Die Brutalität des Geschäfts

Der Medaillenjubel verhallt schlagartig, wenn Stürze und Verletzungen die Schattenseiten schonungslos aufzeigen.

Der Kulm-Park und die Klinik Gut liegen in St. Moritz genauso nah beisammen wie Freud und Leid. Während Nicole Schmidhofer Dienstagabend noch die Medaillenzeremonie nach Super-G-Gold genoss, fand sich Teamkollegin Mirjam Puchner keine 24 Stunden später im OP-Saal wieder. Die Salzburgerin war im Abfahrtstraining auf der Piste Engiadina schwer gestürzt, die Folgen: Schien- und Wadenbeinbruch im rechten Bein, dazu eine Gehirnerschütterung. Die Ausführungen von ÖSV-Teamarzt Erich Altenburger gingen unter die Haut, Puchner musste ein 34 Zentimeter langer Nagel eingesetzt werden.

Österreichs Damenmannschaft wurde im laufenden Winter arg gebeutelt, Puchners Ausfall ist der bereits vierte nach jenen von Eva-Maria Brem (Unterschenkelbruch im linken Bein), Carmen Thalmann (Riss des vorderen Kreuzbandes im linken Knie) und Cornelia Hütter (Riss des vorderen Kreuzbandes sowie Riss des Innen- und Außenmeniskus im rechten Knie). Für ÖSV-Rennsportleiter Jürgen Kriechbaum lässt sich diese Misere nicht einfach mit Glück, Pech oder höherer Gewalt erklären, er rätselt: „Oft passieren sehr schwere Stürze ohne Verletzung, dann wiederum ist bei einem einfachen Sturz auch gleich ein Bein ab.“

Ist es also schlicht das Risiko des Geschäfts, das bei jedem Schwung mitfährt, bei jedem Sprung mitspringt? Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Ist die Zeitnehmung am Start erst einmal ausgelöst, dann liegt es nicht mehr allein in der Hand des Athleten, über Sieg oder Gesundheit zu entscheiden. Ängste wollen verdrängt werden, es mag nicht immer gelingen. Aber auf der Suche nach der schnellsten Linie werden oftmals Grenzen überschritten, dann nimmt das Risiko überhand. Eine Gratwanderung. Auch Michaela Kirchgassers Krankenakte ist eine ausführliche, ihre Knorpelschäden sind längst chronischer Natur. Kirchgasser erlebte den Sturz Puchners aus nächster Nähe, sie sah ihn vom Lift aus. Danach hörte sie die Schreie ihrer Teamkollegin, zum Weghören.

Schwere Verletzungen, das weiß Kirchgasser nur allzu gut, gehören genauso zum Skisport wie schnelle Kurven und weite Sprünge. „Nur sind sie in unserem Team leider zur Routine geworden. Und das ist die grausigste Routine, die es gibt.“ Puchners Sturz mag aus österreichischer Sicht am meisten interessieren, er war aber längst nicht der einzige dieser Tage. Der Monegasse Olivier Jenot liegt mit inneren Blutungen auf der Intensivstation, der Kasache Martin Khuber musste an der Halswirbelsäule operiert werden, zweiter und dritter Halswirbel wurden stabilisiert. „Er hatte einen großen Schutzengel dabei“, sagte Rennarzt Marcus Deplazes.

E-Mail: christoph.gastinger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2017)

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