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Das große Geschäft mit den "Jugendorchestern"

19.08.2012 | 18:23 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Das European Community Youth Orchestra machte den Anfang. Heute ist eine wahre Schwemme von Jugendprojekten zu verzeichnen.

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Die EU, als es sie noch gar nicht gab, machte den Anfang. European Community Youth Orchestra (ECYO) hieß das Ensemble, das sich die musikalische Harmonisierung des Kontinents auf ihre Banner geheftet hatte. Mitspielen durften nur Bürger der damaligen EG-Staaten. Aber es hatte Charme, dass die noch sehr junge, aber bereits sehr berühmte Anne Sophie Mutter das Beethoven-Violinkonzert geigte und Herbert von Karajan ans Dirigentenpult trat.

Ich erinnere mich noch, wie sich Mitglieder der Wiener Philharmoniker damals geärgert haben, dass aus der damaligen BRD Kritikerstimmen laut wurden, die behaupteten, das sei das beste Orchesterkonzert der Salzburger Festspiele gewesen.

Natürlich waren die Begeisterungsstürme übertrieben. Natürlich spielten die Altprofis Beethoven immer noch souveräner als die Jungspunde. Und doch: Die jugendliche Begeisterung am Musizieren mit dem Maestro assoluto übertrug sich aufs Publikum.

Das Rezept war gefunden. Das Gustav Mahler Jugendorchester, Nachfolgeprojekt des ECYO für Musiker des Nicht-EG-Raums – unter Einbeziehung der damals noch streng durch den Eisernen Vorhang abgeriegelten Nachwuchsmusiker aus dem Osten –, ist seither aus dem internationalen Musikbetrieb nicht mehr wegzudenken. Die größten Orchester rekrutieren ihren Nachschub aus solchen Talenteschmieden.

In weiterer Folge paarte sich, wo das nötig war, musikalische Aufbauarbeit mit sozialen Großtaten – wie in Venezuela – oder mit politischem Wagemut – wie bei Daniel Barenboims israelisch-palästinensischem West-Eastern-Divan-Unternehmen. Das einstige Orchideenunternehmen „Jugendorchester“ wurde zum global vermarktbaren Geschäft.

Das ist eine feine Sache. Auch die Wiener Philharmoniker haben längst erkannt, wie vorausschauend es ist, sich in diesem Feld zu engagieren. Sie betreuen Nachwuchsmusiker im Attergau. Auch dieses Orchester war bei den Festspielen schon des Öfteren zu Gast. Dass es heuer nicht im Spielplan aufscheint, ist ein Treppenwitz angesichts der Schwemme von Jugendprojekten im laufenden Festspielsommer.

Vielleicht kann es uns auch als kleines Fragezeichen dienen, das wir an dieser Stelle setzen könnten. Ist es wirklich Aufgabe der Salzburger Festspiele, bei diesem landauf, landab allseits zu beobachtenden Trend die erste Geige zu spielen, das zu tun, was jetzt überall für freundliche Reaktionen sorgt? Für nächstes Jahr wird mit großem Werbeaufwand ein Fest im Fest für die venezolanischen Kinder und Jugendlichen avisiert. Mit der Exklusivität, die vom teuersten Festival der Welt zu erwarten ist, hat das wenig zu tun. Zum Salzburger Kerngeschäft, um es hart zu formulieren, gehört es jedenfalls nicht. Eher schon zu den leicht erkauften Sympathiemanövern, die von der Frage abzulenken vermögen, ob dieses Kerngeschäft adäquat wahrgenommen wird.

 

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2012)

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