Ein Mann, der weiß, was Oper ist und kann

Er hat nicht nur den Bregenzer Festspielen ihre glückhafteste Zeit beschert: zum 80. Geburtstag von Alfred Wopmann.

Sage noch einer ein Wort gegen die Substituten im Staatsopernorchester. Erstens sind das erstklassige Musiker, zweitens rekrutieren die Philharmoniker stets aus diesem Reservoir ihren Nachwuchs – und drittens, und darum geht es: Alfred Wopmann hat seine Karriere als Substitut im Haus am Ring begonnen.

Er war nicht zuletzt dabei und hat mitmusiziert, als Karajan den „Troubadour“ dirigierte und die Proben mitgemacht, die Dimitri Mitropoulos für die „Macht des Schicksals“ gemacht hat – wer den Livemitschnitt dieser Premiere kennt, weiß, dass nur das Publikum, das an jenem Abend in der Oper war, beneidenswerter war als die Musiker, die diese leidenschaftlich durchglühte Verdi-Interpretation in die Tat umsetzen durften. Was die Worte „con brio“ oder „espressivo“ bedeuten, weiß also keiner besser als dieser Musiker, der zugleich imstande war zu hinterfragen, was denn da mit den Hörern und den Zuschauern, den Sängern und den Orchesterspielern passiert, während die Kunst Extremwerte auslotet. Denn Wopmann hat nicht nur Violine, sondern auch Psychologie und Philosophie studiert und wurde, weil er sich brennend für die Verbindung von Hintergrundwissen und Musiktheater interessierte, zum Regieassistenten – als solche und auch ihre unmittelbaren Vorgesetzten, die Regisseure, noch ganz selbstverständlich auch Noten lesen konnten, wenn sie daran gingen, sich einer Oper zu widmen.

Otto Schenk, Götz Friedrich, Luchino Visconti und Jean Pierre Ponnelle waren die Herren, bei denen Wopmann sich sein Rüstzeug holte; nicht nur, um dann selbst Regie zu führen, sondern auch, um – mehr als das – selbst zum Intendanten zu werden. Eine nicht ganz unwichtige Zwischenstation war das Opernstudio der Staatsoper, das Wopmann leitete und dabei feststellte, dass man auch recht ungewöhnliche Programmierungen wagen kann, um sie mit jungen, engagierten Künstlern ans Publikum zu bringen.

1983 übernahm Wopmann dann die Intendanz der Bregenzer Festspiele. Und dann muss man nicht mehr viel hinzufügen, denn seine Amtszeit hat sich im kollektiven Gedächtnis der österreichischen Musikfreunde als eine der glückhaftesten eingeschrieben, die je ein heimisches Festival oder auch ein Opernhaus gehabt hat.

Weil nämlich die oben geschilderten Komponenten und eine offenbar angeborene, an Tiefstapelei grenzende Bescheidenheit dieses Mannes dazu führten, dass er immer Künstler engagierte, die er für weit besser hielt als sich selbst, um mit ihnen eine Festspiel-Konzeption zu realisieren, wie sie stimmiger nicht sein könnte: großes Theater zur Popularisierung der größten Meisterwerke der Operngeschichte beim Spiel auf dem See – erinnern wir uns nur an die „Zauberflöte“ von Jerome Savary, die gewiss geglückteste Inszenierung dieses Stücks, das sonst notorisch schiefgeht. Und Raritäten mit allerersten Kräften im Festspielhaus. Auch da genügt ein Titel-Dropping: Ob „La Wally“ mit der Zampieri oder „Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch“ unter Fedosejew – man pilgerte nach Bregenz, weil man neugierig war auf halb vergessene Kunstwerke; nicht, weil man eine Stunde in politischer Bildung versäumt hatte.

Wie auch immer: Alfred Wopmann feiert dieser Tage seinen Achtziger. Er hätte – gerade zu aktuellen Kulturfragen in diesem Land viel zu sagen – und sagt es wohlweislich nicht, weil er weiß, dass längst die Besserwisser die Macht übernommen haben. Auch den Verweis auf diese Lebensklugheit darf der Gratulant nicht vergessen. Vivat!

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2016)

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