GEGENgift

Was unterscheidet Rot, Schwarz, Blau und Grün?

Wer Fragen zu den Wahlprogrammen der Parteien in Österreich ehrlich beantwortet, kann frustriert werden.

In subversiven Kreisen, etwa den guten Menschen im Gegengift, ist dieses Gesellschaftsspiel längst etabliert, vor allem im Herbst, wenn die buntesten Blätter fallen: im Netz auf wahlkabine.at zu prüfen, welch wahre Gesinnungen sich hinter Masken versierter Verstellung verstecken.

Vor der Nationalratswahl am 15. Oktober 2017, die eine unglaubliche Vielfalt auf dem Stimmzettel zu bieten vorgibt, saß bei mir nach einem ersten Test der Schock der Selbsterkenntnis besonders tief. Das bin doch nicht ich! Da beantworte ich gewissenhaft Fragen über sittlich gerechtfertigte Formen der Ehe, der Vermögenssteuer oder der Seenotrettung, und schon behaupten diese Inquisitoren, dass ich dieser oder jener Partei besonders nahestehe. Gehöre ich nicht längst zur glücklichen Gruppe spontaner Protestwähler? Offenbar habe ich mich getäuscht: Die Tester wollen zudem herausgelesen haben, dass ich die extremeren unter den Bewerbern für den Nationalrat regelrecht hasse.

Mein Ergebnis ist so peinlich, dass ich es a) auf keinen Fall verrate – nicht einmal im Kreis der Familie – und b) eine Wiederholung fordere. Die wesentlichen Fragen sind bei dieser gewissenlosen Wahlkabinen-Lotterie gar nicht gestellt worden! Wen interessiert denn hier in Erdberg wirklich, wie künftig ein Kommissionspräsident der EU gewählt werden soll? Das war doch bisher auch nicht transparent. Und über Brüsseler Sanktionen gegen Russland, für oder gegen die man sich entscheiden muss, sollen Fachleute entscheiden – die EZB, eine andere Bad Bank, der ÖGB, Sankt Pölten, die Agrar-Lobby oder irgendwelche deutsch-national-kommunistischen Putin-Fanboys, die gern feixend auf dem Roten Platz posieren.

Zu überlegen wäre eine Klage gegen wahlkabine.at. Ihre Fragen sind nämlich willkürlich aus dem Parteienchaos gerissen, während das Wesentliche fehlt: 1) Darf die noch aktuelle Koalitionsregierung den Bau einer Mauer auf dem Ballhausplatz unterbinden, ohne zuvor die „Kronen Zeitung“ um Erlaubnis gefragt zu haben? 2) Muss als Ersatz eine Asbest-Brandschutzmauer zwischen Kanzler- und Außenamt errichtet werden? 3) Darf die Familie des Bundeskanzlers ohne Bundeskanzler mit befreundeten Familien auf Urlaub fahren, ohne zuvor den Generaldirektor des ORF um Erlaubnis gefragt zu haben? 4) Sollen Kern und Kurz gemeinsam Ferien machen? Das möchte ich bis zur Wahl wissen. Alles andere ist tertiär.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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