Obama, „Mama Amerika“, Trumpismus: Großer Romanstoff

SubtextSchriftsteller wie Jonathan Franzen oder Richard Ford fabulieren von einem Bürgerkrieg in den USA und einem Putsch gegen Präsident Trump.

Die große zeitgenössische US-Literatur spiegelt stets auch die Ära, in der sie angesiedelt ist. Die Präsidenten, die sie dominieren, nehmen darin mindestens eine Nebenrolle ein. Was wären Americana ohne JFK und das Attentat in Dallas, ohne Richard Nixon und Watergate?

Philip Roths Beziehungsdrama „Der menschliche Makel“ spielt vor dem Zeitkolorit der Lewinsky-Affäre und des Impeachment-Verfahrens gegen Bill Clinton, Richard Fords Roman „Die Lage des Landes“ entfaltet sich während des Wahlthrillers zwischen George W. Bush und Al Gore und Jonathan Franzens mit politischen Anspielungen gespicktes Zeitpanorama „Freiheit“ erstreckt sich von der Ära Ronald Reagans bis zur Dämmerung der historischen Obama-Wahl.

Der Präsident gilt als großer Franzen-Fan. Er las „Freiheit“, noch bevor der Roman offiziell erschien. Später lud er den Schriftsteller zur Audienz ins Weiße Haus, und noch heute schwärmt dieser von der 20-minütigen Begegnung mit einem Präsidenten, dem er sich kulturell und intellektuell verbunden fühlt. „Ich werde nie vergessen, wie unbefangen man mit ihm reden konnte“, erinnerte er sich in einem Interview in der „Welt“.

Nostalgie allenthalben. Renommierte US-Schriftsteller wie Jonathan Franzen stimmen im deutschen Feuilleton den vorzeitigen Schwanengesang auf die Obama-Ära an. Richard Ford oder Louis Begley schämen sich nicht der Tränen, die sie bei Obamas Wahl vergossen haben. Es sei das „beste und hoffnungsfrohste politische Ereignis meines Lebens“ gewesen, schrieb Ford in der „Zeit“. Den Republikanern wünscht er als Strafe für ihre Politik der Obstruktion den Untergang herbei. Im Zwiegespräch mit „Schmidtie“, seinem Alter Ego und dem Protagonisten seiner Trilogie, zieht Louis Begley in der „FAZ“ Bilanz über die Obama-Ära. Obwohl er über den Fortbestand Guantánamos hadert, weint er Obama schon jetzt eine Träne nach: „Mister President, Sie werden uns fehlen.“

Völlig konträr fällt dagegen – wenig überraschend – der Blick auf Donald Trump aus. Franzen zerpflückt den „Trumpismus“ als Phänomen der sozialen Medien: „Ohne Twitter kein Trump.“ Bei einer Wahl Hillary Clintons fabuliert er von bewaffneten Aufständen, gar von einem Bürgerkrieg. Ford charakterisierte Trump in der „FAZ“ als eine „abstoßende Kreuzung zwischen Joseph McCarthy und Benito Mussolini“ – „kraftmeierisch, grimassierend, arrogant, dünnhäutig, verlogen“, mit „clownesken Charme“.

T.C. Boyle mag sich den „Punk“ nicht als Präsidenten vorstellen, kann dem Gottseibeiuns der Demokraten in der „Süddeutschen Zeitung“ immerhin etwas abgewinnen: „Ich mag, dass er einfach sagt, was er will.“ Er führt eine Ursache für den Aufstieg Trumps an: „Die politische Korrektheit hat dazu geführt, dass man Dinge nicht mehr beim Namen nennt oder sie gar verschweigt.“ Sonst sei er ein „überzeugter Hillarian“, so wie er zuvor für Obama oder Bernie Sanders eintrat. „Die USA brauchen eine strenge und faire Mutter. Clinton ist Mama Amerika.“

Richard Ford schwadroniert in der „Zeit“ von einem Militärputsch gegen einen Präsidenten Trump. Der Milliardär regt die Fantasie an, er liefert Stoff für die „Great American Novel“. Eigentlich müssten die Literaten Trump also dankbar sein. In „Verschwörung gegen Amerika“ hat Philip Roth manches indes bereits vorweggenommen: einen Präsidenten Charles Lindbergh, der das Land in den Faschismus führt.

E-Mails an: thomas.vieregge@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2016)

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