In Großbritannien schaffen es trotz Gesamtschule nach wie vor nur wenige Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligtem Hintergrund an Universitäten bzw. überhaupt zu einem Schulabschluss. Eine aktuelle Studie, „Sieben Wahrheiten über soziale Mobilität“, bestätigt wieder einmal die unerfreuliche Tatsache, dass das Land in Bezug auf Chancengerechtigkeit und Bildung international weit hinten liegt.
Die Ursachen dafür sind nicht in erster Linie in der mangelnden Qualität staatlicher Schulen zu suchen, obwohl hier durchaus so manches im Argen liegt. Vielmehr steht das starke Privatschulsystem einer nachhaltigen Verbesserung des sozialen Ausgleichs entgegen. Sieben Prozent der englischen SchülerInnen besuchen eine Privatschule, der Prozentsatz ist über Jahrzehnte hinweg konstant geblieben. 37.000 Euro pro Jahr kosten die exklusivsten dieser Schulen wie Winchester und Eton. Die Chancen, dass AbsolventInnen einer dieser „Public Schools“ genannten Privatschulen ein Universitätsstudium beginnen, liegen bei 90 Prozent. Wenngleich nur sieben Prozent der Gesamtbevölkerung sie besuchen, so rekrutiert sich doch die Hälfte der Studentenschaft der Elite-Unis Oxford und Cambridge aus diesen elitären Institutionen.
Der Abschluss einer solchen Universität öffnet einem Tür und Tor zum Erfolg. Auch in der aktuellen Studie zeigt sich, dass nach wie vor 70 Prozent der Höchstrichter dieses System durchlaufen haben, ebenso wie 54 Prozent der SpitzenjournalistInnen und 51 Prozent der TopmedizinerInnen. Das gegenwärtige Kabinett unter David Cameron besteht überhaupt fast ausschließlich aus AbsolventInnen von Privatschulen und Elite-Unis. Gerade diese Regierung hat es sich nun zum Anliegen gemacht, die englische Schule besser und gerechter zu machen – wenngleich mit ausgeprägt marktorientierten, von Lehrern heftig kritisierten Methoden wie etwa der Kündigung von DirektorInnen oder der Schließung ganzer (Problem-)Schulen. Es gibt aber auch Erfolgsgeschichten.
Besonders sticht dabei die Initiative „Teach First“ hervor, eine gemeinnützige Unternehmung, die äußerst erfolgreich UniversitätsabsolventInnen aus unterschiedlichen Studienrichtungen direkt an schwierigste Schulen schickt. Dort arbeiten sie einige Jahre lang, um entweder im Schulsystem zu bleiben oder auch als Führungskräfte in die Wirtschaft zu gehen. Der Erfolg kann sich sehen lassen, denn manche dieser Schulen konnten inzwischen ihre Abschlussquoten ständig nach oben verbessern. So weit die gute Nachricht.
Die schlechte Nachricht ist, dass aktuelle Untersuchungen aus England wie aus den USA keinen direkten Zusammenhang zwischen Schule und sozialem Ausgleich empirisch nachweisen konnten. Auch gibt es keine Einigkeit darüber, was genau diese erfolgreichen Schulen anders machen als die schlechten.
Dass Skandinavien den sozialen Ausgleich so viel besser schafft, hängt wohl auch damit zusammen, dass die Schule dort auf einem egalitären Grundverständnis aufbauen kann. Eine egalitäre Schule in einer inegalitären Gesellschaft – das scheint hingegen nicht zusammenzugehen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2012)















