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Die Welt ist eine Scheibe, sagt Lady Gaga, denn sie kennt kein „ß“

20.08.2012 | 18:25 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat unlängst für „betrügen“ ein Wort aus der Analsphäre gebraucht. Wie salonfähig ist dieses schon?

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An 24.Stelle, gleich nach „Paparazzi“, findet sich in der uns zugespielten Setlist zum Wien-Konzert von Lady Gaga ein Stück mit dem deutschen Titel „Scheibe“. Nein, es dreht sich nicht um die Erde, es ist nur ein Schreibfehler: An Stelle des „b“ sollte ein „ß“ stehen, dieser unglückliche Buchstabe, für den es 1) keine großgeschriebene Form gibt (die Umschreibung mit „SZ“ ist sehr behelfsmäßig) und der sich 2) nur auf deutschsprachigen Tastaturen findet. Die Schweizer haben ihn abgeschafft und leben gut ohne ihn.

Für uns hier hat die falsche Transkription des „ß“ als „b“ einen Vorteil: Wir können zartfühlende Leser schonen und „Scheibe“ statt des von Lady Gaga (die ja, unter uns, einen leichten Hang zum Ordinären hat) gemeinten Wortes schreiben. Wir lehnen uns damit an den alten Brauch an, das einschlägige deutsche Fluchwort durch das harmlose „Scheibenkleister!“ zu ersetzen.

Wir sind wohl unter den Letzten, die so rücksichtsvoll sind. Die Scheibe und das zugehörige Verb werden zusehends salon- und politikfähig. „Auch wir bescheiben gelegentlich, auch wir verstoßen gegen Regeln“, sagte letzten Samstag der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble vor Hunderten Bürgern beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung in Berlin. Er wollte damit vor Überheblichkeit gegenüber den kriselnden Euroländern warnen, etwa Griechenland, das ja seinen Eintritt in die EU durch Vorspiegelung falscher Tatsachen geschafft hat. So verwendete er „bescheiben“ im Sinn von „betrügen“. Das darf uns nicht wundern, erklärt unsere Außenpolitikredaktion: Schäuble ist aus Schwaben, und dort nennt man z.B. die Maultaschen in aller Unschuld „Herrgottsb'scheiberle“, weil man den Herrgott betrügt, wenn man sie in der Fastenzeit isst.

Aber auch in Düsseldorf hat kürzlich das Landesarbeitsgericht das Wort quasi genehmigt: Streikende Arbeiter hatten in Sprechchören skandiert, dass ihr Unternehmen sie „betrüge“ und „bescheibe“. Dieses verlangte vor Gericht, die Gewerkschaft möge mäßigend auf die Streikenden einwirken. Die Klage wurde abgewiesen: Das kräftige Wort sei noch von der Meinungsfreiheit gedeckt.

Immer häufiger verwendet wird auch das Adjektiv „scheibe“ und das Partizip Perfekt, bei dem wir wegen Ablauts unseren Trick nicht anwenden können und auf die Sternlösung ausweichen. Auch in besseren Kreisen antworten manche auf die Frage „Wie geht's dir?“ mit „beschi**en“; und seit Jahrzehnten erzählt man sich den Witz, der das Leben mit einer Hühnerleiter vergleicht: kurz und beschi**en.

Oder sind wir zu zimperlich? Immerhin, Thomas Mann lässt im „Doktor Faustus“ den – deutlich von Martin Luther inspirierten – Theologieprofessor Kumpf seine Gegner (unter „großem Getrampel“ seiner Studenten) mit dem Ausruf bedenken: „Dass ihn der Teufel bescheiße!“

Das Wort wir wollen lassen stahn.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2012)

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