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Du sollst nicht lästern! Aber wen nicht, Gott oder die Freiheit?

03.07.2012 | 18:14 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Seine Forderung nach Strafen für Blasphemie hat dem Schriftsteller Martin Mosebach einen sehr verzögerten, jedoch nun anschwellenden Kritik-Tsunami eingetragen.

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Am 19. Juni, also vor gut einem halben Monat, hat Martin Mosebach in der „Berliner Zeitung“ gefordert, die Bundesrepublik Deutschland möge Blasphemie unter Strafe stellen. Mosebach ist nicht irgendwer, er hat den höchsten deutschen Literaturpreis erhalten, der ist nach Georg Büchner benannt, dem Revolutionär und Atheisten, der wegen Repression außer Landes flüchten musste. Und die Forderung war nicht irgendeine, Mosebach rief nach einer Religion bzw. einem Staat, der sich an denen ein Beispiel nehmen solle, „die in Hinsicht Blasphemie keinen Spaß verstehen“: „Ich will nicht verhehlen, dass ich unfähig bin, mich zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern – wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen.“ Der tue auch der Kunst gut – Zensur sei „ihrer Entstehung höchst förderlich gewesen“ –, und im Übrigen schreibe oder male ein ernsthafter Künstler ohnehin ohne Rücksicht auf Verluste: „Die daraus entstehenden Unkosten wird er generös begleichen, auch wenn sie seine Existenz gefährden.“

„Die Presse“ reagierte rasch und analytisch, dem deutschen Feuilleton verschlug es die Sprache, es war auch EM. Als erster reagierte der aus der DDR stammende und mit Zensur wohl vertraute Schriftsteller Ingo Schulze mit bitterer Ironie, auch in der „BZ“: „Bravo! Künstler brauchen solche gewaltigen Schrecken. Hat die Fatwa Rushdie etwa geschadet?“ Nur seinen japanischen Übersetzer habe sie das Leben gekostet. Dann zog „Cicero“ nach, ad personam – „intellektueller Knallerbsenwerfer“ –, aber auch zur Sache: „Offenbar wurde der Nationalsozialismus als künstlerischer Kreativitätsmotor unterschätzt.“ Und: Wenn es nach Mosebach ginge, „sollte der deutsche Rechtsstaat auf das offenkundig gewordene Gewaltpotenzial in Deutschland lebender Salafisten endlich angemessen reagieren. Nämlich, indem er Blasphemie verbietet. Hurra, wir kapitulieren!“

Nein das tun sie nicht, ganz gemächlich sprach sich die Sache bis zu den gehobeneren Feuilletons herum. Am 28.Juni drehte die „Zeit“ den Spieß um und zieh den Büchner-Preisträger der Lästerung – „Mosebach ist jetzt selbst ein blasphemischer Künstler, der der freiheitlich-liberalen Gesellschaft wehtun will“ –, tags darauf folgten „Süddeutsche“ und „Stuttgarter Zeitung“, beide machten sich vor allem gegen die Drohung mit dem „gewaltigen Schrecken“ stark. Nur das Zentralorgan des deutschsprachigen Feuilletons, die „FAZ“, wog immer noch behutsam ab und urteilte endlich gestern. Offenbar falle Mosebach ohne Verbot nichts ein: „Er klagt eigentlich über Inspirationsdefizite und schiebt seine Not dem lieben Gott unter. Soll er. Das ist, wie sehr viel Unfug sonst, hierzulande erlaubt.“

 

Mails: juergen.langenbach@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2012)

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