Marginalie: „Da verdrehen Wissenschaftler die Augen“

09.07.2010 | 18:36 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

„Nachdem Woody Allen ,Krieg und Frieden' am Stück gelesen hatte, sagte er: ,Es ging um Russland.‘“

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Ich werde aufgefressen“, klagte vor Monaten „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher im Buch „Payback“. Sein Problem: die Informationsexplosion durch Internet, Twitter und Co. Schirrmacher zufolge macht sie aus uns neue Menschen. Sie „verändert unser Gedächtnis, unsere Aufmerksamkeit und unsere geistigen Fähigkeiten, unser Gehirn wird physisch verändert, vergleichbar nur den Muskel- und Körperveränderungen der Menschen im Zeitalter der industriellen Revolution“.

Das alles war freilich schon im Jahr davor beim US-Wissenschaftspublizisten Nicholas Carr zu lesen. Carr machte 2008 mit seinem Artikel „Is Google Making Us Stupid?“ Furore. Die neuen Medien untergraben die Fähigkeit zu Konzentration und Kontemplation, behauptete Carr. Er bemühte dabei ein neurowissenschaftliches Phänomen, die „neuronale Plastizität“: nämlich, dass Synapsen, Nervenzellen, ganze Hirnareale sich durch die menschliche Erfahrung verändern können.

Jetzt werden diese Thesen in den USA erneut diskutiert, denn Carr hat sie zu einem Buch ausgebaut: „The Shallows: What the Internet is Doing to Our Brains“. Und zitiert darin unter anderem den Psychiater Gary Small, dessen Forschungen zufolge der Gebrauch der neuen Medien „schrittweise neue neuronale Pfade in unserem Hirn verstärkt und alte schwächt“. Durch das Internet werde das Hirn also quasi neu verdrahtet.

Na und? In der kognitiven Neurowissenschaft „verdreht man bei solchem Gerede nur die Augen“, meint nun der in Harvard lehrende kanadische Psychologe Steven Pinker. Tatsächlich verdrahte sich das Gehirn bei jeder neuen Erfahrung oder Fähigkeit neu, „die Information wird schließlich nicht in der Bauchspeicheldrüse gespeichert“, schrieb er in der „New York Times“ („Mind Over Mass Media“ – eine deutsche Fassung des Artikels erschien am Montag in der „Süddeutschen Zeitung“).


Doch Erfahrungen würden die grundsätzlichen Fähigkeiten des Hirns zur Informationsverarbeitung nicht neu ordnen: „Zwar haben Speed-Reading-Programme lange für sich in Anspruch genommen, sie würden genau das schaffen. Aber zu diesen hat bereits Woody Allen das gültige Urteil gefällt, nachdem er zuvor ,Krieg und Frieden' in einem Rutsch gelesen hatte: ,Es ging um Russland.‘“ Auch echtes Multitasking sei längst als Mythos entlarvt, „nicht nur durch Laborstudien, sondern auch durch den vertrauten Anblick eines zwischen den Fahrbahnspuren herumschlenkernden Geländewagens, dessen Fahrer am Handy seinen Geschäften nachgeht.“

Nicht ein Wissenschaftler hat heuer allerdings die Debatte um die kognitiven Auswirkungen des Internets am meisten befördert, sondern ein Literaturagent. John Brockman, der Autoren wie Richard Dawkins und Jared Diamond vertritt, fragte: „Verändert das Internet Ihr Denken?“ Die über 100 Antworten von bekannten Wissenschaftlern, Künstlern und Denkern auf www.edge.org zeigen vor allem: Die Antwort gibt es nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2010)

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