Dr. Seltsam oder: Wie ich verlernte, Titel zu lieben

Ein bayerischer Putzunternehmer holte sich in Spanien seinen Doktortitel – und schrieb dafür „grenzenlosen Stuss“.

Vor Karlheinz Götz ist kein Staubkorn und kein Schmutzfleck sicher. Der Regensburger Unternehmer hat das Fensterputz-Imperium „Blitz-Blank“ aufgebaut und kommandiert 15.000 Gebäudereiniger in sechs Ländern. Hut ab! Aber ach: Hut auf war sein Lebensziel. Ein Doktorhut sollte das saubere Lebenswerk des 72-Jährigen krönen. Zu diesem Zweck schrieb er für die Uni im asturischen Oviedo eine Dissertation über die Geschichte des Schulwesens in der Oberpfalz und ließ sein Werk von einer Dolmetscherin übersetzen.

Das kam journalistischen Nestbeschmutzern spanisch vor. Sie schnüffelten sich durch das Elaborat des früheren Lehrers und legten es deutschen Professoren vor. Das Resultat lässt die kleinen Missetaten diverser Plagiatoren aus der Politik verblassen: Selten habe er „so einen grenzenlosen Stuss“ gesehen, resümiert fassungslos ein Geschichtsdidaktiker. Ein Historikerkollege nennt das Vorgehen des Autors „schamlos“ und „skandalös“. Nicht nur sind weite Teile aus einem Handbuch abgeschrieben. Jeder Laie erkennt, dass der salopp kompilierte Überblick gar kein wissenschaftlicher Text ist. Quellenarbeit fehlt – soll ein viel beschäftigter Firmenchef in staubigen Archiven wühlen? Keine Fußnoten – das macht nur Arbeit und schafft keine Arbeitsplätze. Auch wer sich von einem Herrn Götz ein korrektes Zitat erwartet, wird enttäuscht. Dafür streckt er sein rechtens etwa 110 Seiten füllendes Werk auf über 300 – unter anderem brachial dadurch, dass er zehn Seiten durchpaginiert leer lässt.

Die skurrile Affäre zeigt einmal mehr: In Sachen Titelsucht stehen die Deutschen den Österreichern um nichts nach, auch wenn sie uns noch so hämisch-nasal mit „Herr Magister“ begrüßen (von Professorinnen auf Mittelschulen und Ingenieuren, die nie eine Hochschule betreten haben, wissen die meisten gottlob nichts). Deutsche Politiker und Manager konzentrierten ihre Begierde ganz auf das gebenedeite Buchstabenduo „Dr.“. Solange es nicht auf persönlicher Webseite, Visitenkarte und Türschild prangt, leidet ihr fragiles Ego. Der Ehrendoktor ist ihnen zu wenig, der echte eine Frage der Ehre. Zur Not darf er ruhig aus dem Ausland kommen.

Doch zuweilen gerät die Flucht zum Fluch. Wie beim frisch gekürten CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, der auf Deutsch in Prag promovierte. So weit alles in Ordnung mit der „Politischen Kommunikation der CSU im System Bayerns“, ein paar Plagiatsequenzen reichen nicht mehr für Schlagzeilen. Ungerümpft bleiben die Nasen auch darüber, dass Scheuers Doktorvater im Geleitwort von den Erfolgen der bayerischen Partei schwärmt – gleiche Gesinnung fördert den Ost-West-Dialog in Europa.

Aber die pingelige deutsche Öffentlichkeit stößt sich daran, dass der tschechische „Doktor filozofie“ nur ein „kleiner Doktorgrad“ ist, wenig mehr als ein Magister, und in den meisten Bundesländern nicht anerkannt wird. Scheuer muss seinen Titel entsorgen. Und Philosophen trauern mit ihm, weil die einst höchste aller Wissenschaften nur mehr als Zusatz für einen „kleinen Doktor“ taugt.

In der knackigeren Causa Götz meldet sich nun Spanien zu Wort. Die Doktormutter des Putz-Tycoons versteht die Aufregung nicht. Alles sei mit rechten Dingen zugegangen. Die Dame muss inhaltliche Mängel auch nicht erkannt haben. Als Spezialistin für die Didaktik der Geografie weiß sie zwar sicher, wo die Oberpfalz ist, aber mit der Historie des dortigen Schulwesens hatte sie nie etwas zu tun. So wenig wie die anderen, sämtlich emeritierten Professoren im Kollegium der Gutachter. Honi soit qui mal y pense.

Nun kann man darob an unserem höheren Bildungssystem verzweifeln oder künftig jeden Dr. Politiker und Dr. Unternehmer schief ansehen. Man kann aber auch darüber lachen. Herr Götz hätte sich einen Doktor humoris causa redlich verdient. Wir wissen, dass diese Wendung etymologisch nicht korrekt ist. Aber wir verbitten uns Leserbriefe von Latinisten. Wer weiß, wo die ihren Doktor herhaben.

karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2014)

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