Anstoss

Der ÖFB steht vor der nächsten Personalfrage

Der Rücktritt von Zlatko Junuzović aus dem ÖFB–Team wiegt schwer. Adäquaten Ersatz gibt es keinen.

Der Rücktritt von Zlatko Junuzović aus der Fußball-Nationalmannschaft kam zwar unerwartet, er passt bei näherer Betrachtung aber ins Bild, welches in den vergangenen Wochen rund um Österreichs Fußball entstanden ist. Nach Teamchef Marcel Koller und Sportdirektor Willi Ruttensteiner ist nun auch der fähigste Spielmacher seit Andreas Herzog Geschichte.

Junuzović sprach von privaten Gründen, die den Ausschlag gegeben hätten. Er wolle fortan mehr Zeit mit seiner Familie verbringen, sich ausschließlich dem Klubfußball widmen – sein expliziter Dank an Koller aber legt den Verdacht nahe, dass auch der Bremen-Legionär mit der jüngsten Entscheidungspolitik im Verband unglücklich war. Junuzović hätte noch einige gute Jahre im Nationalteam vor sich gehabt, war eben erst 30 Jahre alt geworden, allein Überzeugung und Wille schienen zu fehlen.

Mit Junuzović verliert das ÖFB-Team eine gestandene Persönlichkeit und einen Spieler, der in seinem Tun lange Zeit von vielen unterschätzt wurde. Dabei war der 55-fache Internationale in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2016 der überragende Akteur einer homogenen Mannschaft: In der Offensive belebend, in der Defensive beruhigend.

Als sich Junuzović früh im ersten EM-Spiel gegen Ungarn am Sprunggelenk verletzte, war Österreichs Weg bei dieser Endrunde ein Stück weit vorgezeichnet. Nach der Euro fand der Musterschüler nie wieder zu Form und Fitness vergangener Tage, der Abwärtstrend des Nationalteams ging mit jenem von Junuzović einher. Der Rücktritt des Leithammels erschwert zweifelsohne auch den Einstand des neuen Teamchefs. Er wird schon beim Trainingslager im November in Spanien gefordert sein, sämtliche Möglichkeiten auszuloten, den Ernstfall zu proben. Einen gleichwertigen Ersatz für einen sich in Form befindlichen Junuzović gibt es in Österreichs Nationalteam gegenwärtig nicht, das hat die WM-Qualifikation in aller Deutlichkeit belegt. Was bleibt also an Optionen, wer vermag die sich auftuende Lücke schnellstmöglich zumindest ansatzweise zu schließen?

Natürlich wird David Alaba ein Thema sein, es sei denn, Kollers Nachfolger sieht im 25-Jährigen tatsächlich einen der besten Linksverteidiger der Welt. Florian Grillitsch, 22, verfügt gewiss über das nötige Potenzial, benötigt aber dringend Spielpraxis bei Hoffenheim. Die naheliegendste Variante wäre wohl jene mit Alessandro Schöpf, 23. Der Tiroler hat schon bei der Euro 2016 in Frankreich in Ansätzen bewiesen, dass er für höhere Aufgaben durchaus berufen scheint.

Ein Kreuzbandriss sowie eine Viruserkrankung und Rückenbeschwerden warfen Schöpf zuletzt für beinahe sechs Monate aus der Bahn. Im Spiel gegen Hertha BSC könnte der Schalker heute sein Comeback geben. Ein solches würde fürs Erste auch den neuen Teamchef beruhigen.

christoph.gastinger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2017)

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