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Das Schiff der Zeitungsindustrie schlingert, wird es sinken?

12.07.2012 | 18:19 |  ANNA-MARIA WALLNER (Die Presse)

Gibt es eine Branche, die öfter tot gesagt wird als die Printbranche? Die „New York Times“ glaubt, die Zeitungen hätten ihre digitale Zukunft verschlafen.

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Es war eine bizarre Häufung von Fehlern und peinlichen Vorfällen in US-amerikanischen Printmedien, die David Carr, Medienjournalist der „New York Times“, Anfang dieser Woche dazu bewog, einen ziemlich pessimistischen Text über die Zeitungsbranche seines Landes zu schreiben. „Während der Rest von uns am vergangenen Wochenende Hotdogs gegrillt hat, hat sich die Zeitungsindustrie selbst in Brand gesteckt“, schrieb er.

Zunächst war der Radioshow „This American Life“ ein echter Scoop gelungen: Die Reporter hatten herausgefunden, dass die Firma Journatic jene „hyperlokalen“ Nachrichten, mit denen sie seit 2007 überregionale Zeitungen wie „Chicago Tribune“ oder „San Francisco Chronicle“ beliefert, unter anderem von Billiglohnschreibern auf den Philippinen erstellen lässt. Möglich macht das die offene Verwaltungskultur der USA, die Behörden dazu anhält, sämtliche Verwaltungsabläufe online zu dokumentieren. Die Schreibkräfte von Journatic in den USA oder eben auf den Philippinen machen aus diesen Daten Texte wie am Fließband. Zuletzt wurden falsche Autorennamen für manche Texte verwendet, einige Zeitungen stellten ihre Zusammenarbeit mit dem Content Provider ein.

Weniger gravierend, aber zumindest irritierend waren die anderen Vorfälle, die Carr beobachtet hat: Eine Tageszeitung in San Diego hatte einen zwei Wochen alten Online-Artikel auf der Titelseite abgedruckt, und die Zeitung „Times-Picayune“ aus New Orleans muss sich von einigen ihrer prominentesten Schreiber verabschieden, weil sie sich nicht den billigeren Online-Verträgen unterwerfen wollten. All dies zeige nicht nur, dass der finanzielle Druck der Medien immer größer wird, sondern auch, dass der Zeitungsindustrie die Zeit davonläuft, eine digitale Zukunft zu entwickeln, glaubt Carr.

Ähnlich sieht das auch der australische Blogger Jim Parker, der bis 2006 als Finanzjournalist tätig war. Er vergleicht die Medienmitarbeiter mit einer Schiffscrew, die auf einem schmelzenden Eisberg gestrandet ist und dort verschreckt auf einen Wetterumschwung hofft. Sein Rat: Anstatt zu hoffen, sollten die Schiffbrüchigen sich endlich daranmachen, ein neues Schiff zu bauen. Aber auch Parker glaubt, dass es zu spät für eine erfolgreiche Digitalkultur ist. „Es sind Printunternehmen mit einer Printkultur, und das werden sie bleiben.“ Der größte Fehler der Branche sei, dass sie Wirtschaftsleuten zu viel Vertrauen entgegenbringe, wenn es um ihr eigenes Metier gehe.

Auf Twitter hat mit dem Text von David Carr eine rege Debatte über die schon so oft tot gesagte Zeitungsbranche begonnen. Eine Debatte, die sich besonders leicht aufgreifen lässt, wurde doch kaum eine andere Branche in den vergangenen Jahren so häufig für tot erklärt. Zumindest ein bisschen Hoffnung behält David Carr: Trotz der harten Zeiten gebe es immer noch „Tonnen von großartigem Journalismus, der jeden Tag produziert wird“.

 

E-Mail: anna-maria.wallner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2012)

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