Die „Aufreger“ der laufenden Madonna-Tournee in Kürze: eine blitzartige Entblößung einer Brust in Istanbul, katholische Proteste gegen die Verwendung christlicher Symbole in Polen – und nun, lange erwartet, die Klagsdrohung der rechtsextremen Politikerin Marine Le Pen in Paris. Es geht um das Video zum Song „Nobody Knows Me“: Man sehe darin ein mit einem Hakenkreuz überlagertes Bild von Le Pen, sagte ein Sprecher der Front National, das sei eine „sehr ernste Beleidigung“.
Tatsächlich sieht man sehr viele Zeichen und Gesichter in diesem Video, so rasch abgespielt, dass man sie kaum erkennt: Totenschädel, Halbmond und Davidstern, beides durchgestrichen, ein Kreuz, eine Frau in Burka, den Papst, Demonstrationen, Schießereien. All diese Zeichen verlieren in der rasenden Collage ihren Sinn, sind nur mehr „Logos“ im Sinn des Plurals von „Logo“, nicht „logos“ im Sinn des griechischen Worts.
Der Text des Songs hat offenbar mit Identitätsverlust zu tun: „I've had so many lives, since I was a child“, singt Madonna. Im Weiteren folgen, typisch für sie, Plattitüden, die wie aus einem semi-esoterischen Ratgeber gerissen wirken: „The world is not so kind“, „It's so hard to find someone to admire“, „I feel closer to the light“, „I'm gonna try to improve my life“,...
Ja, und dann kommt auch das Hakenkreuz, und zwar verkehrt, einen Bruchteil einer Sekunde sieht man es zwischen den Augen des Gesichts von Marine Le Pen. Kurz darauf folgt die Überlagerung eines Hitler-Bilds (Scheitel, Bärtchen) mit einem Bild von Madonna, dann blinkt noch einmal ein Hakenkreuz auf, dann singt sie einen weiteren ihrer Banalsätze: „It's no good when you're misunderstood.“
Wer würde da widersprechen? Der Satz wird freilich durch das Video relativiert, das nicht verstanden und daher auch nicht missverstanden werden kann. Madonna überhöht damit eine Methode von Neunzigerjahre-Bühnenvideos (z.B. bei Konzerten von U2 oder Michael Jackson) ins Absurde: Starke, sowohl politisch als auch emotional aufgeladene Bilder (Demonstranten, Atompilze, hungernde Kinder, Friedenszeichen, Mahatma Gandhi usw.) wurden in schneller Abfolge gezeigt, so entstand eine vage „engagierte“ Stimmung, die den vage „engagierten“ Texten entsprach: „Feed the world“, „Heal the world“, „We are the world“, „One love, one life“ etc.
Von solcher Güte ist bei Madonna keine Rede mehr. Klar, dass das Hakenkreuz, das schwerste, böseste aller Zeichen, in ihrer Flut nicht fehlen darf; schon Punkbands wie die Sex Pistols haben es ja einst als äußerste Provokation eingesetzt, unklar lassend, ob es nun „Wir sind Nazis“ oder „Ihr seid Nazis“ bedeuten soll. Wenn sich Madonna selbst mit Hitler-Bärtchen zeigt, kokettiert sie mit ersterer Interpretation. So kommt Selbstbezichtigung zur Bezichtigung. Man darf gespannt auf den Prozess und die Würdigung der Beweismittel sein.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2012)















