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Eine egalitäre Schule ist in einer inegalitären Gesellschaft unmöglich

24.06.2012 | 18:28 |  HEIDI SCHRODT (Die Presse)

Eliteschulen und Gesamtschulen - von den Widersprüchen im englischen Schulsystem.

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In Großbritannien schaffen es trotz Gesamtschule nach wie vor nur wenige Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligtem Hintergrund an Universitäten bzw. überhaupt zu einem Schulabschluss. Eine aktuelle Studie, „Sieben Wahrheiten über soziale Mobilität“, bestätigt wieder einmal die unerfreuliche Tatsache, dass das Land in Bezug auf Chancengerechtigkeit und Bildung international weit hinten liegt.

Die Ursachen dafür sind nicht in erster Linie in der mangelnden Qualität staatlicher Schulen zu suchen, obwohl hier durchaus so manches im Argen liegt. Vielmehr steht das starke Privatschulsystem einer nachhaltigen Verbesserung des sozialen Ausgleichs entgegen. Sieben Prozent der englischen SchülerInnen besuchen eine Privatschule, der Prozentsatz ist über Jahrzehnte hinweg konstant geblieben. 37.000 Euro pro Jahr kosten die exklusivsten dieser Schulen wie Winchester und Eton. Die Chancen, dass AbsolventInnen einer dieser „Public Schools“ genannten Privatschulen ein Universitätsstudium beginnen, liegen bei 90 Prozent. Wenngleich nur sieben Prozent der Gesamtbevölkerung sie besuchen, so rekrutiert sich doch die Hälfte der Studentenschaft der Elite-Unis Oxford und Cambridge aus diesen elitären Institutionen.

Der Abschluss einer solchen Universität öffnet einem Tür und Tor zum Erfolg. Auch in der aktuellen Studie zeigt sich, dass nach wie vor 70 Prozent der Höchstrichter dieses System durchlaufen haben, ebenso wie 54 Prozent der SpitzenjournalistInnen und 51 Prozent der TopmedizinerInnen. Das gegenwärtige Kabinett unter David Cameron besteht überhaupt fast ausschließlich aus AbsolventInnen von Privatschulen und Elite-Unis. Gerade diese Regierung hat es sich nun zum Anliegen gemacht, die englische Schule besser und gerechter zu machen – wenngleich mit ausgeprägt marktorientierten, von Lehrern heftig kritisierten Methoden wie etwa der Kündigung von DirektorInnen oder der Schließung ganzer (Problem-)Schulen. Es gibt aber auch Erfolgsgeschichten.

Besonders sticht dabei die Initiative „Teach First“ hervor, eine gemeinnützige Unternehmung, die äußerst erfolgreich UniversitätsabsolventInnen aus unterschiedlichen Studienrichtungen direkt an schwierigste Schulen schickt. Dort arbeiten sie einige Jahre lang, um entweder im Schulsystem zu bleiben oder auch als Führungskräfte in die Wirtschaft zu gehen. Der Erfolg kann sich sehen lassen, denn manche dieser Schulen konnten inzwischen ihre Abschlussquoten ständig nach oben verbessern. So weit die gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist, dass aktuelle Untersuchungen aus England wie aus den USA keinen direkten Zusammenhang zwischen Schule und sozialem Ausgleich empirisch nachweisen konnten. Auch gibt es keine Einigkeit darüber, was genau diese erfolgreichen Schulen anders machen als die schlechten.

Dass Skandinavien den sozialen Ausgleich so viel besser schafft, hängt wohl auch damit zusammen, dass die Schule dort auf einem egalitären Grundverständnis aufbauen kann. Eine egalitäre Schule in einer inegalitären Gesellschaft – das scheint hingegen nicht zusammenzugehen.

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2012)

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4 Kommentare
Gast: das scheint alt zu sein
09.07.2012 19:53
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das scheint alt zu sein

ich hätte nie ein Wort gesagt, wenn sie an allen Schulformen das identische Bildungsprogramm geboten hätten!

aber mit Absicht verschiedene Bildungsaufträge konstruieren, obwohl man ganz genau weiß, dass bei 10jährigen keine verlässliche Prognose abgegeben werden kann, das ist vorsätzliche Benachteiligung eines Teils seiner Staatsbürger!

als Staatsbürger hab ich von Anfang an das gleiche Recht auf gleichen und freien Bildungszugang wie andere Bürger auch!
Das ist unteilbar!

Da kann nicht ein Obrigkeitsstaat ankommen und diktieren was ich nur mitbekommen darf.

Das war mein Bürgerrecht auf Bildung! Ich bin nicht Bürger 2. Klasse - jedem Bürger steht immer das gleiche Bildungsrecht zu.

Das man das im 21. Jahrhundert noch sagen muss, ist traurig!

http://www.chance-gymnasium.de/der-direkte-weg-zum-abitur/unser-bildungsauftrag/index.php

"Ich wollte auch fit für die Welt von morgen sein"

ich wollte vielleicht auch eine breite und tiefe Allgemeinbildung mitbekommen.

ich wollte auch geistig was durchdringen können - wieso steht in "meinem Profil" nicht auch vielschichtig drin. Bei mir reichte einfache Zusammenschau -- boa - ist das fies!

wieso muss ich nicht mit modernen Medien umgehen können?

die Entscheidung 4 Jahre Grundschule ist von 1920 --- was hat eigentlich die moderne Hirnforschung seit dem alles gemacht?

und einfachere Bildung für den Berufsstand Handwerker -- das scheint mir sehr alt zu sein.

1799 hat ein preußischer Regent gesagt.....


Gast: Demiurg
09.07.2012 19:22
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politischer Willen

In Großbritannien schaffen es trotz Gesamtschule nach wie vor nur wenige Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligtem Hintergrund an Universitäten

nicht jeder muss sich für Jura interessieren an einer Elite-Uni. Und nicht jeder Anwalt wird Elite mit hohem Einkommen, sonst würde ein Bekannter von mir nicht mit so nem klapprigen Auto durch die Gegend fahren und um jeden Aufrag kämpfen.

außerdem ließe sich das mit politischen Maßnahmen leicht beheben! Gerade in GB könnte man anfangen die Studiengebühren für diese jungen Leute zu reduzieren.

und die finanzielle Unterstützung auszubauen - auch bei den Privatschulen gäbe es Möglichkeiten, z.B. eine Art Lotterie, dass ein bestimmter Prozentsatz an Schülern zugewiesen wird!

bei der Einschätzung bzgl. Skandinavien hat die Autorin natürlich Recht. Das sind kleine, homogene Gesellschaften, die sich tw. als Volksheim sehen.

dennoch kann man bestimmte Prozesse auch politisch steuern, wenn es denn gewünscht wäre. Es werden nie alle Elite sein können. Prinz William hat trotzdem das gleiche Studienfach studiert wie ich --- muss ich deshalb schlechter ausgebildet sein, nur weil ich nicht an der Elite-Uni bin, sondern an einer Art Provinz-Uni? Kommt im Endeffekt das gleiche bei raus --- naja - der muss darin wahrscheinlich nie arbeiten -- ist aber trotzdem das gleiche Ergebnis. Es kommt das Gleiche bei raus!


Gast: Demiurg
09.07.2012 18:57
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mehrgliedrig = berufsständisch

so stärker stratifiziert ein Bildungssystem, desto ungerechter ist es auch. Außerdem ist es obrigkeitsstaatlich und vormodern seinen Bürgern faktisch vorzuschreiben, wofür sie sich interessieren dürfen.

ich wäre in Bayern z.B. nur in eine Hauptschule gekommen - dort hätte ich alles nur auf C-Niveau mitbekommen, obwohl ich eigentlich in vielen Fächern A-Niveau kann In anderen Ländern gibts an einer Schule verschiedene Kurse und mehr Wahlangebot --- dadurch können die Kinder überhaupt erst herausfinden, wo das Talent liegt.

mir hätte eine Gesamtschule Vorteile verschafft. Jetzt sitz ich im "fortgeschrittenem Alter" noch im Bildungswesen fest.

man muss jedem Bürger alle Wissensgebiete zur Verfügung stellen! Ob nun als Kurssystem oder wie auch immer -- aber zu diktieren, wer welchen Input auf welchem Niveau erhält ist obrigkeitsstaatlich.

was das Individuum daraus macht, ist wieder eine ganz andere Frage.

es werden viele Kinder dort lernen, die von der Gesamtschule profitieren und die in mehrgliedrigen Systemen sowieso verloren wären.

in den USA hat man kein mehrgliedriges Schulsystem, weil von Anfang an klar wäre, welcher Schüler in diese anspruchsloseren Zweige kämen. Bei 10jährigen festzulegen, was die lernen dürfen und was nicht ist nicht mit dem Menschenrecht auf Bildung vereinbar, das ist berufsständische Bildung. Jeder soll wenigstens eine Chance bekommen alles mal kennenzulernen, was es an Wissen so gibt.

Gast: Demiurg
09.07.2012 18:48
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ein Vollangebot

Die schlechte Nachricht ist, dass aktuelle Untersuchungen aus England wie aus den USA keinen direkten Zusammenhang zwischen Schule und sozialem Ausgleich empirisch nachweisen konnten.

Das kommt immer auf den Standpunkt drauf an! Man guckt zu viel auf die Eliteunis anstatt auch den Rest zu sehen!

es muss nicht jeder an einer Elite-Uni studiert haben, um ein höheres Bildungsniveau erreicht zu haben.

nehmen wir mich als einfaches anschauliches Beispiel:

ich war auf einer Realschule -- in DE gab es ein programm klassische Bildung mit Latein, Altgriechisch und klassischer Musik nur an den Gymnasien.

man hat mich damit ferngehalten von diesen Wissensgebieten, die mich teilweise brennend interessiert hätten.

in den USA und Neuseeland gibt es viele staatliche Schulen, die genau diese Wissens-Gebiete mit im Programm haben.

ich hätte das alles mitbekommen können! Es ist zunächst vollkommen egal, ob Elite-Uni oder nicht - das hätte mich nicht interessiert

für mich wäre es aber eine Bildungsexpansion gewesen, wenn ich was davon mitbekommen hätte.

Gesamtschulen haben einen ganz speziellen Vorteil: sie können in großer Vielfalt Wissensgebiete zur Verfügung stellen, an denen dann alle partizipieren können.

holistische Bildung ist das Zauberwort! Das gelingt in anderen Ländern nunmal besser, wenn diese Gesamtschulsysteme haben.


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