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Zuletzt sprachen Beschneidungsgegner von „sexueller Gewalt“

13.07.2012 | 18:29 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Die deutsche Regierung will klarstellen, dass rituelle Beschneidungen von Buben in Deutschland möglich sein müssen. Das wäre ein Machtwort in einer überaus heftigen Debatte.

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Das Stückchen Haut, das etlichen guten jüdischen Witzen die Pointe beschert, steht seit zwei Wochen im Zentrum einer hitzigen Debatte. Am 26. Juni hat ja das Kölner Landesgericht geurteilt, die Beschneidung von Buben sei als Körperverletzung strafbar. Nun erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert: „Verantwortungsvoll durchgeführte Beschneidungen müssen in diesem Land straffrei möglich sein.“ Ob das heißt, dass sie per Gesetz explizit erlaubt werden sollen, war zunächst unklar. Dafür plädieren Grüne und SPD.

Befürworter und Gegner des Urteils waren in den letzten zwei Wochen immer schärfer in ihrer Wortwahl geworden. So nannte Ralf Bönt, Autor u.a. eines „notwendigen Manifests für den Mann“ namens „Das entehrte Geschlecht“, in der „Süddeutschen Zeitung“ die Beschneidung „sexuelle Gewalt“. Mit der Vorhaut schneide man „die männliche Empfindlichkeit und deren Schutz ab“, meint er: „Man kehrt den Mann nach außen, ins Ungeschützte.“

In solchen Stellungnahmen meinte man Mitleid im Wortsinn zu spüren – und die Angst, die Freud im „Mann Moses“ so erklärte: „Ferner hat unter den Sitten, durch die sich die Juden absonderten, die der Beschneidung einen unliebsamen, unheimlichen Eindruck gemacht, der sich wohl durch die Mahnung an die gefürchtete Kastration erklärt.“

„Das Kastrationstrauma, das deutsche Küchenpsychologen nun entdeckt haben, ist kaum ernst zu nehmen“, versicherte dagegen Jacques Schuster in der „Welt“: „Jedenfalls wiegt es nicht schwerer als die seelische Last des Heranwachsenden, von jüdischen Festen ausgeschlossen zu sein und nicht eingesegnet werden zu dürfen.“ Der katholische Philosoph Robert Spaemann verglich in der „Zeit“ die Beschneidung „in ihrer Schwere“ mit einer Masernimpfung und sah einen „beispiellosen Angriff auf die Identität jüdischer Familien“. Vom „schwersten Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust“, sprach Pinchas Goldschmidt, Präsident der Rabbinerkonferenz. „Es war die offizielle Politik Deutschlands in der Nachkriegszeit, wieder jüdische Gemeinden aufzubauen“, warnte er: „Wenn wir sagen, jüdische Tradition ist nicht salonfähig, dann wäre das ein kompletter Wandel.“

Braucht es wirklich ein Gesetz, das Beschneidung explizit erlaubt, oder gar ein „Recht auf Beschneidung“? Nein, meinte Heribert Prantl, Jurist und Leitartikler der „Süddeutschen Zeitung“, in einem Versuch, einen Ausweg zu skizzieren. Er tadelte zwar das Kölner Urteil heftig (es sei „gefühllos“, es habe „ohne Not Unfrieden in die Gesellschaft gebracht“), nannte es aber doch auch „akkurat“. Er meinte: „Es genügt, wenn das Recht nicht straft; das muss die Justiz schnell klarstellen. Das Strafrecht muss sich bescheiden und schweigen – auch wenn scheinbar die Tatbestandsmerkmale passen.“

Etliche Juristen würden dem wohl zustimmen, wenn das Wort „scheinbar“ durch „anscheinend“ ersetzt würde. Wenn man also klar sagte, dass eine Abwägung der Grundrechte ergibt (oder ergeben würde), dass Beschneidung von Buben „grundsätzlich“ strafbar sei. Dass es aber aus Respekt vor dem Judentum – und auch vor dem Islam – geboten scheint, dass sich das Strafrecht in der Praxis, wie Prantl sagt, „bescheidet“. Das ersparte den Juristen die bedenkliche Aussage, dass Religionsfreiheit in manchen Fällen über dem Recht auf körperliche Unversehrtheit stehe. Wie das nach dem jetzigen Vorstoß der Regierung gelöst wird, ist offen.

Wenig aussichtsreich scheint der Kompromiss, den Eingriff zu minimieren, der u.a. in der „NZZ“ erwogen wurde: Abraham habe, als er sich (laut Genesis mit 99 Jahren) und seine Knechte beschnitt, „nur einen Zipfel“ der Vorhaut entfernt, mehr sei „mit einer Axt“ gar nicht möglich gewesen. Klingt wenig authentisch, ist es auch nicht: Diese Angabe des Werkzeugs stammt nicht aus der jüdischen, sondern aus der islamischen Tradition.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)

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12 Kommentare

Ich werd nicht müde

Leute die kleinen Kindern etwas abschneiden wollen sind perverse Verbrecher und so sollten sie auch behandelt werden. Heute können wir schon sexuelle Gewalttäter die sich in Thailand bei Minderjährigen austoben, bei uns strafrechtlich verfolgen. Gut so. Wenn jemand bei uns lebt und ins Ausland fährt um seinem Kind irreparablen Schaden zuzufügen sollte der auch hier verfolgt werden.

Unglaublich wieviele Perverse es doch unter den sogenannten Anständigen gibt.

Gast: DBAG88
16.07.2012 10:17
2 0

Gewalt

Ich möchte mich anschließen und meinen Unmut zum Ausdruck bringen. Ist es nicht unmenschlich einen Knaben ohne jegliche Betäubung einer Operation zu unterziehen? Niemand hat etwas gegen den Jüdischen Glauben noch gegen den Islam. Aber die Kinder sollten dies selbst entscheiden dürfen. Warum wartet man nicht bis die Kinder 14 Jahre sind und diese sollen dann entscheiden ob Sie dem Glauben beitreten möchten und sich beschneiden lassen oder nicht. Aber die Angst das alleine durch das Ritual der Beschneidung sich des Glaubens abwenden ist so groß das man sich an kleinen unschuldigen und wehrlosen Buben vergreift.

Gast: Knabenkraut
15.07.2012 09:06
2 0

"Gottesrecht" vor gleiches Recht?

1. Wenn der Gesetzgeber der Meinung ist, dass nicht medizinisch begründete Beschneidungen im Kindesalter erlaubt sein sollen, dann muss das für alle gelten und nicht nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen.

2. Wenn der Gesetzgeber der Meinung ist, dass es sich bei nicht medizinisch begründeten Beschneidungen im Kindesalter um eine Körperverletzung handelt, dann muss dies auch für alle gelten, nicht nur bestimmte Bevölkerungsgruppen.

3. Die Heftigkeit mit der auf das Kölner Urteil reagiert wird, zeigt wie dringend notwendig diese Diskussion auch bei uns ist. In den USA und in den Jewish Communities gibt es sie eh schon längst:
http://www.jewsagainstcircumcision.org/
http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,1891744,00.html
http://jewishcircumcision.org/
http://www.naturalfamilyonline.com/go/index.php/15/12-no-to-circumcision

Gast: Knabenkraut
15.07.2012 00:25
2 0

Gleiches Recht

In welchem Jahrhundert leben wir? Wollen wir wirklich, dass sich das bürgerliche Recht gegenüber dem göttlichen "bescheidet"? Wohin das führen kann, sehen wir in manchen Weltgegenden.
Wenn der Rechtsstaat etwas zulässt, dann nur für ALLE, d. h. der Gesetzgeber muss klar festlegen welche körperlichen Eingriffe ALLE Eltern an ihren Kindern durchführen (lassen) dürfen. Die Tatsache, dass etwas "Tradition" ist ein Grund es sehr genau zu hinterfragen und nicht, es ohne Diskussion weiter gut zu heißen.

Zusätzlich braucht es dringend eine Diskussion zu diesem Thema auch bei uns, nicht nur in den USA und in den Jewish Communities.

http://www.jewsagainstcircumcision.org/
http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,1891744,00.html
http://www.naturalfamilyonline.com/go/index.php/15/12-no-to-circumcision

Gast: hihihaha
14.07.2012 22:26
0 0

Sexuelle Gewalt?

Hihi, lieb.

Gast: Gast: Leser
14.07.2012 15:00
2 1

Mädchen

Aber bei der Clitorisbeschneidung von Mädchen sind sich alle - zu Recht - einig, dass dies strafbar ist. Warum dann eigentlich nicht auch bei der Beschneidung von Buben? Der Unterschied ist nur marginal, die (religiöse) Begründung ähnlich, der ursprünglich tatsächliche (hygienische) Grund - jedenfalls bei den Beschneidungen der Burschen - ist heutzutage, und überhaupt in unseren Breiten, völlig irrelevant.

Antworten Gast: bringtnix
14.07.2012 22:27
0 2

Re: Mädchen

Der Unterschied ist, dass die Mädchenbeschneidung überhaupt nichts bringt.

Gast: UKW
14.07.2012 14:10
3 1

Das beste wäre es, wenn die betroffenen Jugendlichen endlich auftreten würden gegen diesen mittelalterlichen Aberglauben

Wenn der Druck der Jugend auf die Eltern und Großeltern da wäre, indem sie ihnen erklären, dass sie nicht glauben, dass es da oben - oder wo auch immer - einen Gott gibt, der in irgendeiner Weise Wert darauf legen könnte, dass man unschuldigen Babys die Haut vom Spaatzerl wegschneidet, dann bräuchte es auch keine Gesetze. Zwang von außen, bringt immer mehr Unfrieden, als Druck von den Betroffenen und vor allem Aufkärung. Es ist Zeit endlich im 21. Jahrhundert anzukommen. Religionsriten haben sich im Laufe der Jahrhunderte stetig verändert. Inquisition und Menschenopfer gibt es ja auch keine mehr.

Stattdessen probiert es der Journalist Kramar damit, dass er diese rituelle Körperverletzung an Minderjährigen, mit einem "Witz" zu verharmlosen versucht. Ist das seriöser Journalismus?

Fataler letzter Satz

"Klingt wenig authentisch, ist es auch nicht: Diese Angabe des Werkzeugs stammt nicht aus der jüdischen, sondern aus der islamischen Tradition."

Man sieht , wo die Schwerpunkte liegen.

Bedenkliche islamische Traditionen muss man respektieren, sie können aber diskutiert werden.

Dieselbe Tat aus rituellen Gründen einer älteren Tradition begangen - da hat sich das Strafrecht zu bescheiden...

Gast: kevin allein zu hause
13.07.2012 20:13
5 1

kinder können sich nicht wehren

wenn das kind in der mißlichen lage ist, daß es von religiös phanatisch - psychotischen eltern aufgezogen wird, dann hat es keine chance sich gegen diese körperverletzung zu wehren. es ist die pflicht des staates kinder vor dieser körperverletzung zu schützen, wenn es keinen ausreichenden medizischen grund gibt.

Antworten Gast: blaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa
14.07.2012 22:29
0 0

Re: kinder können sich nicht wehren

Glaubiger anderer Religionen: fanatisch-psychotisch
Glaubige Christen: gute Christen, gute Menschen.

Re: Re: kinder können sich nicht wehren

Gläubige Christen: verstümmeln ihre Kinder nicht

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