11.02.2012 09:02 | Meine Presse Merkliste0

Marginalie: Wer bekreuzigt sich in der St. Paul's Cathedral?

31.08.2010 | 18:43 |  BETTINA STEINER (Die Presse)

Alle reden von den Moscheen – wie und wo sie gebaut werden, was in ihnen geschieht, was dort nicht geschehen soll. Und die Kirchen?

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Im Jahr 1811 war Henri Beyle, besser bekannt unter dem Pseudonym Stendhal, das erste Mal in Florenz. Sein Weg führte ihn sogleich nach Santa Croce. Franz von Assisi soll diese Kirche gegründet haben, Michelangelo ist dort begraben. „Ich wurde von Gefühlen überflutet, die so tief gingen, dass sie von religiöser Ehrfurcht kaum zu unterscheiden waren“, schrieb er. Dann sperrte ihm ein freundlicher Mönch die Niccolini-Kapelle mit den Fresken Giottos auf – und um den Dichter war es geschehen. Er wurde von Herzklopfen befallen, es wurde ihm schwindlig, er drohte zu stürzen. Die Nachwelt nannte das „Stendhal-Syndrom“ – die vollkommene Ergriffenheit von „erhabener Schönheit“.

200 Jahre später in der St. Pauls Cathedral: Kein Mönch sperrt auf, dafür leitet ein rotes Band den Besucher zur Kassa. 12,50 Pfund berappt er für den Eintritt, nicht gerade christlich, das Kind zahlt 4,50. Ein Schildchen erläutert ihm die Funktion des Taufbeckens und des Altars. Touristen lauschen via Audio-Guides der Geschichte des großen Brandes von 1666 und des anschließenden Neubaus durch Christopher Wren oder steigen zur Flüstergalerie hinauf. Nicht alles ist ganz kirchentauglich, was da so geflüstert wird von der einen Seite der Kuppel zur anderen, aber man hat schließlich Eintritt bezahlt. Wer hungrig ist, für den gibt es ein Restaurant und ein Café. Das Café befindet sich in der Krypta, man konsumiert also seinen Cappuccino, den es in London zumindest dem Namen nach überall gibt, zwischen noblen Gebeinen. Interessanterweise scheint das niemanden zu stören. Das Restaurant wirbt mit Sonntagsmenüs und mit Afternoon Tea à la Duchess of Bedford. Diese Hofdame Queen Victorias soll das Teekränzchen erfunden haben. Am Ausgang gibt es Souvenirs. Die Sitte des Bekreuzigens ist jedenfalls, so scheint's, aus der Mode gekommen. Wo kein Wächter aufpasst, wird fotografiert. Wie heißt es so schön? Wer zahlt, schafft an. Das ist die Umkehrung des Spruchs: Nur was etwas kostet, ist etwas wert.


Nicht alle Kirchen sind so kapitalistisch durchgestaltet und so teuer wie die St. Paul's Cathedral. Venedig etwa gibt sich vergleichsweise wohlfeil, Prag ist schon ein bisschen teurer, dafür knipsen die Touristen hemmungslos die steinernen Bischöfe, die da in der barocken St.-Nikolas-Kirche streng auf die Gläubigen hinabblicken, was ihnen aber eh nicht mehr hilft. In Wien darf man in den Stephansdom wieder gratis hinein, zumindest ins Langschiff. Einen Shop gibt es auch, gleich beim Eingang links – er vertreibt neben CDs den Steffl in der Schneekugel, auch übers Internet zu beziehen. Eine Zeit lang war der Besuch des Doms an den Erwerb eines Audio-Guides geknüpft: Wäre Stendhal wohl in Ohnmacht gefallen, hätte ihm eine knarzende Stimme Jahreszahlen aufgesagt und die ersten Ansätze von Räumlichkeit in Giottos Fresken erklärt?

Kunstliebende London-Besucher mit schmalem Budget bevorzugen übrigens Museen: Sie sind gratis. Sie gehören, so die Begründung, der Allgemeinheit.


Wie soll man ergriffen sein, wenn einem via Audio-Guide Jahreszahlen eingeflüstert werden?


("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Top-News