auch BIP und Steueraufkommen einbrechen müssen, konnte sich jeder, der nicht ganz ahnungslos ist, an den fünf Fingern abzählen. Dadurch wird Griechenland gezwungen, nicht Schulden abzubauen, sondern sich noch viel stärker zu verschulden als ohne dieses Paket!

Die Leute, die das alles verbrochen haben und ihre Fehler auch heute noch leugnen, sind die, die in die Wüste geschickt werden müssen!

Nachsatz: Wahrscheinlich ist es aber schon zu spät. Griechenland und der Euro können nur noch wenige Jahre weiterwursteln, dann kommt das unvermeidliche Ende!

"Die Leute, die das alles verbrochen haben ..."

ich möchte diese fehler ganz sicher nicht kleinreden.
aber im sinne einer aufarbeitung sollte auch ihr entstehen betrachtet werden.

es gab eine unzahl von 'experten', die je nach interessenlage genau gegenteiliges vorschlugen.
ausser durch diese fehlende expertise wurde die politik auch noch durch das allgemein übliche 'auf den wähler schielen' in ihrer fehlerhaften entscheidung beeinflusst.
bestes beispiel dafür ist das fatale zögern merkels vor der ersten griechen-hilfe, weil eine wahl bevorstand. viele weitere folgten...

demokratie ist ja was schönes.
sie hat nur 2 riesenprobleme: die institutionen und die wähler. ;)

Wozu

gibt man so einem nebbichen 3-Absatz Artikel überhaupt Raum? Ist es Herrn Gaulhofer nicht peinlich, so sein Geld zu verdienen (einmal angenommen, erbekommt dafür bezahlt)?

Dass es wohl unmöglich ist, ein über Jahrzehnte entstandenes System innerhalb eines Jahres entscheidend umzukrempeln, könnte wohl jedem klar sein. Brauchen wir uns nur die Erfolge Österreichs bei der Einführung oder gar Umsetzung der Verwaltungsreform ansehen.

Gast: wina
12.09.2011 10:36
3 1

frage

ist das nicht ein bißchen dürftig als Analyse eines komplexen Sachverhalts? Auch hier liegt eines der Hauptprobleme der Medien: statt eingehender Beschäftigung und Darstellung von komplizierten Problemen (für die der einfache Bürger vielleicht nicht die Zeit hat) wird schnell und oberflächlich dahingeschrieben, einseitig und von oben herab beschuldigt, bei Interviews weder nachgefragt, geschweige denn ordentlich vorbereitet.... was soll das?Dieses Niveau der Kurzkommentare (das auch Frau Rohrer in gewisser Form zurecht kritisiert) scheint auch in der Presse immer mehr um sich zu greifen... wozu dann überhaupt schreiben und dann ....lesen?

Des Zauderns hoher Preis

Auch wenn man als Laie nicht wirklich einen Durchblick hat, so will es scheinen, dass jeder Tag, der mit Zaudern vergeudet wird, zu viel ist. Entweder entläßt man GR in sein Schicksal oder man rettet es. Jedoch will mir scheinen, dass eine Rettung nicht mehr möglich ist. Das hieße endlich eine echte Entscheidung zu treffen, auch wenn sie für die EU ein total heißes Eisen bedeutet. Ich glaube einfach daran, daß die EU noch lange nicht gestorben ist, auch wenn sie von ihren Gegnern schon längst als scheintot gefeiert wird...

0 1

Re: Des Zauderns hoher Preis

Selbst wenn die EU nicht sterben sollte, wird sie keine Glaubwürdigkeit mehr haben. Wer sollte einer EU Glauben schenken, die ihre Mitglieder als Kollateralschaden verliert?

Mehr Kommentare:

Top-News