Ossis, Amis, Nafris oder: Wie Wörter ihre Unschuld verlieren

Kolumne Die Kölner Polizei hat auf Twitter Migranten aus Nordafrika als „Nafris“ bezeichnet. Eigentlich harmlos, oder?

Abkürzungen sind super. Abkürzungen erleichtern uns das Leben. Statt Amerikaner sagen wir Ami, statt Ostdeutscher Ossi, wir sind die Ösis; wenn wir Schiri hören, ist der Schiedsrichter gemeint, die Uni ist die Universität – und hinterm Michi steckt der Michael, darauf können wir uns verlassen.

Das alles sind Abkürzungen, die im deutschsprachigen Raum fast jeder kennt. Es gibt aber auch welche, die nur innerhalb einer Berufsgruppe verstanden werden. Wer weiß etwa, was Journalisten meinen, wenn sie „Zwiti“ sagen? (Auflösung: Zwischentitel) Und den „Presse“-Redakteur möchte ich sehen, der mit Kollegen über den „Leitartikel“ spricht. „Leiter“ muss reichen. Das ist knapp, das ist klar, knapp und klar soll sie sein, die Sprache, das ist der Optimalfall.

Knapp und klar ist auch „Nafri“ – eine Abkürzung aus dem Formulierungsschatz der Kölner Polizei, zunächst ebenfalls rein intern verwendet, um Menschen aus Nordafrika zu bezeichnen. Jedenfalls bis zur Silvesternacht: „Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft“, twitterte das Social-Media-Team der Polizei von Nordrhein-Westfalen.

Über die politischen Implikationen lesen Sie bitte den Bericht unseres Korrespondenten Thomas Prior auf Seite 6. Uns interessiert an dieser Stelle das Wort bzw. die Tatsache, dass ein Begriff, der ursprünglich wohl frei war von jeder bösen Konnotation, binnen kürzester Zeit seine Unschuld verlieren kann. Den Mechanismus dahinter hat der Linguist Steven Pinker erklärt, er hat dafür den Begriff der Euphemismus-Tretmühle erfunden: Sie ist schuld, dass das mit der Political Correctness nicht so einfach funktioniert. Wenn wir nämlich eine „saubere“ Vokabel suchen, die eine vorbelastete ersetzen soll, „Behinderter“ statt „Krüppel“ etwa oder „Schwarzer“ statt „Neger“, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch der saubere Begriff angepatzt wird – von den Vorurteilen der Sprecher nämlich. Das heißt: Solange wir die Vorurteile nicht in den Griff kriegen, gibt es keine vorurteilsfreie Sprache, jedenfalls nicht auf Dauer. Der neue Begriff nimmt die negative Bedeutung an – und muss seinerseits ersetzt werden. Deshalb Tretmühle.

Wollen wir also annehmen, dass die Kölner Polizei nur das Beste im Sinne hatte, als sie die Abkürzung „Nafri“ wählte. Zumindest sobald sie die Reihen der Polizei verließ – und das passierte, wenn auch in bescheidenem Maße, schon vor dem Silvester-Tweet –, begann sie ein Eigenleben zu führen. In rechten Zirkeln wird „Nafri“ gerne und abwertend verwendet: Von „Nafri-Dreck“ ist dann die Rede, von „Nafri-Mob“ – und flugs wird ein früher beliebtes Kinderlied umgedichtet: „Sieben kleine Nafrilein / die wollten klauen fix / sie kamen auf die falschen Frau'n / da waren's nur noch sechs“, heißt es da. In jeder Strophe begehen die „Nafrilein“ ein anderes Delikt.

Doch ganz abgesehen von der Vereinnahmung durch radikale Gruppen werden Abkürzungen prinzipiell schnell mit negativen Bedeutungen angereichert – erst recht, wenn sie Personengruppen betreffen. „Ami, go home“, hieß es doch. Und der Ösi, klingt er nicht doch ein bisschen läppisch?

E-Mails: bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2017)

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