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Europa als Tafelrunde der Nationen, die Freiheit schaffen

Ja, es gebe eine veritable Krise unseres Kontinents, schreibt der Geisteswissenschaftler Marcel Hénaff. Doch dies könne auch heilsam sein.

Wird 2017 ein Horrorjahr für unseren Kontinent? Exit für Großbritannien, das Mittelmeer als Kampfzone, etablierte Parteien in Auflösung? Die Kulturzeitung „Lettre international“, eine Art erweiterte Union auf den Feldern des Geistes, hat Heft Nr. 117 einen Schwerpunkt verpasst, der sich mit antieuropäischem Populismus, Zuwanderung, Politik ohne Passion beschäftigt: „Was wird aus Europa?“, fragen Autoren aus Italien, England, Frankreich, Deutschland, Dänemark und Rumänien. Sie finden nur mühsam Antworten.

Wer weiß, ob bei all den riskanten Wahlgängen und Brexit-Beschwerden viele Entscheidungsträger die Zeit finden werden, sich mit diesen Texten auseinanderzusetzen. Zumindest mit Marcel Hénaffs Essay „Europas genetischer Code“ sollten sie sich aber beschäftigen. Der einstige Mitarbeiter des Anthropologen Claude Lévy-Strauss streitet nicht ab, dass Europa heute von Zweifeln gequält werde und einen Ruck nötig habe. Doch die Krise könne auch heilsam sein, behauptet der Uni-Professor aus San Diego. Sie rufe den Europäern in Erinnerung, dass sie ihre gemeinsame Existenz neu denken müssen.

Nein, eine „Nation Europa“ sieht er in absehbarer Zeit nicht, er fragt sogar, ob es je eine solche geben werde. Um zu ergründen, was solch ein komplexes Gebilde ausmache, geht er weit zurück, nicht nur zu griechischen, römischen und biblischen Quellen, die allgemein als konstituierend für diesen politischen Großraum angesehen werden, sondern zu einem noch älteren Erbe der Barbaren, mit Frühformen von Demokratie im Neolithikum, die bereits einen öffentlichen Raum schufen:„Wir haben nicht nur die jüngste Geschichte voller Konflikte zu überwinden, sondern, auf grundlegenderer Ebene, eine Jahrtausende alte Geschichte kultureller Divergenzen, die nie richtig analysiert oder angenommen worden sind.“

Kurz, verkürzt herausgefiltert, besagt diese Genese: Es sei vielleicht ein großes Glück für Europa gewesen, dass das Römische Imperium vor mehr als 1500 Jahren gescheitert ist. Zwar war das ein Hauptgrund für Kriege bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, doch zugleich ergab sich die Chance, aus der konflikthaften Vielfalt notwendig neue Institutionen und Organisationsformen zu finden. „In diesem Punkt hat die alte demokratische Ader Europa wahres Genie bewiesen.“ Es sei (nicht nur unter dem militärischen Schutz des Imperiums USA) erfolgreich darin, einen Raum für Konsens trotz vorhandener Konflikte zu etablieren. Ziel: dauerhafter Friede, produktiver Wettstreit.

Hénaff zitiert Kant: Es herrsche eine „ungesellige Geselligkeit“ von Nationen. Ihre Institutionen arbeiten daran, „eine Souveränität zu schaffen, die zwischen den existierenden Staaten aufgeteilt ist“. Europa konstruiert sich wieder einmal neu: „Das wäre der erste transnationale Staat dieses Typs.“ Eine Tafelrunde der Nationen, die „einen zivilen, staatsbürgerlichen Raum der Freiheit“ schaffen.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2017)

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