20.05.2013 21:23 Merkliste 0

Wer hat das hohe C? Und vor allem: Wie legt er's an?

12.08.2012 | 18:32 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Warum man heutzutage scheitern muss, wenn man ein Werk der echten Belcanto-Ära wie Rossinis „Donna del lago“ auf den Spielplan setzt.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Ein hohes C, was will man mehr? Viele hohe Cs? Bitte sehr. Aber auch damit kann man's Opernfreunden nicht recht machen. Wer im Theater an der Wien bei Rossinis „Donna del lago“ jüngst erlebt hat, wie vergleichsweise schwach der Applaus tröpfelt, wenn sich ein Tenor auf seine Spitzentöne verlässt, im Übrigen aber wenig bis gar nichts in Sachen Schöngesang zu bieten hat, der weiß, dass das Opernpublikum doch anspruchsvoller ist, als man ihm gern nachsagt.

Rossini selbst hat sich einst ziemlich bösartig über die „Ritter vom hohen C“ lustig gemacht. Das erste „Do di petto“ (ein C also, mit Bruststimme gesungen) bezeichnete er als Todesschrei eines Kapauns, dem man gerade den Hals umdreht. Das war in den Dreißigerjahren des 19.Jahrhunderts – das Brust-C, für das in unserem Äon Tenöre von Franco Corelli bis Luciano Pavarotti berühmt und beliebt waren – und wurde angeblich von dem Franzosen Gilbert Duprez in Rossinis „Wilhelm Tell“ erstmals gewagt. Enrico Tamberlick ist dann dafür weltberühmt geworden – und der Komponist bat den römischen Tenor, als der ihm seine Aufwartung machen wollte, das berüchtigte C an der Garderobe abzugeben und beim Verlassen des Hauses gefälligst wieder mitzunehmen...

Im Theater an der Wien spielt man mit der „Frau vom See“ eine Oper, die manchen tenoralen Höhenflug enthält, aber zu einem Zeitpunkt entstanden ist, als man noch nicht im Traum daran gedacht hat, in jene Regionen „aus der Brust“ vorzudringen. Man mischte schon in der Mittellage reichlich Kopfstimme in den Gesang und wechselte die Register unmerklich, eine Kunst, die heutzutage kaum ein Sänger wirklich beherrscht.

In Zeiten der Besinnung auf Originalklänge aller Art hat auch bei Opernfreunden ein Umdenkprozess eingesetzt, und man schätzt die „Acuti“, seien sie auch noch so strahlend, nicht mehr allzu sehr. Jedenfalls betrachtet man sie nicht mehr als alleinigen Zweck eines Opernbesuchs, wie das bei mancher „Troubadour“-Aufführung vor fünfzig, sechzig Jahren noch mit Sicherheit üblich war. Wehe dem Tenor, der etwa in Parma versucht hätte, was Maestri vom Format eines Riccardo Muti heute jedem Tenor vorschreiben: Die Cabaletta ohne finales hohes C – die Vorstellung wäre nicht weitergegangen. Da mag Verdi in seiner Partitur notiert haben, was immer er wollte!

So ändern sich die Zeiten. Wer Belcanto-Musik – lange vor dem „Troubadour“ komponiert – stilistisch richtig wiedergeben möchte, scheitert aber nach wie vor. Tenöre mit sieghaftem Brust-C gibt es kaum, solche, die den geschmeidigen Rossini-Stil beherrschen, so gut wie gar nicht. Und die, die zwischen allen stilistischen Stühlen balancieren, will man nicht hören. Ich weiß, ich weiß, es gibt Juan Diego Florez. Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel.

 

E-Mails: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Top-News