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Magische christliche Gebete und Reis zur Kommunion

Christen im Japan des 17. Jahrhunderts sind die Helden von Scorseses Film „Silence“. Was er kaum zeigt: Sie glaub(t)en auf sehr spezielle Art.

Die Kommunion besteht aus Sake und Reis, Priestertum ist erblich, und keiner versteht die Gebete – Hauptsache, man sagt kein falsches Wort, sonst wirkt es nicht: So hat die Anthropologin Christal Whelan auf Goto Islands noch einige wenige uralte Kakure Kirishitan kennengelernt, letzte Nachfahren der „verborgenen Christen“. Ihr Christentum ist v. a. ein Ahnenkult, die Gebete lassen sich auf lateinische, portugiesische und spanische Texte des 16. Jahrhunderts zurückführen. Jene Zeit also, in der die ersten portugiesischen, spanischen Missionare hier um Einfluss gekämpft haben. Doch schon im 17. Jahrhundert wurden Japans Christen grausam verfolgt, davon handelt Martin Scorseses Film „Silence“, der heute in Österreich anläuft. (Eine Besprechung folgt morgen in der „Presse“.)

Merkwürdige Christen waren das– von Europa aus gesehen. Sie formten Christusstatuen, die wie Buddha, und Marienstatuen, die wie die Göttin Kannon aussahen. Sie machten aus der Märtyrerverehrung einen Ahnenkult und erzählten sich Geschichten, die wenig mit der Bibel zu tun hatten.

Aber man hat heute leicht darüber lachen: Die seltsame Verwandlung des Christentums im Japan der Edo-Zeit (1603–1868) hat auch damit zu tun, dass der Glaube kaum eine Generation lang frei verbreitet werden durfte, dass man Geschichten mündlich überliefert hat (weil Bibelbesitz zu gefährlich war) und religiöse Symbole findig verschleiern musste.

Der erste Missionar in Japan war ein Jesuit und Gefährte des Ordensgründers Ignatius von Loyola, Francis Xavier. Die Japaner, merkte er, hatten mit manchen Lehren große Probleme: Ein Gott, der alles, also auch das Böse erschuf, soll gut sein? Eigene Vorfahren sollen in der Hölle schmoren? Vielleicht sind uns die Japaner des 17. Jahrhunderts ja doch nicht so fremd.

anne-catherine.simon@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2017)

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