Das Wort "Sekte" ist so schön kurz und schaurig

Was ist die Bewegung des Anfang dieser Woche gestorbenen Sun Myung Moon? Warum wir nicht von „Sekten“ sprechen sollten – und warum wir es trotzdem tun.

Im Jahr 1935 hatte der Südkoreaner Sun Myung Moon eine Vision von Christus, der ihm auftrug, seine Erlösungsmission zu Ende zu bringen. Zu diesem Zweck entstand die Vereinigungskirche mit Sitz in Seoul. Eine synkretistische neue religiöse Bewegung wird sie auf Wikipedia genannt, allgemein bekannt ist sie aber in erster Linie unter dem Namen „Moon-Sekte“.

Und so schrieben auch die meisten deutschsprachigen Zeitungen (inklusive dieser) am Anfang dieser Woche, der „Gründer der Moon-Sekte“ sei gestorben. Gegen diese Ausdrucksweise hat es einigen Protest gegeben. So schrieb unter anderem Gerald Hödl, Professor am Wiener Institut für Religionswissenschaft, sie sei „diffamierend“ und „irreführend“.

Wann ist es zulässig, eine religiöse Bewegung als Sekte zu bezeichnen? Da geht es nicht nur um Wortklauberei, weil im Begriff „Sekte“ unvermeidlich eine Abwertung mitschwingt. Und das, obwohl er ursprünglich und ein paar Jahrhunderte lang wertneutral gemeint war. Das lateinische „secta“ kommt nicht, wie eine verbreitete Volksetymologie suggeriert, vom lateinischen „secare“, abtrennen, sondern von „sequi“, folgen. Als solches war das Wort ein Synonym zur griechischen, anfangs ebenfalls wertneutralen „hairesis“, dessen Grundbedeutung einfach Wahl, Gefolgschaft war. In diesem Sinn wurden „secta“ und „hairesis“ für alle Arten von Anhängerschaften, etwa philosophische oder politische, verwendet. Auch die frühen Christen wurden ganz sachlich als „hairesis“, als eine Abspaltung des Judentums gesehen.

Erst in der Spätantike bekamen die zwei Begriffe die negative Bedeutung im Sinn einer gefährlichen Verirrung, die wir heute von den Worten „Sekte“ und „Häresie“ kennen. Und bis heute lebt kurioserweise die Sicht der Kirche auf abweichende Glaubensbewegungen erfolgreich in der „Sekte“ weiter, obwohl kaum einer, der das Wort benützt, noch diese Sichtweise teilt. In den 1960er- und 1970er-Jahren schossen in der katholischen und in den protestantischen Kirchen die „Referate für Weltanschauungsfragen“ mit ihren „Sektenexperten“ aus dem Boden, die das heutige Sektenverständnis maßgeblich geprägt haben. Damals erhielten die sogenannten „Jugendsekten“ starken Zulauf, zu denen etwa „Children of God“ und eben auch die Vereinigungskirche gezählt wurden.

Starke Führer, totalitäre Strukturen, Verfügungsgewalt über Denk-, Lebensweise und Privateigentum der Mitglieder – diese Merkmale finden zwar sich bei vielen religiösen Bewegungen und in gewissem Ausmaß auch bei der Moon-Bewegung. Aber ganz abgesehen davon, dass viele etablierte Religionen ähnlich angefangen haben wie heute als „Sekte“ diffamierte Bewegungen, und dass gewisse Gruppierungen innerhalb der etablierten Religionen ähnlich agieren, trägt dieser Kampfbegriff nicht gerade zur Differenzierung bei. Religionswissenschaftler wollen ihn daher am liebsten ganz abschaffen.

So bald werden sie es wohl nicht schaffen, denn ein prägnanter Ersatz ist nicht in Sicht. Im Gegensatz zu Wortungetümen wie etwa „religiöse Bewegung“ ist die „Sekte“ halt so schön kurz – und schaurig.

 

anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)

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