Irgendwie müssten einem die Deutschen ja schon fast leidtun: Haften sie mit Milliardenbeträgen für Schulden insolventer Inselstaaten, werden ebendort deutsche Fahnen abgefackelt und die vermeintlichen Retter als „Zuchtmeister im Stechschritt“ durch die Gazetten gejagt. Ziehen sie mit hohen Ausfuhren Europas Konjunktur aus dem Sumpf, werden sie als unsolidarische Leistungsmonster angefeindet.
Würden nämlich deutsche Betriebe höhere Löhne zahlen, ginge es allen besser: Deutsche Verbraucher hätten mehr Geld, um Waren aus anderen Ländern anzuschaffen, gleichzeitig wären deutsche Erzeugnisse auf den Weltmärkten weniger konkurrenzfähig, womit die Anbieter anderer Länder mehr Platz bekämen und aus eigener Kraft wachsen könnten.
Das sehen nicht nur Redakteure der „Sendung mit der Maus“ so, sondern hochrangige Ökonomen und Politiker. Wie IWF-Chefin Christine Lagarde, die in der Leistungsfähigkeit deutscher Exporteure ein ganz großes Problem sieht.
Dabei dürfte das Problem die eigentliche Lösung sein: Deutschland ist nämlich ein ziemlich gutes Beispiel dafür, wie Hochlohnländer auf den Weltmärkten reüssieren. Zum Beispiel mit vernünftigen Gewerkschaften und plausiblen Lohnabschlüssen, die hunderttausende Menschen in Arbeit halten. Dieses Modell ist vielleicht weniger sympathisch, dafür deutlich nachhaltiger als jenes seiner Kritiker, die mit geliehenem Geld Konjunktur „machen“ und so für fiktives Wachstum sorgen.
franz.schellhorn@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2012)















