Dieses Unwort des Jahres ist Diktatoren recht: "Volksverräter"

Nach "Lügenpresse" und "Gutmensch" wählte eine Jury in Darmstadt einen Begriff, der Toleranz als naiv, dumm und weltfremd verunglimpft.

Schließen
(c) APA/AFP/VANO SHLAMOV

Wahrscheinlich wird sich FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache am 1. Mai 2011 nicht gedacht haben, dass fünfeinhalb Jahre später ein von ihm in einer angriffigen Rede verbreitetes Kompositum ausgerechnet in Deutschland zu derart späten Unehren kommen werde. Aber ein auch sonst in seinen Kreisen freigiebig gebrauchtes Wort wurde soeben beim großen deutschen Nachbarn von einer Jury zum Unwort des Jahres gekürt:

Das Wort „Volksverräter“, so verkündete die Jury in Darmstadt, sei ein „Erbe von Diktaturen“, es verunglimpfe Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd. Dieser böse, 2016 offenbar besonders häufig gebrauchte Begriff hat den „Gutmenschen“ abgelöst, der 2015 dominierte – auch jenes Unwort richtet sich pauschal gegen Andersdenkende. Und 2014 hatte sich die dreiste Neuschöpfung „Lügenpresse“ durchgesetzt. Medien aller Art wurden damals und werden weiterhin sehr gern von den Extremisten bei AfD oder Pegida als schlimme Lügner diffamiert.

Was aber macht den neuen Verräter von 2016 aus, der zwar nicht ein ganzes Land preisgibt, aber zumindest jene im Volk, die sich für eben dieses halten? Wie verrät man so viele Leute? Lassen wir H.-C. Strache einfach zu Wort kommen: Am 1. Mai 2011 sagte er in einer ausufernden Rede in einem Bierzelt beim Urfahraner Jahrmarkt in Linz, die rot-schwarzen „Volksvertreter“, die gerade eine Öffnung des Arbeitsmarktes zugelassen hätten, seien „Volksverräter“. Hatte die Bundesregierung das Volk tatsächlich an den Osten verkauft? Der Chef der FPÖ (die damals noch keinen Freundschaftsvertrag mit Russlands autokratischer Einheitspartei abgeschlossen hatte, so offen war dieses blaue Naheverhältnis zum roten Zaren in Moskau damals noch nicht) meinte jedenfalls: „Der offene Osten geht auf unsere Kosten.“

Unter knapp 600 Vorschlägen aus dem deutschen Volk haben also honorige Linguisten wiederum ein Wort gewählt, das derzeit häufig von Rechtspopulisten herabwürdigend verwendet wird. Ob aber volkstümelnden Demagogen bewusst ist, dass seit dem 19. Jahrhundert vor allem Linksradikale über „Volksverräter“ wüteten, ehe auch die Nationalsozialisten diesen Vorwurf nutzten und in Willkür-Prozessen als schlimmstes Staatsverbrechen mit dem Tod bestraften?

Der Vorwurf geht zurück bis in die Antike. Wer bei den Römern zum „Volksfeind“ erklärt wurde, der war ein Gesetzloser. In der Französischen Revolution gab es für solche inneren Feinde nur ein Urteil: Kopf ab! Das Volk wurde dazu ermuntert, derartige Verräter zu verraten. So viel Konsequenz imponierte dann auch Lenin, und Stalin regte sie in den Dreißigerjahren zum Großen Terror an. Viele Schlächter, ob links oder rechts, nutzen dieses Unwort maßlos. Unter dem Pol-Pot-Regime in Kambodscha in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts genügte es, nicht pünktlich zur Zwangsarbeit zu erscheinen, um als Volksverräter hingerichtet zu werden.

Zum Wort des Jahres 2016 wurde übrigens im Vormonat von der Gesellschaft für deutsche Sprache „postfaktisch“ gekürt. Im Englischen entspricht ihm „post-truth“. Es verrät: Blanke Emotionen sind wichtiger als die bloße Wahrheit. Diesen modischen Ausdruck übersetzt man aktuell am besten mit „Trumpismus“ ins Denglische.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Dieses Unwort des Jahres ist Diktatoren recht: "Volksverräter"

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen