Lasst nur die Oboen singen und die Klarinetten leuchten

Im Konzerthaus ist am Mittwoch ein Stück zu hören, das jeder kennt, von dem aber kaum ein Musikfreund den Titel zu benennen wüsste.

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Da sind die Stücke vom Format der „Kleinen Nachtmusik“, Beethovens Fünfter oder des Tschaikowsky-Klavierkonzerts, das in Wahrheit das erste von dreieinhalb Klavierkonzerten Tschaikowskys ist, aber doch immer „das“ Tschaikowskykonzert bleiben wird – und auch das nur wegen der ersten paar Takte.

Wie auch immer. Das ist jene Kategorie von Stücken, die jeder kennt und die sozusagen das Image der sogenannten klassischen Musik weltweit grundieren.

Dann gibt es wahrhaft Klassisches, das in den Hinterköpfen der meisten Zeitgenossen aufgerufen werden kann, die irgendetwas mit Kultur „am Hut haben“ – sie summen oder dirigieren sogar mit, wenn die entsprechenden Klänge irgendwo zu hören sind, aber kaum einer könnte mit Bestimmtheit sagen, was denn das eigentlich sei, das hier vertraut tönt.

Zu diesen ebenso integrierenden Bestandteilen eines kollektiven Klassikverständnisses gehört der erste der beiden langsamen Sätze aus Mozarts sogenannter „Gran Partita“. Das Werk ist für ein großes Bläserensemble samt einem Kontrabass gesetzt – der, nur nebenbei gesagt, nicht, wie das oft getan wird, durch ein Kontrafagott ersetzt werden sollte, weil dieses kein Pizzicato spielen kann.

Diese Serenade in B-Dur, KV 361, so der offizielle Titel samt der praktischen Köchel-Nummerierung, wird aufgrund ihrer ungewöhnlichen Besetzung selten aufgeführt, ist aber trotzdem weltberühmt, weil Peter Shaffer Mozarts Widersacher Salieri im berühmten „Amadeus“-Film eben über dieser Musik verzweifeln lässt.

Gut erfunden, denn das ist ja wirklich Mozarts Atout: Musik zu schreiben, die so einfach gestrickt wirkt, dass jeder meint, dergleichen müsse leicht nachzuahmen sein, doch – weiß der Teufel, wie er das macht – auf direktem Pfad mitten ins Herz trifft.

Es ist kein Zufall, denkt man, dass da so viele Bläser beteiligt sind, zwei Klarinetten und zwei Bassethörner darunter, die ja mit Mozart erst so richtig Eingang in die große Musikwelt gefunden haben. Jedenfalls sind es oft Bläsereinwürfe, Oboenphrasen (wie in der „Gran Partita“) oder Klarinettenmelodien, die besonders charmante, besonders tief gehende Wirkung auf die Hörer ausüben; denken wir nur an manchen heimlichen, intimen oder humorvollen Dialog in den Klavierkonzerten; oder an die wunderbare A-Dur-Arie des Ferrando in „Così fan tutte“ – die als schwärmerisch-schöne Liebeserklärung fast durchwegs nur von Streichern begleitet wird, aber in dem Moment, in dem die Eingangsmelodie wiederkehrt, legen sich Bläserakkorde darüber – viermal zwei Achtel, das genügt, um die Atmosphäre mit einem Mal melancholisch zu verschleiern.

Nicht einmal die raffinierteste Lichtregie könnte diesen akustisch-psychologischen Überrumpelungseffekt – jeder spürt ihn, ohne ihn bewusst wahrzunehmen – ins Optische wandeln. Grund genug, Mozarts Bläserklangzauber einmal pur zu erleben: Die Wiener Konzertvereinigung unter Erich Polz spielt die in allen Teilen kostbare, im Adagio beinah populäre „Gran Partita“ nebst Dvořáks Fünfter Symphonie übermorgen, Mittwoch, im Beriosaal des Konzerthauses.

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2016)

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