Steven Pinker: „Geh aus dem Weg, Bioethik!“

Ein streitbarer Psychologe will mit ethischen Argumenten das Verzögern des Fortschritts mit ethischen Argumenten aushebeln.

Soll man Erbleiden reparieren, wenn man es technisch kann? Soll man etwa einer Frau, die wegen eines Gendefekts an Krebs erkrankt ist und ein Kind will, Eizellen entnehmen und in ihnen den Gendefekt reparieren, auf dass das Kind das Risiko nicht hat? Theoretisch könnte man es, mit der jüngsten Wunderwaffe der Gentechnik, sie heißt CRISPR und erlaubt punktgenaue Eingriffe in Gene.

Funktioniert es auch in der Praxis? Im Labor von George Church (Harvard Medical School) war ein Experiment geplant. Ob es läuft, ist unklar, Church äußert sich nicht, aber der Gegenwind gegen diese Anwendung von CRISPR ist stark, weil sie die Perspektive des Menschen nach Maß ermöglicht, man könnte auch Gene für Haar- und Augenfarbe etc. einbauen.

Bei einer anderen Anwendung von CRISPR bremst Church selbst: Man kann mit der Technik „gene drive“ betreiben, Genvarianten rasch in ganze Populationen bringen. Valentino Gantz und Ethan Bier (UC San Diego) wollen das bei Moskitos tun, sie damit ausrotten bzw. alle von ihnen übertragenen Leiden, Malaria an der Spitze.

Aber die Risken sind unabsehbar, und einmal in die Umwelt verbreitete Gene wären nicht rückholbar. Deshalb füllen sich seit Wochen die Fachzeitschriften, Nature und Science an der Spitze, oft wird ein Bann dieser Forschung gefordert oder zumindest ein Moratorium, in dem die Folgen durchdacht und Irrwege vermieden werden.

Aber einer spuckt in die Bedenkensuppe, der Psychologe Steven Pinker (Harvard): „Get out of the way!“ Das war der Kernsatz in einem Artikel im „Boston Globe“ am 1.August: Die Aufforderung richtet sich an die Bioethik, sie ist selbst bioethisch begründet: Die Medizin habe in den letzten 20 Jahren die vorzeitige Sterblichkeit um 35Prozent reduziert, trotzdem seien der Menschheit 2010 2,5 Milliarden Jahre durch vorzeitigen Tod verloren gegangen, so bilanziert das „Global Burden of Disease Project“.

Also dürfe sich dem Fortschritt nichts in den Weg stellen: „Die biomedizinische Forschung verspricht enorme Verbesserungen. Angesichts dieser Bonanza kann das primäre moralische Ziel für die heutige Bioethik nur heißen: Get out of the way.“ Vor allem Einwände im Namen „nebulöser Prinzipien“ wie „Würde“, „Heiligkeit“ und „soziale Gerechtigkeit“ mag Pinker nicht mehr hören.

Die Reaktion der Bioethiker war gemischt, Pinker erhielt auch Zustimmung. CRISPR-Forscher haben nicht reagiert, aber Church/Gantz/Bier haben selbst gerade zu äußerster Vorsicht aufgerufen, nicht nur aus ethischen Gründen: Als es bei der Gentherapie einen Toten gab, war diese Forschung auf Jahre erledigt. Bei CRISPR wäre es nicht anders.

Mails: juergen.langenbach@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2015)

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