Da soll noch mal einer sagen, der griechische Staatsapparat sei funktionsunfähig und unreformierbar. Diese nordisch-verklemmte Perspektive lässt einen an der Realität vorbeidenken. Die Beamten des griechischen Staates sehen die Sache weitaus pragmatischer.
Anders ist es nicht zu erklären, dass die griechischen Korruptionsbekämpfer einen eigenen Bericht über die Entwicklung der Summen anfertigen, die in Griechenland für Korruption ausgegeben werden. Und siehe da: die Summen sinken. Warum? Genau: Euroschuldenwirtschaftskrise!
Also: Die krisengeplagten Griechen haben zunehmend Probleme, für hohe Schmiergeldforderungen von Beamten aufzukommen. Das Geld fehlt schlicht und einfach. Das Geld für die „Fakelaki“, wie man in Griechenland diskret übergebene, mit Geld gefüllte Umschläge nennt, die den Motor im Fahrzeug namens „griechischer Staat“ wundersam zum Laufen bringen. Die Krise hat also auch ihre guten Seiten – was sonst könnte die Korruption im Ouzoland ernsthaft gefährden? Und wann sonst hört man einen Beamten sagen, dass sein eigener Job obsolet zu werden drohe? „Es gibt keine ernsthafte Korruption mehr. Es gibt einfach kein Geld für groß angelegte Verbrechen“, so der für den jährlichen Korruptionsbericht zuständige Leandros Rakintzis.
Keine ernsthafte Korruption! Kein Geld für Verbrechen! Das ist so, als würde ein Terrorexperte sagen: „Der jahrelange Krieg gegen den Terror funktioniert, die Bedrohung ist heute sehr gering.“ Oder ein Klimaexperte: „Die Hysterie ist übertrieben, vielleicht sollte weniger Staatsgeld in die aufgeblähte Klimaforschung fließen.“ Unvorstellbar? Unvorstellbar!
Und auch der griechische Beamte relativiert sich flott selbst: Die Krise habe die Korruption nicht völlig verschwinden lassen. Die Beamten hätten lediglich die „Preise“ reduziert, so Rakintzis. Deflation bei Bestechungsgeldern – da hat der böse Markt mal wieder gnadenlos zugeschlagen.
Kommen wir nun also zu den wahren Verlierern der Schuldenkrise in Griechenland, deren Schicksal dank des neuen Korruptionsberichts erstmals dokumentiert ist: die korruptesten Bereiche des griechischen Staates sind der Gesundheitssektor und die Steuerbehörden. Und da – welch Überraschung – sahnen vor allem hochrangige Beamte mit vielen Jahren Berufserfahrung ab. Darf sich also niemand wundern, wenn der Bereichsleiter seinen neuen Leasing-Porsche bald wieder zurück zum Händler stellt.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2012)















