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Wenn Minister Leserbriefe schreiben

12.08.2012 | 18:32 |  CHRISTOPH SCHWARZ (Die Presse)

Die Regierungskollegen Karlheinz Töchterle und Claudia Schmied kommunizieren neuerdings via Gastkommentar. Eine etwas eigenartige Form von Politik.

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Es muss eine große Sorge um die Zukunft der Wissenschaftlichkeit sein, die Karlheinz Töchterle umtreibt. Wie sonst kann es sein, dass er unlängst eine gar ungewöhnliche Methode gewählt hat, um die politischen Pläne der roten Unterrichtsministerin zu kommentieren.

Nicht etwa in einer Pressekonferenz oder einem Interview, sondern in einem Gastkommentar im „Standard“ richtet Töchterle seiner Kollegin aus, dass er ihr sein Ja zur geplanten Zentralmatura – und speziell jenes zur „vorwissenschaftlichen Arbeit“ – nicht erteilen könne. Dass Töchterle Gastkommentare schreibt, ist nichts Neues. Dass er darin direkt den Koalitionspartner attackiert – noch dazu wegen eines gemeinsamen Regierungsprojekts –, schon. Entgangen ist dem sonst feinsinnigen Töchterle dabei wohl, dass diese Form der Kommunikation spätestens seit Werner Faymanns und Alfred Gusenbauers Leserbrief in der „Krone“ eigentümlich anmutet.

Töchterle ist Wiederholungstäter aus Überzeugung. Als die ÖVP ihn zum Minister machte, kramten alle Medien nur kurz in ihren Archiven. Und fanden allerlei Texte, die Töchterle als Rektor einsandte, um seine bildungspolitische Weltsicht – von der Absage an die Gesamtschule bis zum Bekenntnis zu Studiengebühren – zu verbreiten.

Das Besondere an der jüngsten Textprobe des Ministers: Die von ihm adressierte Claudia Schmied schlug nur wenige Tage später mit gleichen Waffen, also ebenfalls via Gastkommentar, zurück. Sie jedoch fand es gleich gar nicht der Mühe wert, die Replik selbst zu verfassen. Sondern ließ diese zwei Mitarbeiter im Namen des Ministeriums schreiben. Der Inhalt war ähnlich freundlich wie jener des Töchterle-Textes. Dass die Gesprächsbasis zwischen Töchterle und Schmied nicht die beste ist, ist mittlerweile gemeinhin bekannt. Dennoch: Der angeregte öffentliche Briefwechsel zwischen den Regierungskollegen, die sich auf dem Minoritenplatz eine Gebäude teilen, ist ein Unikum in der jüngeren heimischen Innenpolitik. Und er ist vor allem ein Zeichen dafür, wie gut das Gesprächsklima in der Koalition im Allgemeinen und im Bildungsbereich im Speziellen ist. Welches Signal die beiden Politiker damit abgeben, haben sie wohl nicht wirklich durchgedacht.


Wer Töchterle dennoch nicht nur in seiner Rolle als Minister, sondern auch als seriöser Wissenschaftler ernst nehmen will, der sollte sich zumindest kurz inhaltlich mit seinen kritischen Anmerkungen auseinandersetzen.

„Überaus problematisch“ sehe er, Töchterle, die „vorwissenschaftliche Arbeit“, die künftig alle Maturanten verfertigen müssen. Schon der Begriff sei „unglücklich“ gewählt, vor allem aber fehle „jegliche Voraussetzung, wie sie an der Uni erst ein Proseminar schafft“. Von der bald „grassierenden Themennot abgesehen“, so Töchterle, „werden sich Tauschbörsen im Internet bilden“. Und, hier einer der zentralen Sätze: „,Copy and Paste‘ feiert Triumphe.“

Zyniker – und wohl nicht nur die – könnten einwenden, dass Töchterle seine Kritik nehmen und doch besser im eigenen Ressort anbringen solle. Wenn sich in den vergangenen Jahren irgendwo eine Kultur des „Copy and Paste“ vermuten lässt, dann wohl leider an den Universitäten. Auch dass jene Arbeiten, die die Studierenden in Proseminaren und Seminaren verfertigen, allzu oft selbst eher vorwissenschaftlich denn wissenschaftlich sind, ließe sich anführen. Von der Themennot ganz zu schweigen.

Karlheinz Töchterle könnte diesbezüglich auch bei Vorgänger Johannes Hahn nachfragen.

 

christoph.schwarz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2012)

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