Wer einen Krieg gewonnen hat oder eine Revolution, der macht sich ans Zerstören, er schleift die Burgen der Besiegten, er verbrennt ihre Erde oder macht sie unfruchtbar, die Römer haben es nach dem Fall Karthagos mit Salz so gehalten, kein Widerstand sollte mehr sprießen, deshalb auch kein Korn. Aber viel wichtiger als das Ausradieren der Infrastruktur ist das der Erinnerung: Als Erstes werden die Symbole gestürzt, da fallen die Statuen und Tempel der Götter – mit Panzerminen rückten die Taliban den Buddhas in Afghanistan auf die steinernen Leiber –, da fällt der Prunk der Herrscher, man erinnert sich noch an das Stahlseil um den Hals des bronzenen Saddam Hussein und die Verwüstungsorgien in den Palästen al-Gaddafis.
Und da fallen die, die die größte Macht haben: die Toten und längst Begrabenen. In ihnen kommt die Erinnerung der Völker zusammen, vom Kult der Pharaonen an. Inthronisieren sich neue Herren oder wollen sie es tun, dann werden die Namen der alten aus den Wänden gekratzt, und dann werden Gräber geschändet, in Wien letzte Woche die jüdischen auf dem Zentralfriedhof – auch Opfer sind in der Erinnerung mächtig –, in Timbuktu nun die islamischer Heiliger. Dabei geht es nicht nur um den Kampf von Sekten gegen Andersgläubige, es geht auch um den Kampf des blinden Glaubens und seiner Gewalt gegen den Geist: Timbuktu war einmal das intellektuelle Zentrum Afrikas, die jetzt Geschändeten waren Gelehrte.
Bringt die Barbarei sie aus der Welt? Der Philosoph Günther Anders nannte – anlässlich der Shoah – die Tilgung von Namen den „zweiten Tod“ und hielt ihn für schlimmer als den ersten: „Nicht gedacht soll ihrer werden!“ Aber lassen sich Erinnerungen tilgen durch noch so maßlose Gewalt? Immanuel Kant hoffte auf die „Freiheit, die sich nicht vergisst“, ganz gleich, wie lange sie unterdrückt ist. Und in „Fahrenheit 451“ hilft selbst die Ultima Ratio der Unterdrückung nicht, das Verbrennen aller Bücher. Aus Gehirnen lassen sie sich nicht brennen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2012)















